Deadline-Experiment

Dieser Pfarrer verfasste seine eigene Todesanzeige – als Experiment

Lena Marie Jörger

Von Lena Marie Jörger

So, 18. Februar 2018 um 10:26 Uhr

Herbolzheim

Für ein "Deadline-Experiment" setzte sich Pfarrer Heiko Bräuning ein fiktives Sterbedatum. In Broggingen hält er dazu einen Vortrag . Vorab sprach er mit Lena Marie Jörger über das Thema.

"Heiko Bräuning, geboren am 7.11.1969, gestorben am 16.4.2016", steht in der Todesanzeige. Verfasst hat Heiko Bräuning sie selbst.

BZ: Herr Bräuning, sollten Sie nicht seit fast zwei Jahren tot sein?
Bräuning: Ja und nein. Wohlgemerkt: es war ein fiktives Sterbedatum. Da konnte mir natürlich keiner die Garantie geben, dass ich es erlebe oder überlebe. Die Chancen standen 50:50. Ich habe vier intensive Jahre darauf zu gelebt. Immer mit dem Wissen: Es kann sein, dass ich sterben werde, oder es wird nicht so kommen. Ich habe es überlebt. Gott sei Dank. Seit dem lebe ich nicht auf ein Sterbedatum zu, sondern von einem Sterbedatum her. Geschenkte Zeit! Das ist ein ganz besonders wertvolles Lebensgefühl.

BZ: Sie haben auch eine Todesanzeige gestaltet. Wieso macht jemand so etwas?
Bräuning: Ich hatte schon anderes gemacht: eine fiktive Grabrede vorbereitet, nach dem Motto: Was soll der Pfarrer am Ende über mich sagen. Aber das hat mich nicht so berührt und bewegt. Bei einer Sterbeanzeige sieht man, welche Namen am Ende übrig bleiben, welche Personen wichtig sind. Da sieht man, was das Leben ist: Ein kleiner Bindestrich zwischen zwei Zahlen – dem Geburtsdatum und dem Sterbedatum. Das bewegt: Denn für was genau soll der Bindestrich stehen? Es war auch das Datum der Bestattung. Jetzt war alles sehr, sehr realistisch, wenn auch fiktiv. Aber es hat geholfen, den Tod noch intensiver ins Leben zu holen.

BZ: Warum der 16. April 2016?
Bräuning: Das hatte keinen bestimmten Grund. Es war eine Entscheidung aus dem Bauch. Mir war im Sommer 2012 nur wichtig, dass die Zeit nicht zu kurz ist. Vier Jahre – das fand ich in Ordnung.

BZ: Wie hat sich Ihr Leben durch das Experiment verändert?
Bräuning: Das Wichtigste ist: Entscheidungen fällen! Wir schieben so viele Entscheidungen auf die lange Bank. Meinen, wir hätten ewig Zeit. Und dann ist es plötzlich zu spät. Von unseren Entscheidungen hängen aber unser Lebensglück und unsere Lebensqualität ab. Entscheide ich mich für die Zeit mit den Kindern, für den Abend mit dem Ehepartner, für oder gegen einen Beruf, der mir Erfüllung bringt? Sich nicht zu entscheiden, führt früher oder später dazu, dass wir viel bereuen. Ich erlebe seit zwei Jahren, dass dieser Punkt, mutig Entscheidungen zu treffen, zu einem Lebensstil geworden ist. Er ist nicht immer ganz angst- und sorgenfrei, oft mit Risiko behaftet. Aber das kann man meistern.

BZ: Kam Ihnen nicht manchmal der Gedanke: Das Datum ist ja nur fiktiv, also lebe ich einfach weiter wie bisher?
Bräuning: Doch, ehrlich gesagt schon. Aber mit was sollte ich mich trösten? Etwa mit der Garantie, dass ich am 16. April nicht sterben werde? Das hat mir mein Arzt nicht garantieren können. Ich als Pfarrer wollte mir das auch nicht Schwarz auf Weiß geben. Es ist eben so: 50:50. Es hätte schon sein können. In sofern kann man sich mit einem fiktiven Sterbedatum nicht vertrösten, aber man kann – ob man will oder nicht – auf diese Weise sein Leben neu erfinden.

BZ: Wie haben Sie den 16. April erlebt?
Bräuning: Es war die aufregendste Woche meines Lebens. Die Woche vor dem 16. April 2016. Angefangen von beruflichen Entscheidungen, familiären Entscheidungen, bis hin zu meinem Autofahrstil, der Gang zum Wertstoffhof, die schlaflose Nacht davor und die Ungewissheit, wie der Körper reagieren wird, wenn sich das Hirn einredet, man wird sterben … Mehr davon in Broggingen.

BZ: Was erwartet die Besucher noch?
Bräuning: Humor, Tiefgang, Cartoons, Videozuspieler, Geschichten, Erkenntnisse und hoffentlich viel Ermutigung! Ich möchte nicht referieren, wie wir perfekt sterben. Ich werde aber davon sprechen, wie der Tod zum Freund des Menschen wird und unser Leben bereichert.
Info:

Heiko Bräuning, Jahrgang 1969, aus Wilhelmsdorf ist evangelischer Theologe, Musiker, Autor, Journalist und Moderator. Er ist verheiratet und hat vier Kinder. Mehr unter http://www.deadline-experiment.de

Das Buch: Heiko Bräuning, Mein Deadline-Experiment: Vom fiktiven Sterben zum glücklicheren Leben, cap-books, Haiterbach-Beihingen 2017. 160 Seiten, 13,99 Euro.