Vereinsporträt

Im Tauschring Opfingen sind Talente statt Euro die Währung

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Mi, 19. November 2014

Freiburg Tuniberg

VEREINT IM VEREIN: Im Tauschring Opfingen bieten die Mitglieder an, was sie können, und bekommen dafür Unterstützung.

OPFINGEN. Sie helfen einander im Alltag, sparen Geld, lernen neue Menschen kennen – und ein bisschen hoffen sie sogar, einen Grundstock für eine andere Gesellschaft zu legen: Mit Talenten statt mit Euro, für ein Zusammenleben unabhängig von einem möglicherweise drohenden Zusammenbrechen der Finanzmärkte. Die Mitglieder des "Tauschrings Opfingen" sind eine kleine Truppe. Aber sie sind eingebettet in das größere Gebilde des Tauschrings Markgräflerland u

nd in die gesamte Tauschring-Bewegung.

Wo ist Angkor? Horst Bernnat (70) blättert in dem Bildband, den er aus dem Regal gezogen hat – irgendwann findet er die Antwort: Angkor ist eine Region in Kambodscha. Horst Bernnat steht hinter dem Eingang vom Gasthaus "Blume", beim öffentlichen Bücherregal, das Oliver Beck (52) vor eineinhalb Jahren initiiert hat. Da gibt’s die "Dornenvögel", den Roman zum Fernsehklassiker der 1980er, von Colleen McCollough, Bestseller von Ken Follett und ein paar Kinderbücher, zum Beispiel "Stuart Little" von E. B. White. Wer will, kann Bücher mitnehmen oder dazustellen – kostenlos.

Dieses Projekt des Tauschrings Opfingen ist für alle da, egal, ob sie Mitglieder sind oder nicht. Alles andere – von der Mithilfe beim Umzug bis zur Massage – tauschen die Mitglieder untereinander, in ihrer Währung, den Talenten. Das Spektrum ist breit und soll noch viel breiter werden. Wie genau funktioniert das Tauschen? Die gelbe Tauschkarte von Oliver Beck gibt Einblicke: Alles, hinter dem ein Plus steht, hat er selbst eingebracht – das, wo ein Minus steht, hat er von anderen in Anspruch genommen. Beim Plus sind unter anderem aufgelistet: Eine Stunde EDV-Hilfe, zwei Stunden Katzenhüten. Auf der Minus-Seite stehen zum Beispiel eine Stunde Blumengießen und eine Stunde ayurvedische Massage.

Immer gilt: Eine Arbeitsstunde ist 20 Euro wert – ganz egal, was jemand anbietet oder in Anspruch nimmt. "Arbeitszeit ist Lebenszeit", sagt Oliver Beck – "wir wollen nicht unterschiedlich werten wie auf dem Arbeitsmarkt, wo ein Anwalt vielleicht 300 Euro in der Stunde bekommt und eine Putzfrau nur 15 Euro." Oliver Beck hat den Tauschring in Opfingen, der zum größeren Verbund von Tauschringen im Markgräflerland gehört, 2009 gegründet. Er ist Speditionskaufmann, arbeitet in der EDV. Sein Traum: Tauschstrukturen schaffen, die so stabil sind, dass sie eine Alternative bieten, falls die Finanzmärkte kollabieren.

Erstmal aber geht’s den Mitgliedern darum, ihren Alltag zu erleichtern. Horst Bernnat lebt ohne Auto, wenn er Größeres von einem Baumarkt nach Hause transportieren will, braucht er Hilfe. Die bekommt er – und revanchiert sich mit kleineren Elektro-Reparaturen, früher hat er als Elektriker gearbeitet. Gabi Weigele (55) arbeitet im Weinhandel, im Tauschring bietet sie selbstgebackene Kuchen, Einkaufen, Blumen- und Hundebetreuung an. Die Betriebswirtin Helga Issler (48) hilft bei Computerproblemen, betreut Kinder und stellt sich als Fahrdienst zur Verfügung.

Bei ihrem letzten Umzug hat ihr Horst Bernnat bei Elektro-Schwierigkeiten Beistand geleistet, außerdem hat sie von einem Tauschring-Mitglied ein Paar gut erhaltene Wanderschuhe ergattert. Die Opfinger haben nicht nur Kontakte im Markgräflerland und nach Freiburg, sondern auch zu einem Tauschring im Elsass, der private Übernachtungen in ganz Frankreich vermittelt. Eine Nacht kostet zwischen 40 und 50 Euro, sagt Oliver Beck. Seine neueste Idee: Ein zweites öffentliches Regal, aber nicht für Bücher, sondern für Schallplatten. Als Ort hat er den Bioladen in Opfingen im Blick.