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05. September 2017 09:57 Uhr

Fall Maria L.

Hussein K. sagt aus – aber macht noch kein Geständnis am ersten Prozesstag

Vor dem Landgericht hat der Mordprozess gegen Hussein K. begonnen. Der Angeklagte machte umfangreiche Angaben, ehe die Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit fortgeführt wurde. Aussagen zur Tat gab es am ersten Prozesstag noch nicht.

  1. Hussein K. am Dienstagmorgen vor Prozessbeginn auf der Anklagebank. Der Medienandrang war groß. Foto: AFP

  2. Richterin Kathrin Schenk ließ keine Störungen im Gerichtssaal zu. Foto: dpa

  3. Oberstaatsanwalt Eckart Berger Foto: dpa

  4. Hussein K. wird beim Prozessbeginn am Dienstag in den Saal geführt. Rechts sein Anwalt Sebastian Glathe. Foto: dpa

  5. Die Polizei war vor dem Gericht im Einsatz, da an der Warteschlange Mitglieder der „Junge Alternative“ demonstrierten. Foto: dpa

  6. Zuhörer und Medienvertreter mussten durch eine Sicherheitsschleuse. Foto: dpa

  7. Am Tatort an der Dreisam erinnern Menschen mit Kerzen und Blumen an die getötete Studentin. Foto: dpa

Wer ist der Mann, der im vergangenen Oktober die 19 Jahre alte Studentin Maria L. in Freiburg vergewaltigt und getötet haben soll?

"Ich heiße Hussein, bin 19 Jahre alt und Afghane." So begann Hussein K. vor dem Landgericht in Freiburg seine Aussage im Prozess um den Mordfall Maria L. Dem Flüchtling wird vorgeworfen, die Studentin an der Dreisam misshandelt, vergewaltigt und getötet zu haben.



Bislang hatte sich Hussein K. nicht zu dem Tatvorwurf oder zu seiner Person geäußert. Doch gleich zu Prozessbeginn eine Kehrtwende: Der Angeklagte sagte aus – allerdings wurde auf Antrag des Verteidigers Sebastian Glathe von Richterin Kathrin Schenk verfügt, dass bei einzelnen Aspekten seiner Biografie die Öffentlichkeit ausgeschlossen wird. Für den Nachmittag rechneten Prozessbeobachter sogar mit einem möglichen Geständnis, doch nach der Mittagspause kündigte Verteidiger Glathe an, dass K. zu müde sei, um sich noch am heutigen Tag zur Tat zu äußern.

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Ausführliche Angaben zur Biographie – mit Widersprüchen

K. saß mit einem weinroten Sweatshirt und Jeans bekleidet auf der Anklagebank; auch während die Verhandlung lief, wurden im Hand- und Fußfesseln nicht abgenommen.Seine Einlassung machte Hussein K. auf Dari, so heißt die Sprache in Pakistan und Afghanistan. Ein Dolmetscher übersetzte. Einige wenige Sätze wechselte er zwischendurch mit seinem Verteidiger auf Deutsch.

K. gab an, in Afghanistan geboren worden zu sein – als Sohn einer Bauernfamilie, als zweites von vier Geschwistern. Er habe, so erzählte er, eine kleine Schwester, einen älteren und einen jüngeren Bruder. Der Vater sei 2010 als Märtyrer gestorben, so Hussein K. Er habe die Landwirtschaft aufgeben müssen und sei zum Militär gegangen. Im Krieg sei der Vater ums Leben gekommen. Freunde habe K. keine gehabt, sagte er auf Nachfrage von Richterin Schenk. Er habe den Spitznamen "Der, der klaut" gehabt, weil er seinen Eltern Geld gestohlen hatte. "Ich wollte auch die schönen Dinge haben, die andere hatten."

Mit zwölf Jahren sei Hussein K. in den Iran gereist – zum älteren Bruder. Er habe in Teheran in einem Metallbetrieb gearbeitet, schwarz, weil er keine Papiere hatte. Das habe zu Problemen mit der Polizei geführt. Mit eigenem Geld und der Unterstützung der Familie sei er dann in die Türkei geflohen und mit Hilfe von Schleppern schließlich nach Griechenland. Er war erst in Athen, kam dann über Beziehungen nach Korfu. Dort lebte er nach eigenen Angaben in einer Bauruine. Als das Geld aufgebraucht war, habe er sich seinen Lebensunterhalt durch Klauen finanziert. Über den Mordversuch – er hatte eine griechische Studentin über eine Klippe geworfen und war dafür auch verurteilt worden – wollte Hussein K. nicht sprechen. Der Fall, so Verteidiger Glathe, solle thematisiert werden, wenn es im Rahmen der Beweisaufnahme um die Vorstrafen gehe.

"Ich sagte aber, dass ich erst 16 sei, um eine bessere Unterbringung zu bekommen." Hussein K.
Hussein K. berichtete dann, wie er mit dem Geld der Familie über Mazedonien, Serbien, Slowenien und Österreich nach Deutschland gekommen sei. Zunächst sei er in Köln gelandet. Ein Bekannter, den er aus dem Iran kannte, habe ihm vorgeschlagen, nach Freiburg zu kommen. "Er zwang mich dazu, hier zu bleiben – eigentlich wollte ich weiter nach Schweden", so der Angeklagte.

K. gab zu, über sein Alter gelogen zu haben

In der Verhandlung vorgestellt wurde der Angeklagte als Hussein K., iranischer Staatsbürger, Geburtsdatum 12. November 1999. Dieses Datum steht jedoch massiv in Frage. Zwei nach der Tat angefertigte Gutachten gehen davon aus, dass der Tatverdächtige mindestens 22 Jahre alt ist.

Auch am ersten Prozesstag hakten Richterin und Staatsanwalt wiederholt nach. Fest steht nach den ersten Prozessstunden: Hussein K. hat bei den Behörden in Griechenland und Deutschland ganz unterschiedliche Geburtsdaten genannt. "Ich bin am 12.11.1376 geboren", sagte er mehrfach mit Hinweis auf die afghanische Zeitrechnung. "Wenn der Winter kommt, werde ich 20 sein."

Als er im November 2015 in Freiburg ankam, sei er 18 Jahre alt gewesen. "Ich sagte aber, dass ich erst 16 sei, um eine bessere Unterbringung zu bekommen, und um in die Schule gehen zu können." Er habe gewusst, dass es Vorteile bringe, wenn man minderjährig sei.

Details über sein Leben bei der Pflegefamilie in Freiburg

In Freiburg wohnte Hussein K. als angeblich minderjähriger Flüchtling bei der Familie eines Kinderarztes. Zustande gekommen war der Kontakt über die Frau der Familie, eine afghanische Übersetzerin. Sie bot ihm eine Unterkunft in ihrem großen Haus im Stadtteil Ebnet an. "Sie mochte mich." In der Familie sei es ihm sehr gut gegangen. Er habe ein eigenes Zimmer in einer eigenen, von der Pflegefamilie abgetrennten Wohnung gehabt. Die Familie habe in der oberen Etage gewohnt, er in der unteren. Er habe nur für sein Stockwerk und sein Zimmer einen Schlüssel gehabt. Die Pflegefamilie habe ihn kaum zu Gesicht bekommen, manchmal habe man zusammen gegessen.

Monatlich habe er 400 Euro bekommen für Essen, Kleidung und Fahrkarten für den öffentlichen Nahverkehr, sagte Hussein K. Ein Praktikum als Automechaniker verlief wenig erfolgreich. "Man wollte mir nichts beibringen", er habe nur den Teppichboden reinigen dürfen.

"Wir tranken Alkohol und konsumierten Haschisch." Hussein K.
In Freiburg besuchte Hussein K. nach eigener Aussage regulär den Unterricht der Vianova-Schule des privaten Trägers Wiese. Seine Fächer: Englisch, Computer, Deutsch. Abends habe er sich mit seinem Freund und manchmal auch mit anderen Jugendlichen im Park getroffen. Sie hätten Haschisch – etwa 1 Gramm am Tag – geraucht und zu zweit eine Flasche Wodka getrunken, manchmal auch Wein oder Bier. Das Haschisch habe er – "Immer zehn Gramm für 60 bis 70 Euro" – "in einem Park am Bahnhof", offensichtlich der Stühlinger Kirchplatz, gekauft. Bei dieser Aussage ging ein Raunen durch den Saal.

Etwa zwei Mal die Woche habe er auch Heroin konsumiert. Wegen der Drogen habe in der Schule die Aufmerksamkeit gelitten. "Ich habe mir nicht alles merken können." Er sei aber nicht der Schlechteste in der Schule gewesen.

Alkohol und Drogen habe er in Freiburg wieder verstärkt konsumiert, weil er Stress und psychische Probleme gehabt habe. "Ich hatte sehr viele Probleme." Ihn hätten auch Träume geplagt. Über die Art der Probleme wollte K. am Dienstag jedoch unter Ausschluss der Öffentlichkeit sprechen. Wegen seiner Probleme sei er auch regelmäßig zum Arzt gegangen und in psychologischer Behandlung gewesen.

In Freiburg war Hussein K. hauptsächlich mit der Straßenbahn unterwegs, er hatte allerdings auch ein Fahrrad, mit dem er von der Endhaltestelle Littenweiler nach Hause radelte oder von der Endhaltestelle Paduaallee aus zu einem Freund in Umkirch.

Bei einzelnen Aussagen von Hussein K. gab es ein Raunen im Zuhörerraum. Richterin Schenk ging sofort dazwischen und sorgte wieder für Ruhe im Saal IV. "Ich verbiete mir jegliche emotionalen Äußerungen."



Am Nachmittag war der Angeklagte zu erschöpft für Aussage zur Tat

Die Schilderung der persönlichen Geschichte von Hussein K. dauerte bis zum Mittag. Den leitenden Ermittlungsbeamten der Kripo, der als Zeuge für den Nachmittag geladen war, hatte die Richterin schon am Vormittag nach Hause geschickt.

Nach der Mittagspause wurde die Verhandlung um 15 Uhr fortgesetzt. Prozessbeobachter rechneten mit einem Geständnis des Angeklagten. Doch Hussein K. ließ das Gericht über seinen Verteidiger wissen, dass er zu müde sei und sich deshalb nicht zum Tatgeschehen äußern wolle. Lediglich die weiteren Angaben zu seiner Biographie, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit gemacht werden sollen, würde er noch schaffen. Das Gericht gab der Bitte des Angeklagten trotz des Einspruchs von Oberstaatsanwalts Berger statt.

Seine Aussage zum Geschehen in der Mordnacht wird nun für den kommenden Montag, den zweiten Verhandlungstag, erwartet.

Lange Schlange vor Gericht – und erhöhte Sicherheitsvorkehrungen

Der Prozess hatte unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen begonnen. Um 9.10 Uhr war Hussein K. in den Saal geführt worden, an Händen und Füßen gefesselt. Mit gesenktem Kopf nahm er auf seinem Stuhl hinter der Anklagebank Platz – ohne sein Gesicht vor den Objektiven der Fotografen und Kameraleuten zu verdecken. Verteidiger Glathe wiederum fotografierte mit dem Handy die umstehenden Medienvertreter.

Der Prozess hatte mit gut 15 Minuten Verspätung begonnen. Vor dem Landgericht an der Salzstraße hatte sich eine lange Schlange gebildet. Die ersten Neugierigen standen schon vor 7 Uhr vor der Eingangstür an. Die Sicherheitsvorkehrungen waren hoch. Alle Zuhörer und auch die rund 50 akkreditierten Medienvertreter mussten eine Sicherheitsschleuse wie am Flughafen durchlaufen – und wurden danach noch sehr gründlich durchsucht. Weil es nur eine einzige Schleuse gab, dauerte das viel länger als geplant. Im Saal gibt es 150 Plätze. Nur ein Teil der Wartenden ergatterte am Ende einen Sitz im Saal.

Von welchem Tatverlauf geht die Staatsanwaltschaft aus?

In der Anklageerhebung wirft Staatsanwalt Eckart Berger dem Angeklagten schwere Vergewaltigung und heimtückischen Mord vor. Er habe am 16. Oktober 2016 auf dem Fahrradweg an der Dreisam hinter der Nordtribüne des Schwarzwaldstadions die vorbeifahrende Maria L. attackiert. Er habe der 19-Jährigen in den Fahrradlenker gegriffen und sie so abrupt zum Stehen gebracht. Dann habe er ihr den Mund zugehalten und die junge Frau gewürgt. Schon da, so der Staatsanwalt, sei das Opfer mutmaßlich ohnmächtig geworden. Er habe sie in den nicht mehr beleuchteten Teil hinunter auf den Grünstreifen an der Dreisam geschleift, habe ihr die Kleidung über den Kopf gezogen und sich an ihr vergangen.

Hussein K. soll sein Opfer unter anderem in Wange, Brust und Unterbauch gebissen, sie sexuell missbraucht und schwer misshandelt haben. Dann soll er Maria L. über einen Brombeerbusch hinweg in die Dreisam gelegt haben – Mund und Nase unter Wasser. Das Opfer sei wenig später ertrunken, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben, so der Ankläger. Im Anschluss an die Verlesung stellte der Staatsanwalt in Aussicht, nach einem Schuldspruch die Sicherungsverwahrung beantragen zu wollen.

Warum will die Verteidigung einen Ausschluss der Öffentlichkeit?

Nach der Anklageverlesung erteilte die Richterin Hussein K. das Wort. "Ich habe nichts zu erzählen und nichts zu sagen", übersetzte der Dolmetscher seine Antwort. Verteidiger Sebastian Glathe wiederum erklärte, dass sich sein Mandant – entgegen seiner ursprünglichen Absicht – sehr kurzfristig entschieden habe, sich zu seiner Person und zur Sache zu äußern. Dies bestätigte Hussein K. dann auf eine zweite Nachfrage.

Glathe beantragte daraufhin, die Öffentlichkeit für die Aussage des Angeklagten zu seiner Person – nicht aber zur Sache – auszuschließen. Der Verteidiger begründete dies damit, dass die persönlichen Angaben den Intimbereich, religiöse Einstellungen und das Familienleben betreffen würden, "die nicht für unbefugte Dritte bestimmt sind", so Glathe. Er deutete an, dass Hussein K. 2011 in Afghanistan sexuellen Angriffen von Seiten der Taliban ausgesetzt gewesen sei.

Eltern von Maria L. sind nicht im Gericht anwesend

Den Ausschluss der Öffentlichkeit lehnten sowohl Staatsanwalt Berger als auch Anwalt Bernhard Kramer, der Vertreter der Nebenklage, ab. Sie glauben, dass die Angaben zur Person und die Tat selbst eng zusammenhängen. Die Eltern von Maria L. treten als Nebenkläger auf, sind aber – wie vorher angekündigt – nicht persönlich im Gerichtssaal anwesend.

Nach einer etwa 40-minütigen Unterbrechung entschied Richterin Kathrin Schenk, dem teilweise zu entsprechen. Sie verfügte, dass Zuschauer und Presse den Saal bei der Aussage des Angeklagten zu drei Aspekten seiner Biografie verlassen müssten. Auch bei den Plädoyers ist die Öffentlichkeit ausgeschlossen.

Warum verhandelt die Jugendkammer?

Weil die Jugendkammer davon ausgeht, dass der Angeklagte mindestens 19 Jahre alt ist, findet die Verhandlung öffentlich statt, wie Richterin Kathrin Schenk erklärte.

Für den Prozess sind 16 Verhandlungstage angesetzt, 45 Zeugen sollen gehört werden. Das Urteil könnte nach dem Zeitplan des Gerichts am 8. Dezember fallen. Nächster Verhandlungstag ist der Montag.

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Autor: Joachim Röderer, Frank Zimmermann (aktualisiert um 16.58 Uhr)