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03. Juni 2011

Im Bild bewahrte Vergänglichkeit

Neue Ausstellung im Georg-Scholz-Haus in Waldkirch zeigt ab Sonntag Werke von Hanns Martin Erhardt.

  1. Vergänglichkeit ist das Thema von H. M. Erhardt, der ab Sonntag im Georg-Scholz-Haus ausstellt. Foto: Gastiger

WALDKIRCH. Nein, es sind nicht die Vagabunden Wladimir und Estragon, die auf Godot warten, ohne zu wissen, wer oder was Godot eigentlich ist, nicht die Protagonisten des Samuel Becketts Drama, nein, es sind die Protagonisten der neuen Ausstellung "Die Vergänglichkeit", die am Sonntag im Georg-Scholz-Haus eröffnet wird – der Künstler Hanns Martin Erhardt und sein Enkelsohn – die da am Montagnachmittag warten, dass ihnen das Georg-Scholz-Haus aufgeschlossen werde. Erfolglos. Ein kleines Malheur am Rande. Am Ende hat sich das Warten in diesem Falle jedoch gelohnt.

Eine der prägendsten Lebensphasen des nunmehr 76-jährigen Hanns Martin Erhardt, der auf ein reiches und erfülltes Leben zurückblicken kann, waren – wie er uns wissen lässt – die Begegnungen des jungen Künstlers mit dem irischen Dramatiker Samuel Beckett in den 60er Jahren, mit und für den er Theaterbilder damals fertigte. Wie Samuel Beckett lehnt Hanns Martin Erhardt jegliche Kategorisierung, jegliches "Schubladendenken" hinsichtlich seiner Werke ab. Für Beckett ist die Welt "eine Clowns-Arena, ein tiefgründiges Comedia-Gerüst, ein Ritus von Stegreifnummern", die in ihrer Paradoxität ihre faszinierende Wirkung haben. Beckett hat Sätze geprägt wie: "Das Leben ist die Pause zwischen zwei Toden" oder "Nichts ist komischer als das Unglück!" Becketts Figuren bewegen sich zwischen Furcht und Hoffnung, jedoch weit davon entfernt nihilistische Personen darzustellen, sondern sie sind religiöse Optimisten. Und so sieht sich auch Hanns Martin Erhardt selbst.

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Ein weiterer Schwerpunkt des künstlerischen Schaffens von HM Erhardt ist das Thema "Heimat", mit dem er sich schon in jungen Jahren zwangsläufig beschäftigen musste nach dem erlebten Inferno des Zweiten Weltkrieges. So sagt er selbst: "Meine Heimat in den Vorbergen des Schwarzwaldes lag weitab aller Ereignisse in scheinbar tiefem Frieden. Die Zeit verlief wie eh und je nach den Regeln der Schöpfung, eingeteilt in Tag und Nacht und die Jahrzehnte. Außer dem Pfarrer in der Predigt und der Lehrerin redeten alle Leute um mich herum in der niederalemannischen Mundart. In der Schule lernten wir zwei, drei Gedichte "vom Hebel" (Johann Peter Hebel) auswendig. "Diese Beschaulichkeit", so Hans Martin Erhardt weiter, "wurde am 27. November 1944 von 342 Lancaster-Bomben in Grund und Boden gestampft". Als eben Neunjähriger habe er das damalige Entsetzen als Schauspiel aus sicherer Entfernung erlebt; für sein Malerleben blieb es "eminent wichtig und immer wieder auftauchendes inneres Bild".

Heimat sei ihm auch in den vielen Jahren seines Lebens und Wirkens als Künstler und Lehrer in Karlsruhe nicht gewachsen, erzählt Erhardt. "Hochmut, Ungeist und Verbrechen der Vätergeneration – je mehr davon an den Tag kam, desto mehr haben sie mir das Deutscher-Sein zur Qual, die Heimat zum Unort vergällt."

So gründete er im Languedoc in Frankreich, dem Heimatland seiner Frau Margot Clouth, eine zweite Heimat. Aber auch dort findet er keine wirkliche Heimat für sich. Der Mangel bleibt, auch eine gewisse Leere, die Heimat vielleicht doch bei der "Gebrannten Eiche"? Jedenfalls lebt und arbeitet Hans Martin Erhardt nach fünf Jahrzehnten des Pendelns zwischen dem Badischen und dem Languedoc nunmehr wieder in Emmendingen, und dort in der Blechnereiwerkstatt seines Großvaters sind auch überwiegend die Werke entstanden, die er in dieser Ausstellung zeigen wird – also bislang überwiegend noch nicht der Öffentlichkeit gezeigte und nahezu alle in den letzten Jahren entstandene Arbeiten – ein Spätwerk, anknüpfend an die Themen seiner Jugend.

Die Räumlichkeiten des Georg-Scholz-Hauses in Waldkirch hat er dazu thematisch eingeteilt. So finden sich Räume zu Samuel Beckett, Heimat, Musik, Stillleben, die Vergänglichkeit, zu Gedichten von Johann Peter Hebel. Unterschiedliche Praktiken von Malerei bis hin zu Druckgrafiken sind ab 5. Juni zu besichtigen. "Seine reflektiven Bilder wollen eine Einladung sein zur Erfahrung von Transzendenz, Metaphysik und Geist", ist über Erhardt im Internetlexikon Wikipedia zu lesen. Noch zu bemerken ist die totale Aversion des Künstlers, der sich zeit seines Lebens der Kulturindustrie und dem offiziellen Kulturbetrieb entzog. Seiner Auffassung ist dieser auch überwiegend völlig "verderbt" , aber er hat eigens für das Georg-Scholz-Haus in Waldkirch nunmehr eine Ausnahme gemacht.

Die Einführungsveranstaltung am kommenden Sonntag um 11 Uhr wird dem immer noch kantig gebliebenen Alemannen, der selbst anwesend sein wird, gefallen: Der Freiburger Schauspieler Manfred Burkhard wird das Gedicht von Johann Peter Hebel "Die Vergänglichkeit" vortragen und der Buchhändler Roland Burkhart (Buki) wird Alemannisches singen. Die Ausstellung dauert bis zum 17. Juni.

Autor: Nicola Gastiger