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11. August 2012

Improvisationen wie von Godzilla

Schätze aus dem Tonbandarchiv: Die "Lost Tapes" von Can werden den Ruhm der legendären Kölner Band noch mehren.

  1. Can in den frühen 70er Jahren: Damo Suzuki, Michael Karoli, Irmin Schmidt, Holger Czukay und Jaki Liebezeit (von links) in ihrem eigens gebauten Studio in Weilerswist Foto: Spoon Records

Eine Band wie diese hat es weder vorher noch nachher wieder gegeben. "Can war ein lebendes Wesen", hat Gitarrist Michael Karoli einmal gesagt, "und dieses Wesen hat die Musik gemacht." Es war eine Musik, die sich nicht in Genrekäfige sperren und von vielerlei Einflüssen beseelen ließ. Ende der 60er und anfangs der 70er Jahre entstand da ein Sound, der Can zur Legende werden ließ. In England, Frankreich oder Japan wird dieses Ensemble als deutscher Beitrag zum Weltkulturerbe progressiver Musik verstanden.

Vierzehn Alben umfasst das Werk von Can. Jetzt erfährt es eine wesentliche Erweiterung: "The Lost Tapes", eine Drei-CD-Box mit unveröffentlichten Aufnahmen aus dem Tonbandarchiv der Band, das jahrzehntelang vor sich hin schlummerte. Schätze wurden darin entdeckt, die den Ruhm von Can mehren werden.

1968 hatte sich die Band in Köln zusammengefunden. Zuerst zwei Studenten des Avantgardekomponisten Karlheinz Stockhausen: Tastenmann Irmin Schmidt, der für Can seine Dirigentenlaufbahn aufgab, und Bassist Holger Czukay, der selbst komponieren wollte, aber Noten nicht leiden konnte. Weiter Schlagzeuger Jaki Liebezeit, der Free Jazz gespielt hatte, aber zurück zum Rhythmus wollte, und Michael Karoli, ein junger Gitarrist, der Czukay als Musiklehrer gehabt hatte, Beatmusik mochte und sich für mikroskopische Klänge interessierte.

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"Can war ein lebendes Wesen" Gitarrist Michael Karoli
Dazu kamen Sänger: erst der Afroamerikaner Malcom Mooney, der eigentlich Bildhauer und Maler war und während eines Besuchs bei Irmin Schmidt in die Band einstieg. Nach dessen Weggang der Japaner Damo Suzuki, den Czukay und Liebezeit als Straßensänger in Schwabing entdeckten und vom Fleck weg zum abendlichen Konzert mitnahmen.

So waren sie bei Can: offen für Gelegenheiten, offen für den Beitrag anderer, offen für die entstehende Musik. Kompositionen entstanden im gemeinsamen Spiel. Oft dauerte es Stunden, bis Stücke sich herauskristallisierten. Es war Musik zwischen Wohlklang und Freak Out, zwischen melodischen Motiven und eigenartigen Grooves, zwischen angloamerikanischem Jazzrock und afrikanischen und asiatischen Einflüssen, zwischen assoziativen Texten und Instrumentalpassagen.

Immer lief das Tonband mit, auf der Bühne wie im Studio. Can-Platten entstanden mit Hilfe der Kunst des Schneidens: Die spätere Sampling-Technologie vorwegnehmend, holte Holger Czukay aus den Tonbändern gelungene Passagen heraus, teils machte er daraus sich wiederholende Loops, über die dann wieder neu gespielt wurde. So gab es Stücke, die LP-Seiten lang waren, und andere, die Songform annahmen. Vieles blieb aber auch liegen, im Laufe der Zeit häuften sich schränkeweise Tonbänder an.

Als das legendäre Studio von Can in Weilerswist bei Köln 2007 abgebaut und ins Rock-’n’-Pop-Museum Gronau verfrachtet wurde, kam das Archiv in Irmin Schmidts Kölner Keller. Gut konserviert, aber schlecht organisiert. Schmidts Frau Hildegard, seit Jahrzehnten Managerin der Can-Geschäfte, drängte ihn, das Archiv zu durchforsten. Schmidt machte sich daran, zusammen mit seinem Schwiegersohn und musikalischen Duopartner Jono Podmore und mit Daniel Miller, dem Chef von Cans britischer Plattenfirma Mute. Das Ergebnis: drei CDs mit Aufnahmen aus den Jahren 1968 bis ’77, den besten der Band.

Es sind Live-Aufnahmen auf der Box, entstanden auf Schloss Nörvenich, wo die Band zuerst Unterschlupf fand, bei einem Kunstsammler, für dessen Gäste sie spielte. Oder auf den Can-Tourneen. Aufnahmen mit minutenlangen hypnotischen Wiederholungen, die eine hohe Intensität entwickeln. Und ein "Godzilla-Fragment": Nach dem japanischen Monster benannten Can die Passagen, wenn eine Improvisation in einer Lärmorgie endete.

Viele Can-Musik war für Filme bestimmt. Die Gruppe war in TV-Krimis zu hören – "Spoon", die Titelmelodie zu einem Francis-Durbridge-Sechsteiler wurde ihr großer Singlehit in Deutschland –, in Filmen junger Regisseure. Einmal rief abends Wim Wenders an: Er hatte geglaubt, sein neuer Film "Alice in den Städten" käme ohne Musik aus, doch sein Cutter hatte ihn eines Besseren belehrt. Ob denn Can bis zum nächsten Tag etwas beisteuern könnten? Sie gingen sofort ins Studio, und am Morgen hatte er die Bänder. Für die neue Box wurden die alten Filmmusik-Schnipsel von Jono Podmore zu neuen Suiten aneinandergereiht mit einer eigenen Dramaturgie. Montagen ganz im Sinne von Can.

Can hatten einige Stilrichtungen und Produktionsmethoden im Repertoire. In der Box gibt es Stücke, in denen sie die räumliche Ambient-Musik vorwegnehmen, es gibt "EFS No. 108", ein Stück aus ihrer Serie ethnologischer Fälschungen mit erfundener Ureinwohner-Musik.

Die drei CDs werden in einer hübschen Box veröffentlicht, die einer alten Tonbandschachtel ähnelt. Im Booklet erzählt Schmidt von dem Prozess, in dem die CDs erarbeitet wurden. Über einige Stücke gab es Streit: Er wollte sie weglassen, Podmore sie veröffentlichen – letzterer setzte sich dank Daniel Miller durch.

Aber das passt zu Can: Früher wollte Holger Czukay alles aufheben und Jaki Liebzeit alles wegschmeißen, Irmin Schmidt und Michael Karoli entschieden. "Vier Menschen haben sich auf Biegen und Brechen gestritten und etwas zusammen gemacht", hat der 2001 verstorbene Karoli auch über die Band gesagt. Man kann auf dieser Box nochmal hören, wie aus diesen Individuen ein Wesen namens Can entstand.
– Can: The Lost Tapes (3-CD-Box/Spoon Records/Mute)

Autor: Thomas Steiner