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16. April 2011
Ein Besuch im Malteserschloss Heitersheim
Nicht von dieser Welt
Armut, Ehelosigkeit, Gehorsam – die Regeln der Vinzentinerinnen sind seit 400 Jahren unverändert. Ein Besuch im Malteserschloss in Heitersheim.
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Morgengebet in der Heitersheimer Schlosskirche. Die Reihen lichten sich. Denn immer seltener wollen junge Frauen Nonne werden. Foto: Andree Kaiser
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Schwester Maria Imelda Foto: -
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Schwester Jordana Foto: -
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Vor dem Essen wird gebetet. Über die Sitzordnung entscheidet das Los. Foto: Andree Kaiser
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Erwin Seifried ist der Hausgeistliche der Vinzentinerinnen. Foto: -
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Der neue Tag beginnt so, wie alle Tage hinter den Mauern des ehemaligen Schlosses Heitersheim seit mehr als hundert Jahren beginnen, mit dem Morgengebet der "Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul". Es ist kurz nach halb sieben. Zur Laudes und der Frühmesse kommen 35 Schwestern in die neobarocke Saalkirche. Platz böte sie für die vierfache Zahl. Das Knarren der Holzbänke ist das einzige Geräusch, das zu hören ist, neben leisem Räuspern und Hüsteln der Schwestern. 20 weitere sitzen oben auf einer Empore. Viele wirken gebrechlich, zwei brauchen einen Rollstuhl. Eine Holzbalustrade versperrt ihnen die Sicht auf den Altar. Dafür können sie auf zwei großen Flachbildschirmen verfolgen, wie der Hausgeistliche die Messe zelebriert.
Hier in der Schlosskirche scheint es, als ob jede Unruhe, jede Störung an ihren Mauern abprallen müsste. Es ist ein Ort zum Durchatmen, zum Einschwingen auf einen eigenen Rhythmus des Lebens, ein Ort, um die Seele zu lüften. Wer sich auf die Abläufe im klösterlichen Leben einlässt, der spürt auch: Es geht nicht darum, ständig etwas tun oder leisten zu müssen. Es genügt, einfach hier zu sein. Die "Barmherzigkeit", die die Schwestern in ihrem Ordensnamen tragen, liegt nicht allein in ihrem karitativen Tun, sondern auch – und heute vielleicht mehr denn je – in ihrer Präsenz, im stillen und diskreten Wachhalten der Ahnung von einem anderen Leben.
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jünger als 70 Jahre.
Eine Kreisstraße führt direkt am Schlossgelände entlang. Von ihr aus gelangt man durch einen Torbogen auf den Teil des Geländes, wo die Vinzentinerinnen leben. Der barocke Turm und die ehemalige Kanzlei, heute Haus St. Lazarus, sind in warmen Gelb- und Rottönen gestrichen, die Fensterläden blau und grün. Über dem Eingang hängt zwischen zwei Heiligenfiguren das prächtige alte Wappen des Malteser-Großpriors. Auf der gegenüberliegenden nördlichen Seite, an der Stelle der ehemaligen Kornkammer, steht das 1900 errichtete Haus St. Ludwig.
Ursprünglich war es ein Krankenhaus und dient heute als Pflegeheim. St. Ludwig ist die letzte Heimat für etwa 80 Ordensfrauen, die dort von Mitschwestern sowie 30 externen Pflegekräften und anderen Mitarbeitern betreut werden. Diese Frauen haben ihr Leben in Krankenhäusern verbracht, in Heimen, Kindergärten, Hospizen. Sie haben Gefangene besucht oder in der Dritten Welt Missionen mitaufgebaut. Jede von ihnen hat eine eigene Geschichte. Nur noch drei der Heitersheimer Vinzentinerinnen sind jünger als 70, die älteste ist 97. Der Begriff "Alter" hat hier eine ganz andere Bedeutung als draußen, wo die Firmen schon die Mittfünfzigerin in Vorruhestand schicken. Viele Schwestern haben mit 70 oder 80 Jahren noch einmal mit einer ganz neuen Tätigkeit begonnen. Schwester Maria Imelda zum Beispiel, Jahrgang 1939.
Ihr Leben lang hat sie mit Kindern gearbeitet, heute kümmert sie sich um ihre älteren Schwestern. Maria Imelda ist eine zierliche, aber drahtige Frau mit großen Augen und einer gesunden Gesichtsfarbe. In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich mit Seiden- und Hinterglasmalerei; ihre Arbeiten schmücken Flure und Räume des Schwesternhauses. "Die geborene Seidenmalerin", sagt Erwin Seifried, der Hausgeistliche. Ein Lob, das Maria Imelda abwehrt: "Ach nein, ich will mich doch nicht herausheben". Jeden Tag macht Maria Imelda ihren älteren Schwestern ein Angebot zum Zeitvertreib. Sie spielt mit ihnen, zeigt Filme, liest vor. "Es geht darum, Lebensqualität im Alter zu vermitteln", sagt sie, "für manche ist das schon ein freundlicher Blick." Von ihrem Herzenswunsch getrieben, der Arbeit mit Kindern, interessierte sich die damals 20-Jährige nach der Lektüre eines Buchs über den Ordensgründer Vinzenz von Paul für die Vinzentinerinnen. "Kommen Sie zu uns", warb die Noviziatsleiterin. "Bei uns können Sie auch Ihre Ausbildung machen." Und so sei es dann ja gewesen.
Neun Monate dauerte das Postulat, eine Art Kandidatur vor der eigentlichen Aufnahme in den Orden. Diese erfolgte mit der "Einkleidung". Danach begann sie ein einjähriges "kanonisches Noviziat" mit strenger Klausur im Freiburger Mutterhaus des Ordens. Es schlossen sich neun Monate praktisches Noviziat sowie zwei Monate Vorbereitung auf das Ordensgelübde an. Dessen Inhalt ist die Selbstverpflichtung auf die drei "evangelischen Räte": Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam.
Bis 1964 trugen die Vinzentinerinnen eine gewaltige Kopfbedeckung aus weißem Leinen. Inspiriert von der Tracht französischer Landmädchen, gab es sie als ausladende runde Flügelhaube oder in einer spitz zulaufenden Form. Sie konnten damals selbst am wenigsten dafür, aber mit ihrer Erscheinung verkörperten sie den Geist ihrer Kirche vor den Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965): bedacht auf Habitus und Zeremoniell, gravitätisch und streng doktrinär bis zur Erstarrung. Im Alltag kann das Tragen der Flügelhaube kaum ein Vergnügen gewesen sein, was ältere Schwestern bestätigen: "Ständig dieses Einreiben mit Stärke, damit der Stoff stocksteif wurde. War das eine Prozedur!" – "Und versuchen Sie mit dem Ding mal, Auto zufahren oder gar einzuparken!" Die Flügelhaube wurde schließlich abgelöst.
Es ist später Vormittag geworden. Auf den Pflegestationen mischt sich der für Krankenhäuser typische Geruch mit Essensduft. Es gibt keine Mahlzeiten für alle Schwestern gemeinsam. Je nach Pflegebedürftigkeit essen sie in kleinen Gruppen in eigenen Speisezimmern. Die 20 noch tätigen Schwestern kommen um 12 Uhr im Refektorium zusammen. Sie sitzen nicht – wie in manchen Klöstern – an einer langen Tafel, sondern an Einzeltischen. Beim Essen darf gesprochen werden. Alle vier Wochen tauschen die Schwestern per Losentscheid ihre Plätze: damit jede einmal mit jeder redet, wie Schwester Elisabeth erklärt. Vor dem Essen singen sie und beten den Angelus, das Mittagsgebet."Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft." Dass ausgerechnet bei diesen Worten das Telefon in der Ecke des mit dunklem Holz vertäfelten Raums klingelt, registrieren einige mit leisem Schmunzeln.
Für Spaß und Humor haben die Heitersheimer Vinzentinerinnen offensichtlich etwas übrig: In einem der Flure hängen Fotos von der Fastnacht an der Wand. Der Vinzenzsaal ist bunt geschmückt. Die Schwestern selbst sind– dezent – kostümiert. Pfarrer Seifried trägt in Verkleidung einen Sketch vor. Das sei immer eine große Gaudi, erzählt der Geistliche mit weißem Haar und Vollbart. Auch einige der Schwestern, berichtet Seifried, hätten kabarettistisches Talent und gäben davon gern etwas zum Besten. Das alles hört sich weniger nach freudloser Entsagung an, die man womöglich mit dem Begriff "Kloster" assoziiert, als nach intensiv gepflegter Gemeinschaft. Die Schwestern spielen zusammen, laden Referenten für Vorträge ein, sehen fern. Zur Fußballweltmeisterschaft entpuppt sich so manche als leidenschaftlicher Fan.
Die Räume im Haus St. Ludwig sehen aus wie Krankenzimmer – nüchtern, zweckmäßig möbliert. Die tätigen Schwestern bewohnen individuell eingerichtete Zimmer. Im Haus Lazarus gibt es sogar eine Art Doppelapartment. Schwester Jordana wohnt im Torturm. Der quadratische, etwa 25 Quadratmeter große Raum mit Waschgelegenheit in einer flachen Nische ist mit hellen Möbeln ausgestattet. Jordanas Großnichten haben ihr einen Wandkalender gebastelt. Die Fotos darauf zeigen zwei fröhliche Mädchen von acht und vier Jahren. Durch die Fenster nach Süden und Westen hat Jordana einen fantastischen Blick übers Land. Nach Norden schaut sie über den Innenhof auf das Haus St. Ludwig. "Damit ich weiß, wo ich mal hinkomme, wenn ich selber Pflege brauche", sagt sie.
Ein Leben hinter Klostermauern lag ursprünglich nicht in der Intention des Ordensgründers, des 1581 geborenen französischen Priesters Vinzenz von Paul. Er wollte, dass sich die Schwestern den Armen und Bedürftigen auf den Straßen der Städte und Dörfer zuwenden. "Sie haben als Kloster nur die Häuser der Kranken und das Haus, in dem die Oberin wohnt, … als Kreuzgang die Straßen der Stadt, als Klausur den Gehorsam,weil sie nur zu den Kranken und zu den zu ihrem Dienst notwendigen Orten gehen sollten, als Gitter die Gottesfurcht, als Schleier die heilige Bescheidenheit!", schrieb Vinzenz in einem Brief. Im Lauf der Jahre machte er Konzessionen an die kirchlichen Gepflogenheiten, nicht zuletzt mit Blick auf die Approbation seiner Gemeinschaft durch die Obrigkeit. So billigte er eine von seiner Mitstreiterin Louise de Marillac (1591-1660) verfasste Lebensordnung, eine Art Ordensregel. Er kreierte ein Ordensgewand und benannte die von Louise gegründete Gemeinschaft der "Filles de la Charité" (Töchter der Barmherzigkeit) in "Soeurs" (Schwestern) um. 1642 legten die ersten ihre Gelübde ab. Zu einer der bedeutendsten Gestalten in der katholischen Spiritualitätsgeschichte der Neuzeit wurde Vinzenz aber durch die Erfindung und Organisation dessen, was wir unter dem Namen "Caritas" kennen: des sozialen Dienstes katholischer Laien.
Die Niederlassung der Vinzentinerinnen in Heitersheim verdankt sich auch dem Bemühen, einem als Not erkannten Missstand abzuhelfen: der erbärmlichen Situation vieler junger Frauen Ende des 19. Jahrhunderts. Der Orden befand, "die Zahl jener armen Geschöpfe, welche durch Verführung, Armut oder eigene Schuld in die Höhlen des Lasters getrieben" worden seien, habe "in erschreckender Weise" zugenommen. Diese Frauen sollten "bei stiller Arbeit und Gebet in der Abgeschiedenheit von der Welt wieder einmenschenwürdiges Dasein führen können."
In jener Zeit waren die Orden eine der wenigen Institutionen, wenn nicht die einzigen, in denen sich Frauen sozial engagieren konnten. Der Ordenseintritt verhieß eine gesicherte Tätigkeit, ein gesichertes – wenn auch kollektiviertes – Auskommen, eine respektable Stellung. "Den Schleier zu nehmen", wie man die Entscheidung für das Leben im Orden nannte, das war für viele Frauen gleichbedeutend mit sozialem Aufstieg. Reich und berühmt konnten sie nicht werden, angesehen schon. Und sie konnten sich verdient machen. Viele nahmen dafür den Bruch mit ihren Familien und ihrem Umfeld in Kauf.
Heute ist die Situation anders. Keine junge Frau, die Kinder betreuen, in einem Krankenhaus arbeiten oder alte Menschen pflegen möchte, muss in einen Orden gehen. Ende 2009 lebten in Deutschland nur noch 22 000 Ordensfrauen. In nicht einmal 20 Jahren hat sich ihre Zahl halbiert – eine prekäre Entwicklung, wenn man zusätzlich bedenkt, dass heute mehr als jede fünfte Ordensfrau älter als 65 Jahre ist. Und auf die 1700 Klöster und Konvente in Deutschland verteilten sich zuletzt gerade 100 Novizinnen. Auch die Zahl der Vinzentinerinnen nimmt ab. Ende der 1930er Jahre, zählte die Freiburger Kongregation 1800 Schwestern. Heute sind es noch 200. Sie sind – man muss es so sagen – eine sterbende Gemeinschaft.
Wir waren wichtig."
Es ist Spätnachmittag geworden, über dem Schloss beginnt es leicht zu dämmern, als die Schwestern Elisabeth und Jordana zum Friedhof der Vinzentinerinnen spazieren. Er ist gleichsam das Fotonegativ von 120 Jahren Ordensgeschichte. Die erste Schwester wurde 1894 hier begraben. Der Friedhof ist ein langgezogenes Rechteck, eingefasst von mannshohen Hecken, in der Mitte eine Rasenfläche. Die nüchternen pultartigen Grabsteine sind aus unansehnlichem grauem, schnell verwitterndem Gussstein gefertigt. Auf jeden ist ein massives gleichschenkliges Kreuz aufgesteckt.
Was Schwester Elisabeth stört: dass auf den Grabsteinen immer nur das Todesjahr angegeben ist. "Wir sind doch nicht nur gestorben", sagt Elisabeth kopfschüttelnd. Und Jordana zeigt auf eine bestimmte Grabstelle. Auf dem Stein ist ihr Name zu lesen und das Todesjahr 1958. Der Name der Verstorbenen wurde noch im gleichen Jahr an eine junge Novizin weitergegeben.Sie trägt ihn bis heute: Jordana ist tot, es lebe Jordana! Auch dieses Detail der Ordenspraxis spricht vom gleichmütigen Umgang mit Leben und Tod, Vergangenheit und Gegenwart, Werden und Vergehen.
Die Schwestern machen sich auf den Rückweg. Der Tag endet so, wie alle Tage hinter den schweren Mauern des Heitersheimer Schlosses seit mehr als 100 Jahren enden, mit dem Nachtgebet. Und mit den friedvollen Worten aus dem 31. Psalm: "In Deine Hände, leg ich voll Vertrauen, meinen Geist."
INFO
Seit 1633 widmen sich die "Barmherzigen Schwestern des heiligen Vinzenz von Paul" Kranken und Notleidenden. An den Regeln, nach denen sie leben, hat sich wenig geändert. Die in Breisach lebende Künstlerin Kathrin Haller hat die Ordensfrauen im Malteserschloss in Heitersheim ein Jahr lang immer wieder besucht. Auch Andree Kaiser, in Freiburg lebender Fotograf und Pulitzerpreisträger, weiß nicht mehr, wie oft er die Schwestern mit seiner Kamera begleitete. Heraus kam ein außergewöhnliches Buch, das soeben im Ankerherz Verlag erschienen ist. 25 Nonnen sprechen darin über Liebe, Leid und Leben.
– Kathrin Haller (Hg). und Andree Kaiser (Fotos): Barmherzige Schwestern, Ankerherz Verlag Hollenstedt 2011, 240 Seiten, 29,90 Euro.
Autor: bz
Autor: Joachim Frank


