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15. Januar 2016 20:39 Uhr

Schwanau

Herrenknecht überführt sein Unternehmen in eine Stiftung

Martin Herrenknecht, Vorstandschef des weltgrößten Herstellers von Tunnelvortriebsmaschinen, hat sein Unternehmen in eine Stiftung eingebracht. Nun äußert er sich erstmals zur Zukunft des Betriebs.

  1. Großes Gerät: Ein Tunnelbohrer von Herrenknecht Foto: Helmut Seller

  2. Martin Herrenknecht Foto: Eric Vazzoler/Agentur ZS 2014

Martin Herrenknecht hat innerhalb von vier Jahrzehnten ein kleines Ingenieurbüro zu einem Weltunternehmen gemacht. Mit 73 Jahren regelt nun einer der erfolgreichsten und kantigsten Persönlichkeiten der Region seine Nachfolge. Er will verhindern, dass sein Betrieb nach seinem Tod zerschlagen wird. Dazu hat er eine Stiftung gegründet, der nun der Hersteller von Tunnelbohrmaschinen gehört.

BZ: Herr Herrenknecht, Sie waren gerade mit Bundeswirtschaftsminister Gabriel in Kuba. Hat Kubas starker Mann Raoul Castro Ihnen schon den ersten Auftrag erteilt?
Herrenknecht:Die Kubaner haben angefangen, ihr kommunistisches Wirtschaftssystem umzubauen, das wird einige Zeit dauern. Sie haben die Unterstützung von Venezuela verloren und wollen sich nicht in zu starke Abhängigkeit von den USA begeben. Die kubanische Führung ist sehr interessiert an einer Zusammenarbeit mit Deutschland. Wir haben angeboten, Technik zu liefern.

BZ: Wollen Sie in Havanna U-Bahn-Tunnel graben?
Herrenknecht: Zunächst reden wir über Abwassertunnel.

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BZ: Wie steht es denn mit dem Interesse der deutschen Firmen an Kuba?
Herrenknecht: Riesig. Im Moment ist es sexy, nach Kuba zu reisen. Das Problem bei Geschäften ist die Finanzierung. Kuba sucht langfristige Finanzierungen, am liebsten Darlehen über 30 Jahre zu null Prozent Zinsen. Das können wir in Deutschland aber nicht machen. Das bieten höchstens die Chinesen.

BZ: Sie sind häufig dabei, wenn der Bundeswirtschaftsminister reist. Jetzt Kuba, vor kurzem der Iran. Was bringt das?
Herrenknecht: Wir machen nur fünf Prozent unseres Umsatzes in Deutschland, weitere 25 Prozent in Europa. 70 Prozent erwirtschaften wir im Rest der Welt. Wir müssen wissen, was in den verschiedenen Ländern läuft. Man bekommt einen viel besseren Eindruck, was sich tut, wenn man dorthin reist. Aus der Ferne kann man das nicht beurteilen.

BZ: Wie liefen denn die Geschäfte im vergangenen Jahr?
Herrenknecht: Die genauen Zahlen kommen im April. Aber ich kann sagen, wir haben den Umsatz um 15 Prozent gesteigert, die Gesamtleistung um sieben Prozent. Der Auftragseingang ist um vier Prozent gewachsen. Das sind für mich beruhigende Zahlen. Wir haben uns 2015 gut geschlagen und wir werden uns 2016 gut schlagen. Ich rechne damit, dass wir auch 2016 zulegen.

BZ: Was war denn das Glanzlicht des Jahres 2015?
Herrenknecht: Die Bosporus-Querung. Wir haben den doppelstöckigen Straßentunnel, der Europa mit Asien verbinden soll, in enger Partnerschaft mit unseren Kunden fertiggestellt. Das war das schwierigste Projekt, das wir bisher durchgeführt haben, in gewisser Hinsicht noch schwieriger als der Eisenbahntunnel unter dem Gotthard. Unter dem gewaltigen Wasserdruck zu arbeiten, das ist schon Wahnsinn. Vor zehn Jahren hätte man nicht daran denken können, so ein Projekt anzupacken. Da bin ich auch auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stolz, die da mitgearbeitet haben.

"Ich setze auf Südamerika. Da gibt es keine Religionskriege wie im Nahen und Mittleren Osten. Brasilien schwächelt zwar. Aber Peru, Ecuador, Kolumbien, Chile und Argentinien sind im Aufwind."

BZ: Wie macht sich bei Ihnen die Wachstumsschwäche der Schwellenländer bemerkbar? China wächst langsamer, Brasilien und Russland stecken in der Krise.
Herrenknecht: Ich setze auf Südamerika. Da gibt es keine Religionskriege wie im Nahen und Mittleren Osten. Brasilien schwächelt zwar. Aber Peru, Ecuador, Kolumbien, Chile und Argentinien sind im Aufwind. Wir liefern Maschinen für die U-Bahn in Lima. Wir verhandeln in Ecuador wegen der geplanten U-Bahn in Quito. Das sieht nicht schlecht aus.

BZ: Neben den Tunneln für Straßen, U-Bahnen oder Abwasser sind Sie vor einigen Jahren ins Geschäft mit Tiefbohrungen eingestiegen, um Öl und Gas zu fördern. Sie nennen das Vertikalbohren. Jetzt ist der Ölpreis sehr niedrig, es wird nicht investiert. Auch mit der Geothermie, der Energiegewinnung aus heißem Gestein im Untergrund, läuft nichts. Spielen Sie mit dem Gedanken, diesen Geschäftszweig aufzugeben?
Herrenknecht: Aufgeben steht nicht zur Debatte. Ich bin überzeugt, dass die Geothermie eine Zukunft hat. Vielleicht nicht in Deutschland. Die Deutschen sind, was neue Technologien angeht, Angsthasen. Nach den Hebungen in Staufen will niemand dieses Thema anpacken. In Frankreich ist Geothermie angesagt. Richtig ist jedoch, in der Öl- und Gasindustrie läuft zurzeit nicht viel.

BZ: Wie reagieren Sie?
Herrenknecht: Wir reduzieren das Vertikalgeschäft auf eine Kernmannschaft und warten, bis es wieder aufwärtsgeht.

"Der Umsatz geht zurück, wir gehen von rund zehn Millionen Euro für 2016 aus. Wir behalten eine Kernmannschaft."

BZ: Was bedeutet das bei Umsatz und Mitarbeiterzahl?
Herrenknecht: Der Umsatz geht zurück, wir gehen von rund zehn Millionen Euro für 2016 aus. Wir behalten eine Kernmannschaft.

BZ: Wie viele Mitarbeiter betrifft das?
Herrenknecht: Die Kernmannschaft besteht aus 35 Beschäftigten. Alle anderen haben wir in der Herrenknecht AG untergebracht.

BZ: Sind Sie Opfer der US-Wirtschaftsspionage geworden? Ihr Name taucht auf der Liste der Suchbegriffe auf, die der US-Nachrichtendienst NSA verwendet hat.
Herrenknecht: Nein, wir sehen uns nicht als Opfer und zerbrechen uns darüber auch nicht groß den Kopf. Ich sehe das sportlich. Wenn die uns anzapfen wollten, haben wir eine interessante Technik.

BZ: Sind denn bei Ihnen Leute geschult worden, die dem mexikanischen Drogenboss Guzman bei seiner Flucht aus dem Gefängnis geholfen haben? Da wurde ja ein ziemlich langer Tunnel gegraben.
Herrenknecht: Ganz sicher nicht. Dieser Tunnel ist – das können sogar Laien sehen – von Hand gegraben.

BZ: Herr Herrenknecht, 2015 wurde das Rating der Herrenknecht AG von der Ratinggesellschaft Euler Hermes erneuert. Das Rating ist ein Maß für die Kreditwürdigkeit. Sie haben die Note BBB bekommen. In der Begründung stand, eine bessere Bewertung sei nicht möglich gewesen, weil die Nachfolgeregelung für Sie als Firmengründer nicht geklärt sei. Sie sind 73 Jahre alt. Haben Sie die Nachfolge mittlerweile geklärt?
Herrenknecht: Ja. Ich habe im vergangenen Jahr eine Familien-Stiftung gegründet. In diese sind die Anteile an der Herrenknecht AG zum Jahresende 2015 eingegangen.

"Die Stiftung ist Eigentümerin. Damit ist beispielsweise die Gefahr gebannt, dass die Firma zerschlagen werden muss, um die Erbschaftssteuer bezahlen zu können."

BZ: Wo liegt der Vorteil einer Stiftung?
Herrenknecht: Die Stiftung ist Eigentümerin. Damit ist beispielsweise die Gefahr gebannt, dass die Firma zerschlagen werden muss, um die Erbschaftssteuer bezahlen zu können. Meine Kinder und meine Frau haben dafür auf ihren Pflichtanteil verzichtet, der ihnen eigentlich zustehen würde. Das ist ihnen nicht leicht gefallen. Ich habe ja immer das ganze Geld in die Firma gesteckt.

BZ: Wo hat die Stiftung ihren Sitz?
Herrenknecht: In Deutschland, wir gehen also nicht in die Schweiz.

BZ: Hätte Sie das nicht gereizt?
Herrenknecht: Eine Verlagerung wäre zu teuer. Ich nehme in meinem Alter einen Kredit auf und zahle Erbschaftssteuer von 15 bis 20 Millionen Euro.

BZ: Warum wird jetzt Erbschaftssteuer fällig?
Herrenknecht: Der Übergang des Firmenvermögens an die Stiftung wird wie ein Erbfall bewertet.

BZ: Warum nehmen Sie einen Kredit auf? Kann das die Firma nicht aus dem laufenden Geschäft erwirtschaften?
Herrenknecht: Ich möchte das Unternehmen dafür nicht in Anspruch nehmen. Die Erbschaftssteuer ist meine persönliche Angelegenheit.

BZ: Haben Sie denn auch schon einen Nachfolger an der Firmenspitze im Auge?
Herrenknecht: Wir haben fünf gute Vorstände im Unternehmen...

BZ: ...und einen Sohn.
Herrenknecht: Mein Sohn hat Maschinenbau studiert und arbeitet seit einem Dreivierteljahr in der Firma. Er kann sich entfalten und bewähren. Wir werden sehen. Bei der Nachfolge an der Firmenspitze gibt es keine Zwangsläufigkeit.

BZ: Das Thema Flüchtlinge beschäftigt alle in Deutschland. Sehen Sie eher Chancen oder eher Gefahren?
Herrenknecht: Ich sehe mehr die Chancen. Ich bin überzeugt, dass wir das schaffen. Es wird nicht so einfach wie in der Vergangenheit, als wir europäische Zuwanderer wie Türken, Portugiesen oder Italiener integriert haben. Damals gab es viel einfache Arbeit. Die wird heute von Maschinen erledigt. Deswegen kann es heute nur heißen: Bildung, Bildung, Bildung! Das fängt mit der Sprache an.

BZ: Gibt es Programme bei Herrenknecht, um Flüchtlinge in den Betrieb zu holen?
Herrenknecht: Wir legen da kein großartiges Programm auf. Wenn Flüchtlinge hier nach Schwanau kommen, kann ich mir vorstellen, jedes Jahr fünf oder sechs als Auszubildende einzustellen. Vergangenes Jahr haben wir beispielsweise sieben Spanier aus Pamplona geholt. Die konnten kein Wort Deutsch. Da muss man massiv helfen, damit sie die Berufsschule schaffen. Das wird bei den Flüchtlingen nicht anders sein.
Zur Person

Martin Herrenknecht (geb. 1942 in Lahr)
gründete 1977 die Herrenknecht GmbH. Mit einer neuartigen Vortriebstechnik revolutionierte er den Tunnelbau. Die heutige Herrenknecht AG ist Weltmarktführer auf diesem Gebiet. Das Unternehmen hat 2014 einen Umsatz von 1,082 Milliarden Euro erzielt. Angaben zum Gewinn macht Herrenknecht traditionell nicht.

Das Unternehmen hat zwar die Rechtsform einer Aktiengesellschaft, ist aber nicht börsennotiert. Die Firma beschäftigte zum Jahresende 2015 (2014) 5115 (5134) Mitarbeiter weltweit, davon 2643 (2580) im Stammwerk in Schwanau. Herrenknecht bildet 160 Lehrlinge aus.

Stiftung

Wer das Wort Stiftung hört, denkt zuerst an Wohltätigkeit. Bill Gates, der reichste Mann der Welt, hat einen großen Teil seines Vermögens in eine Stiftung eingebracht. Ihr Ziel ist es, Krankheiten zu bekämpfen. Neben solchen gemeinnützigen Stiftungen gibt es privatnützige Stiftungen, auch Familien-Stiftungen genannt. "Eine Stiftung ist wie eine Aktiengesellschaft, die sich selbst gehört", beschreibt Christoph Münzer, Geschäftsführer des Wirtschaftsverbandes WVIB, diese Konstruktion.

Wer sein Vermögen ganz oder in Teilen in eine gemeinnützige Stiftung einbringe, müsse keine Erbschaftssteuer zahlen, sagt der Steuerspezialist Professor Wolfgang Kessler von der Uni Freiburg. Wird ein Unternehmen in eine Familien-Stiftung eingebracht, ist alle 30 Jahre Erbschaftssteuer fällig. Die Stiftung zahle zudem 15 Prozent Körperschaftssteuer auf Gewinne. Was an die Familienmitglieder ausgeschüttet wird, müssen diese wie Kapitalerträge mit 25 Prozent versteuern.

Beispiele für große gemeinnützige Stiftungen in Deutschland sind die Bertelsmann-Stiftung oder die VW-Stiftung. Nicht wenige Firmen sind als Stiftungen organisiert, beispielsweise der Elektronikspezialist Bosch oder der Autozulieferer ZF in Friedrichshafen. In Südbaden gehören laut Münzer der Geschirrspülerhersteller Meiko in Offenburg oder der Medizintechnik-Hersteller Osypka in Rheinfelden Familien-Stiftungen.

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Autor: Jörg Buteweg, Bernd Kramer