"Nie ein Held oder ein Opfer"

Dorothee Philipp

Von Dorothee Philipp

Do, 18. Januar 2018

Heitersheim

BZ-INTERVIEW mit dem Historiker Marc Zirlewagen, der ein Buch über seinen Großvater Gustav Zirlewagen veröffentlicht hat.

HEITERSHEIM. Gustav Zirlewagen war vom 9. August 1933 bis zum 18. April 1935 Bürgermeister in Heitersheim, wo er am 7. April 1900 geboren wurde. Mit seinem Namen ist nicht nur die kurze Amtszeit als Bürgermeister verknüpft. Zirlewagen hat auch zunächst als kaufmännischer Betriebsleiter, dann als Teilhaber und nach dem Krieg als Alleininhaber der Akkumulatorenfabrik Franka AG in Heitersheim Wirtschaftsgeschichte geschrieben.

Obwohl Zirlewagen Mitglied der NSDAP war, fiel seine Karriere als Bürgermeister den Intrigen des Kreisleiters Fritz Erley zum Opfer, der ihn nach seiner Absetzung sogar kurzfristig in "Schutzhaft" nehmen ließ. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Zirlewagen nach einem langwierigen Entnazifizierungsverfahren als "minderbelastet" eingestuft und zu 18 Monaten Haft verurteilt. Sein Enkel, der Historiker Marc Zirlewagen, hat nun als neunten Band seiner Familienforschungen eine vollständige und ausführliche Biografie von Gustav Zirlewagen vorgelegt. Der Titel: "Lokalpolitik und Akkumulatoren – Der Heitersheimer Bürgermeister und Fabrikant Gustav Zirlewagen".

Darin beleuchtet er anhand von zahlreichen, penibel recherchierten Quellen, Familiendokumenten, Fotografien und Auszügen aus behördlichen Schreiben die kommunal- und wirtschaftspolitische Bedeutung seines Großvaters. Die Biografie gibt einen tiefen Einblick in das Procedere politischer Verfahren in der Zeit des Dritten Reichs und der Besatzungszeit danach und verschweigt auch das familiäre Zerwürfnis Gustavs mit dessen Bruder und Firmenteilhaber Hugo Zirlewagen nicht, der ihn bei den Besatzungsbehörden denunziert hatte. Das Buch ist eine reichhaltige Quelle zur Heitersheimer Lokalpolitik, ergänzt durch ein ausführliches Personenverzeichnis, Zeitungsberichte, Dokumente und eine lange, aussagekräftige Literaturliste. Unsere Mitarbeiterin Dorothee Philipp hat mit Marc Zirlewagen gesprochen.



BZ: Wie haben Sie sich bei Ihren Recherchen gefühlt?

Zirlewagen: Seit ich den umfangreichen Dokumentennachlass meines Großvaters vor 30 Jahren erhalten habe, wollte ich eine Beschreibung seines Leben, das romanhafte Züge trug und wesentliche Erfahrungen seiner Generation widerspiegelt, in einem Buch festhalten und der Öffentlichkeit zugänglich machen. Im Blick hatte ich neben der Sicherung des Familiengedächtnisses einen Beitrag zur Regionalgeschichte. So ergänzt die Biografie über das öffentliche Wirken von Gustav Zirlewagen als Bürgermeister und Fabrikant die 2010 erschienene Heitersheimer Ortschronik um wesentliche Aspekte der NS-Zeit. Außerdem ist das Buch auch eine Firmenchronik der Franka, damals einer der größten Betriebe Heitersheims.

BZ: Haben Sie auch Unerwartetes gefunden, das sich nicht mit dem Narrativ der Familie deckt?

Zirlewagen: Die mündliche Überlieferung hat aus ihm nie einen Helden oder ein Opfer gemacht, sondern ihn so geschildert, wie er sich an den Wegmarken seines Lebens nach eigenem Wissen und Gewissen frei entschieden hat. Sein Einsatz gegen die Demokratie und die Kampagne gegen seinen Amtsvorgänger werden nicht beschönigt, seiner Leistung als Bürgermeister zum Wohl der Gemeinde und auch seinem Erfolg als Fabrikant begegnet die Familienerinnerung mit großer Achtung.

BZ: Haben Sie Ihren Großvater persönlich gekannt?

Zirlewagen: Mein Großvater starb leider einige Jahre vor meiner Geburt. Ihn nicht kennengelernt zu haben empfinde ich als schweren Verlust. Als Historiker konnte ich mich seinem Leben dafür aber unvoreingenommen nähern und den persönlichen Bezug ausblenden.

BZ: Sie haben zu Ihrer Familiengeschichte bereits umfangreich geforscht und publiziert, gibt es weitere Themen oder Personen, über die Sie schreiben wollen?

Zirlewagen: Neun Bände der Reihe "Das Familienarchiv" befassen sich mit der eigenen Familiengeschichte. Vor der Biografie von Gustav Zirlewagen habe ich mich unter anderem mit familiären Kriegserfahrungen beschäftigt. Hier sind ein Kriegstagebuch von 1870/1871 und Feldpostbriefe aus dem Zweiten Weltkrieg zu nennen. Sollten keine neuen Quellen auftauchen, gilt die Reihe als abgeschlossen. Neben meiner Beschäftigung mit der Studenten- und Universitätsgeschichte – ich habe die Geschichte der Vereine Deutscher Studenten und ihrer Mitglieder umfangreich aufgearbeitet – stehen nun Publikationen für meinen Arbeitgeber im Vordergrund. So ist unter anderem dessen Standortgeschichte in Frankfurt in Arbeit.

BZ: Welchen wissenschaftlichen Stellenwert hat für Sie als Historiker die Regional- und Lokalgeschichte?

Zirlewagen: Um die Vergangenheit wissenschaftlich zu erforschen und zu interpretieren muss man neben dem großen Ganzen auch die Geschichte vor Ort im Blick haben. Mit der Auswertung und Publikation des eigenen Familienarchivs leiste ich meinen Beitrag, um die allgemeine deutsche Geschichte um die Erfahrungen meiner Vorfahren in ihrem Umfeld in Heitersheim und Seefelden zu ergänzen und zu vertiefen.

Das Buch: Marc Zirlewagen, "Lokalpolitik und Akkumulatoren - Der Heitersheimer Bürgermeister und Fabrikant Gustav Zirlewagen", BoD – Books on Demand, Norderstedt 2017; 395 Seiten, gebunden; ISBN: 978-3-7460-1328-2.