"Ich würde das Recht auf Faulheit hinzufügen"

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Do, 06. Dezember 2018

Lörrach

BZ-SERIE Menschen- und Kinderrechte: Interview mit dem städtischen Kulturamtsleiter Lars Frick über Menschenrechte, den Menschenrechtsweg und Demokratie.

LÖRRACH. Was bedeuten die Menschen- und Kinderrechte? Das Junior-Team und die Hochschulgruppe von Unicef haben viele Menschen in Lörrach dazu befragt. Diesmal sprach die Lörracher Unicef-Vorsitzende Christine Langen mit Lars Frick vom städtischen Kulturamt über Menschenrechte, den Menschenrechtsweg und Demokratie allgemein.

Unicef: Lörrach rühmt sich, ein besonderer Ort der Demokratie zu sein. Warum?

Frick: Zum einen, weil wir mit dem 21. September 1848 das historische Datum hatten, als Gustav Struve hier in Lörrach zum ersten Mal die Republik auf deutschem Boden ausgerufen hat. Das hat zwar nicht sehr lange gedauert, war aber in der Geschichte der Demokratieentwicklung in Deutschland ein ganz besonderes Datum und insofern in Lörrach auch Grund zu bedenken.

Unicef: In Lörrach feiern wir seit drei Jahren den "Tag der Demokratie". Was bezwecken Sie mit diesem Fest?

Frick: Zweck ist zum einen das Bewusstmachen der besonderen Geschichte in Lörrach. Zweitens geht es darum, den Wert der Demokratie hervorzuheben. Anlass darüber nachzudenken, den Tag der Demokratie zu feiern, sind der zunehmende Populismus in Deutschland und Entwicklungen in Europa, die dem Gedanken der Demokratie zuwiderlaufen. Beides beobachten wir mit Sorge, und es gilt, etwas Positives dagegen zu setzen.

Unicef: Menschenrechte und Demokratie: Wo ist der Zusammenhang?

Frick: Für mich bedingt das eine das andere. Menschenrechte sind ohne Demokratie ebenso wenig denkbar, wie Menschenrechte ohne Freiheit und Demokratie. Da ist die Frage, was entwickelte sich zuerst. Ich denke Demokratie und Menschenrechte gehen Hand in Hand.

Unicef: Welchen Auftrag in Bezug auf die Menschenrechte hat die Kultur?

Frick: Es gibt das Recht auf freien Zugang zu Kultur. Kultur hat viel mit Bildung zu tun und diese beinhaltet auch die Verbreitung und Erhaltung der Menschenrechte.

Unicef: Die diesjährige Unicef-Kampagne heißt "Kindheit braucht Frieden". Welchen Beitrag kann Kultur dafür leisten?

Frick: Kultur hat eigentlich immer etwas mit Frieden zu tun, ist für mich der Gegenentwurf zum Krieg, denn Kultur beinhaltet Schaffenskraft und Krieg bedeutet Zerstörung. Es gab zwar zum Beispiel im Ersten Weltkrieg fanatische Kriegsbefürworter unter den Künstlern, denn Kunst per se ist nicht pazifistisch, aber ich sehe uns in der Rolle, Kultur für die Erhaltung und Schaffung von Frieden zu nutzen.

Unicef: 70 Jahre Menschenrechte – würden Sie heute noch weitere hinzufügen?

Frick: Ja, ich würde das Recht auf Faulheit hinzufügen. Gerade im Zusammenhang mit dem Recht auf Arbeit, das heutzutage oft als Pflicht zur Arbeit umgedeutet wird, muss es auch den Raum für Müßiggang geben, in welchem sich Kreativität und Leben entfalten kann. Ich denke auch, künftige Generationen werden sich in Folge der galoppierenden Digitalisierung die Frage stellen müssen, was ist Mensch, was gehört zum menschlichen Leben? In der Weiterentwicklung von Robotern, von Androiden, von künstlicher Intelligenz, von konstruierten Wesen, die denken, eigenständig handeln und sogar fühlen können, muss man die Grenzen vielleicht neu ziehen. ...

Unicef: Die Menschenrechte haben in unserem Grundgesetz ihren Niederschlag gefunden. In Deutschland herrschen seit 70 Jahren Demokratie und Frieden. Wie können wir diesen in sich verändernden Verhältnissen sichern?

Frick: Indem jeder Einzelne zum Frieden beiträgt. Es gibt ein afrikanisches Sprichwort, das oft auch auf Kirchentagen verwendet wird: "Viele kleine Menschen an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern." Jeder kann in seinem Umfeld etwas beitragen zum Frieden in der Welt. Im Engagement für die Welt kann man die gefühlte Ohnmacht überwinden und Selbstwirksamkeit erfahren.

"Ich sehe uns in der Rolle,

Kultur für die Erhaltung und Schaffung von Frieden

zu nutzen."

Unicef: Lörrach gewährt geflüchteten Menschen eine freundliche Aufnahme. Könnte der Tag der Demokratie auch als eine Demonstration unserer Werte verstanden werden, in welcher Menschen jeder Herkunft ihren Platz haben?
Frick: Ja auf jeden Fall.

Unicef: Wir sehen wankende Demokratien außerhalb Deutschlands und bedenkliche Strömungen auch innerhalb unserer Grenzen, die Anlass zu Sorge um die Errungenschaft der Grundrechte geben. Ich denke, aus gutem Grund verbindet sich der Tag der Demokratie dieses Jahr mit dem Menschenrechtsjubiläum. Was ist Ihre Botschaft?

Frick: Demokratiegeschichte ist eine Geschichte der Brüche und Rückschläge. Ich sehe die Aufgabe der Gesellschaft darin, das Gute aus der Geschichte fortzuführen. Grundlage einer Demokratie ist für mich, dass wir offen bleiben. Ein Kabarettist sagte es einmal mit drastischen Worten: "Es gibt nicht Inländer und Ausländer, es gibt nur Gute und Arschlöcher, und das auf beiden Seiten."

Unicef: Struve damals, der Menschenrechtsweg heute. Sehen Sie Verbindungen?

Frick: Struve hat unter Einsatz von Leib und Leben Grundrechte und Demokratie proklamiert. Es gab eine Revolution. Heute sind die Verhältnisse bei uns zum Glück friedlicher. Wir müssen bei unserem Engagement nicht um Leib und Leben fürchten und der Menschenrechtsweg zettelt keine Revolution an. Wir sind an einem anderen Punkt in der Geschichte, aber auch heute ist es wieder oder immer noch notwendig, Demokratie und Menschenrechte zum Erhalt des Friedens ins Gedächtnis zu rufen.

Lars Frick (49) ist Politikwissenschaftler und leitet seit Anfang 2013 den Fachbereich Kultur und Tourismus bei er Stadt Lörrach.