Im Schatten des Münsters

Bärbel Nückles

Von Bärbel Nückles

Di, 21. August 2018

Kunst

Die Straßburger Kirche Saint-Pierre-le-Jeune hat eine wechselvolle Geschichte. Bei ihrer nötigen Restaurierung wird die Gemeinde im Stich gelassen.

Morgens stehen einige Leute vor dem Portal, bevor es für Besucher öffnet. Es sind keine Massen wie vor dem Straßburger Münster. Sie haben abseits der Hauptattraktion den Weg zu dem schattigen Platz mit der Kirche Saint-Pierre-le-Jeune gefunden. Wenn sie den Kirchenraum betreten, der über und über mit farbigen Malereien bedeckt ist, reagieren sie mit einer Mischung aus Erstaunen und Freude. Freitags lädt die Gemeinde jetzt in der Ferienzeit zu Führungen und Konzerten in der Kirche und im Kreuzgang. Die Menschen empfänden, dass sie eine Ausstrahlung habe, die sich durch ihre Architektur allein nicht erklären lasse, sagt Philippe Eber, seit sechs Jahren Pastor von Saint-Pierre-le-Jeune.

Seine Kirche, die zu den bedeutendsten Sakralgebäuden der Stadt gehört, besitzt nicht die Perfektion der fußläufig entfernten Kathedrale. Sie lässt einen nicht den Atem anhalten durch schiere Größe wie beim Blick in die Höhe vor dem Turm des Münsters. Saint-Pierre-le-Jeune ist eine Stiftskirche, umgeben von der Neustadt, dem in der Kaiserzeit entstandenen Viertel, das seit 2017 zum Weltkulturerbe gehört. Ihre wechselvolle Geschichte spiegelt die Straßburger Epochen auf ihre Weise. Der deutsche Bauhistoriker Klaus Nohlen pflegt seit seiner Doktorarbeit eine besondere Beziehung zu Straßburg und dieser Kirche. Ihr großer Reiz, sagt er, bestehe in der "Anreicherung der Zeitschichten".

Diese Schichten reichen ins siebte Jahrhundert zurück. In dieser Zeit entsteht das erste Gotteshaus an diesem Platz außerhalb der alten Stadtmauer. Eine neu gebaute romanische Stiftskirche mit Namen Sankt Peter weiht um 1050 der im Elsass geborene Papst Leo IX. Als Reminiszenz an den Vertreter Petri erhält sie dessen Namen, wird jedoch durch den Zusatz "Jung" (le Jeune) von einer bereits existierenden Kirche (heute nahe des Petite France) abgegrenzt. Ab dem 13. Jahrhundert wird Saint-Pierre-le-Jeune im gotischen Stil erweitert und überbaut. 1524 schließt sich die Gemeinde der Reformation an. Der Chorraum bleibt den Katholiken vorbehalten. Als Straßburg ab 1681 zum französischen Königreich gehört, existiert Saint-Pierre-le-Jeune als Simultankirche weiter. Der Raum über dem Lettner wird durch eine Mauer geteilt.

Wer die Kirche zum ersten Mal betritt, wundert sich über den schlechten Zustand der ursprünglich gotischen Wandmalereien. Saint-Pierre-le-Jeune hat Kriege und religiöse Konflikte erlebt, die Revolutionäre zerstörten ihre Skulpturenschmuck. Verschiedene Epochen haben stilistisch ihre Spuren hinterlassen. Was heute zu sehen ist, geht in hohem Maß auf den Architekten Carl Schäfer zurück. Vieles ist nicht mehr original: Nach einer umfassenden Restaurierung unter der Leitung des Deutschen Ende des 19. Jahrhunderts wurde es überarbeitet, ergänzt oder ersetzt. Unter den Bomben der preußischen Armee war Saint-Pierre 1870 erheblich beschädigt, die Fenster vollständig zerstört worden. Schäfer wollte auch einen Eingriff aus der Zeit der Reformation rückgängig machen Er ließ die mehr als 300 Jahre zuvor unter weißen Putz gelegten Malereien freilegen.

Gleichzeitig nahm er sich heute undenkbare Freiheiten. Er agierte im Geist eines anderen Denkmalpflegers des 19. Jahrhunderts, des Franzosen Eugène Viollet-le-Duc. Dieser gab als Leitbild vor, ein architektonisches Kunstwerk so wieder- herzustellen, wie es niemals ausgesehen haben mag: Es sollte echter als echt erscheinen. Schäfer fühlte sich ermutigt, das Fresko eines mittelalterlichen Christopherus auf eine andere Wand zu versetzen. Die freigelegten Wandmalereien ließ er im Sinn Viollet-le-Ducs vervollständigen. Der Kreuzgang ist so gut wie neu, wenn auch heute der einzig vollständig erlebbare in Straßburg.

Schäfer habe das gut gemacht, urteilt Nohlen dennoch. Er haber sichtbar gemacht, dass die Säulen des Kreuzgangs nicht alt seien. Wie beim "Zug der Nationen" nahe dem Eingangsportal entwarf Schäfer Neues, wo die originalen Fresken nicht mehr erkennbar waren. Zugleich beließ er den barocken Dekor und entfernte auch den Lettner nicht.

Mehr als 100 Jahre später stellt sich nun von Neuem die Frage: Soll eine Restaurierung bewahren, was ist? Soll sie den alten Zustand wiederherstellen? Vor mehr als zehn Jahren hatte eine Restaurierungskampagne in Saint-Pierre-le-Jeune begonnen: mit Farbanalysen an einzelnen Partien und Feuchtigkeitsmessungen. Es handelte sich um vorbereitende Maßnahmen, die entscheidend sind für alle weiteren Schritte. Daran erinnern nicht zuletzt Japanpapiere, die gefährdete Malereischichten fixieren. Die Abschuppung der Farbe sei vorerst gestoppt worden, sagt Nohlen, der sich als Mitglied der Kirchengemeinde Saint-Pierre-le-Jeune für den Erhalt der Kirche einsetzt. Jetzt dürfe man die nächsten Schritte nicht schleifen lassen.

Im Jahr 2015 sollte der zweite Abschnitt folgen. Die Unternehmen seien bereits bestellt gewesen. Diese Phase sei abrupt abgebrochen worden, berichtet Pastor Eber. Das Département sah sich aufgrund gekürzter Staatszuwendungen nicht mehr in der Lage, seinen Anteil von einem Viertel der notwendigen acht Millionen Euro zu tragen. "Eine solche Finanzierung setzt sich in Frankreich aus einer komplizierten Gemengelage zusammen", erklärt Eber. 40 Prozent bezahlt der Staat, ein Viertel die Stadt, zehn Prozent die Kirchengemeinde.

Was den Malereien zu schaffen macht, ist eine Zeitschicht jüngeren Datums. Geschadet haben Veränderungen aus den 1970er-Jahren. Damals entfernten die Denkmalpfleger Vorrichtungen für den Abfluss des Kondenswassers an den Fenstern. Sie schlossen Öffnungen zur Belüftung in der Decke und versahen die Außenmauer mit einem dichten Putz. Und sie setzten Heizkörper ein. Was für Kirchenbesucher im Winter ein willkommener Komfort ist, wirkt sich verheerend auf die Malereien aus. Die Heizkörper zögen Feuchtigkeit aus dem Boden, erläutert Klaus Nohlen. Diese werde nach oben getrieben und zerstöre den Putz, auf dem die Malereien aufgebracht sind.

Auch Eber ist überzeugt: Die Instandsetzungsarbeiten müssen schnell wieder aufgenommen werden. Des Wartens überdrüssig, hat die Gemeinde einen Verein gegründet, um Förderer ins Boot holen. "Die Leute, die die Kirche besuchen, verstehen nicht, warum hier nichts geschieht", sagt Eber. 80 000 Besucher pro Jahr – ein Klacks angesichts der Ströme, die sich täglich im Münster drängen. Wäre es mit mehr Besuchern leichter, die Interessen der Kirche zu verteidigen? "Ich bin mir nicht sicher, ob wir einen solchen Tourismus wollen", stellt Eber fest.

Inzwischen sind die Gespräche mit dem Département wieder in Gang gekommen. "Wir werden allerdings nicht einfach eine Subvention auszahlen", dämpft Jean-Philippe Maurer, Vize-Präsident des Départementrats, jede Euphorie. Saint-Pierre-le-Jeune interessiere das Département allerdings nach wie vor. "Was wir jetzt erwarten, ist ein Konzept, das die Attraktivität der Kirche im Straßburger Kontext herausarbeitet."

Vielleicht schließt sich die Lücke auf andere Weise. Die Kirche gehört zu den Kandidaten, die möglicherweise von einer neuen französischen Lotterie für Kulturgüter profitiert, die erstmals im Herbst stattfinden soll.