Grenzübertritte ohne Reisepass

Herbert Geisler

Von Herbert Geisler

Do, 30. August 2018

Denzlingen

Eine Wanderung bei Denzlingen, Glottertal und Heuweiler zeigt die historische Grenze zwischen Baden und Vorderösterreich.

DENZLINGEN/GLOTTERTAL/HEUWEILER. Hier der Kaiser, dort der Markgraf. Diesseits katholisch, jenseits reformiert. Hier Vorderösterreich, dort Baden: Auf Einladung des Denzlinger Schwarzwaldvereins wanderte neulich eine gut ein Dutzend starke Gruppe entlang der historischen Trennlinie beider einstiger Territorien, an der sich heute noch Grenzsteine entdecken lassen.

Ohne Zollschranke
Das Suggental ist vom Einbollen und von Denzlingen aus nur wenige Laufminuten entfernt. Hätten sich die Gegebenheiten von vor gut zwei Jahrhunderten inzwischen nicht grundlegend geändert, befände man sich beim Erreichen dieses kleinen Waldkircher Ortsteils schon "im Ausland", auf fremdherrschaftlichem Gebiet. Man wäre von markgräflichem Grund und Boden aus auf den des Hauses Österreich gelangt.

Ein solches Hin- und Herwechseln, ohne eine Zollschranke passieren oder ihren Pass herzeigen zu müssen, gelang kürzlich jener Wandergruppe, die der Einladung von Klaus Holz und Barbara Hofmann vom örtlichen Schwarzwaldverein gefolgt waren. Es hieß, dieses historische Grenzgebiet zu erkunden. Absolviert wurde dabei nicht allein eine gut vierstündige Wanderung bergauf und bergab, sondern auch ein Geschichtskurs, den die eigene Inaugenscheinnahme und eine Handvoll verbürgter Episoden aus alter Zeit anschaulich machten.

Der Streit um den toten Bauern
Lisa Peltz steuerte diese Geschichten bei, wozu Dirk Glembin und Dieter Ohmberger vom Heimat- und Geschichtsverein Denzlingen Material aufbereitet hatten; das Erzählte war folglich historisch, nicht anekdotisch. Dazu gehörte die makabre Geschichte des Bauern Matthias Singler, der sich am 14. Oktober 1623 erhängt hatte – just auf der Grenze zwischen Baden und Vorderösterreich. Keine der beiden Seiten wollte die Verantwortung (und insbesondere wohl die Bestattungskosten) für diesen Toten übernehmen; so wurden Wachen bei dem hängenden Leichnam aufgestellt – von beiden Seiten. Der Behördenstreit zog sich gut zwei Wochen lang hin. Erst am 31. Oktober schließlich ließ die österreichische Seite den Verblichenen durch den Freiburger Scharfrichter vom Baum nehmen und den toten Körper schließlich verbrennen.

135 Grenzsteine
Weniger die großen Angelegenheiten der übergeordneten Verwaltungsorganisationen als kleinere Streitereien vor Ort waren schließlich der Auslöser, dass 1792 Grenzsteine gesetzt wurden. 135 Stück davon markierten seitdem jene Linie, die "hüben" und "drüben" klar erkennen ließ. Damit sollte künftig vermieden werden, was beispielsweise aus den Jahren 1660 oder 1779 belegt ist: Dass Denzlinger Burschen 380 Stück Vieh über Weideland trieben und behaupteten, dieses habe nur auf markgräflichem Boden gegrast, was etliche Heuweilermer sehr erboste, weil ihrer Ansicht nach die benutzten Weiden "ihr" Land waren. Oder dass Denzlinger Rossbuben Pferde ins Glottertal brachten und ihr Treiben einen Bauern (wieder aus Heuweiler) so in Rage versetzte, dass er ihnen "mit einem Eisen von einem Pflug" drohte und gar eines der Tiere damit verletzte.

Katholiken und Protestanten
"Geschichten von damals – solche Streitereien gibt’s heute Gott sei Dank nicht mehr", war danach aus der Runde zu hören. "Solche nicht – aber Auseinandersetzungen gab es noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg", kommentierte eine weitere Wandererin und nannte den Grund: "Religiöse Anlässe." Christoph Eckstein konnte den Ursprung dieser Verschiedenheit historisch belegen: 1556 hatte Markgraf Karl II. von Baden-Pforzheim/Durlach den protestantischen Glauben angenommen, für sich und (wie es den damaligen Zeitläuften entsprach) für seine Untertanen. Unterschiedliche konfessionelle Auffassungen führten immer wieder zu Reibereien. "In der Fasnacht zeigen sich Glaubensgrenzen auch als Mentalitätsunterschiede", formuliert diesbezüglich ein kurz vor der Jahrtausendwende erschienenes Geschichtswerk über Baden-Württemberg: "Hier katholische Sinnlichkeit, dort pietistische Lustfeindlichkeit.

Im großen Landeswappen von Baden-Württemberg erinnert der rot-weiß-rot geteilte Schild an Vorderösterreich, das 1805, nach Napoleons Sieg, unter den Verbündeten Baden, Württemberg und Bayern aufgeteilt wurde." Dieses Herrschaftsansprüche symbolisierende Wappen-Detail ist auf allen Grenzsteinen zu finden: Die eine Seite zeigt diese Querteilung, die Gegenseite jedes Steins hingegen den badischen Schrägbalken auf.
Verwittert und überwuchert
Mal lassen sich diese Hoheitszeichen auf den Steinen relativ gut erkennen, mal so gut wie nicht; sei es, weil der Stein stark verwittert ist und das Relief an ihm besonders gelitten hat, sei es, weil wucherndes Gestrüpp ihn überdeckt. Wie dem auch sei, von einem zum nächsten zum übernächsten und so weiter müht sich die Gruppe voran, gleich hinter Suggental den steilsten, schwierigsten Teil des Morgens bewältigend, um dann über den Einbollen hinweg bei Glottertal einfachere Bedingungen vorzufinden. Klaus Holz erspart seinem Trupp die härteste Begehung: "Hier verläuft die frühere Grenze durch unwegsames Gelände, da gehen wir drum herum und stoßen dann wieder auf unsere Linie", erläutert er an einer Stelle.

Suchen, finden, motivieren
Obwohl die Grenzsteine sich ähneln fast wie ein Ei dem anderen – die fortlaufende Nummerierung immerhin macht sie unterscheidbar –, ist das Auffinden jedes weiteren immer mit einem kleinen Spannungs- und Erfolgsmoment verbunden. Jeder weitere erreichte Stein markiert ja auch einen weiteren "Fortschritt" dieser Tour, das fördert die Motivation. In manchen Zonen allerdings muss man eine längere Strecke ohne die Zeitzeugen auskommen. "Manche von ihnen sind im Bauhof eingelagert", klärt Klaus Holz auf, "weil sie hergerichtet werden oder an bestimmten Stellen gestört haben." Letzteres kann der Fall sein, wenn sie land- oder forstwirtschaftlicher Bewirtschaftung im Weg waren.

Doch nicht nur auf den Boden richten sich die Blicke der Wanderer, immer wieder bieten sich ihnen schöne und schönste Ausblicke. So etwa, als sie von der Jugendhütte im Kirchenwald aus ins Freie treten. Da sieht man, vom "katholischen", einst vorderösterreichischen Heuweiler aus bis ins "protestantische", einst markgräfliche Denzlingen.