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05. Oktober 2016

In hohem Maß intensiv und emotional

Schwieriges Erbe der NS-Zeit: Alexandra Senfft präsentiert in der Buchhandlung Beidek ihr Buch "Der lange Schatten der Täter".

  1. „Ich habe ein sehr politisches Anliegen mit meinen Büchern“, sagt Alexandra Senfft. Foto: Dorothee Philipp

MÜLLHEIM. Auch mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist das Trauma der Schuld noch längst nicht aufgearbeitet. Es reicht inzwischen bis in die Enkelgeneration hinein. Das zeigt das neue Buch von Alexandra Senfft "Der lange Schatten der Täter – Nachkommen stellen sich ihrer NS-Familiengeschichte". Die Reaktionen des Lesepublikums sowie der Besucher der Lesungen, in denen die Autorin das Buch vorstellt, sind in einem unerwartet hohen Maß intensiv und emotional. Sie reichen von Anfeindung bis Erschütterung.

Auch die Vorstellung in der Müllheimer Buchhandlung Beidek war hier keine Ausnahme. Bis auf den letzten Platz besetzt war der Verkaufsraum, der bei Lesungen und Vorträgen immer wieder zur spannenden Plattform für Diskussionen nicht nur literarischer, sondern auch gesellschaftspolitischer Themen wird.

Die Anregung, Alexandra Senfft einzuladen, sei aus dem Kundenkreis an sie herangetragen worden, berichtet Inhaberin Antonia Schulze Hackenesch. Das Buch sei eine Fortführung des 2007 erschienenen Titels "Schweigen tut weh", in dem die Autorin ihre eigene Familiengeschichte beleuchtet und sich dem Konflikt zwischen Loyalität zur Familie und den Ergebnissen ihrer Recherchen stellt: Senffts Großvater Hanns Ludin war SA-Obergruppenführer in der Zeit des Nationalsozialismus. Im Zuge des so genannten Röhm-Putschs wurde er von Hitler persönlich begnadigt.

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Ludin war Repräsentant des Deutschen Reichs im slowakischen Staat. In dieser Eigenschaft war er an der Deportation von 60 000 slowakischen Juden beteiligt und wurde deshalb 1947 als Kriegsverbrecher hingerichtet. Die ungewöhnlich große Resonanz führte nun zu dem zweiten Buch, in dem Senfft andere zu Wort kommen lässt, die sich der eigenen Familiengeschichte stellen. Viele haben sich bei ihr nach der Lektüre von "Schweigen tut weh" gemeldet. "Ich bin stolz auf diese mutigen Menschen, die ihre Geschichte erzählt haben und auch damit einverstanden waren, dass sie veröffentlicht wird", sagt die Autorin.

Ihre "Reise in die Vergangenheit" hat es in sich. Dadurch, dass sie sich selbst schonungslos ihrer eigene Familiengeschichte gestellt hat, kann sie auch die Konflikte ihrer Gesprächspartner aushalten. Und sie hat es sich nicht einfach gemacht: Ihre Recherchenreisen führten sie durch halb Europa, nach Bratislava, wo der Großvater mit seiner Familie in einer "arisierten" Villa wohnte, nach Lüneburg als Zuschauerin beim Prozess gegen den 94-jährigen Oskar Gröning, dem Beihilfe zur Ermordung von 300 000 Juden in Auschwitz vorgeworfen wird, nach Auschwitz - dieses Kapitel ist mit "Demut vor dem Leben" überschrieben – und in die Städte, in denen die Menschen leben, die sich im Gespräch ihr gegenüber geöffnet haben "...was die Eltern erlebt, verbrochen oder erduldet haben". Die Sprache ihres Buches ist schnörkellos, ebenso ihre Art vorzulesen. Die verstörenden Fakten klingen aus ihrem Mund fast wie die Ansagen einer Nachrichtensprecherin.

Manche Gespräche wurden auch abgebrochen

In der Diskussion am Ende kommen Emotionen auf. Ein Mann erzählt von seinen Erlebnissen als Kind im Flüchtlingslager Saalfeld zum Ende des Zweiten Weltkriegs, als es nur noch um Essen und Trinken ging. Die ganzen Bilder seien auf einmal wieder da. Sein ganzes Leben sei von Ernsthaftigkeit und der Abwesenheit von Humor und Freude geprägt, bekennt er. Senfft berichtet auch von Gesprächen, die ohne Ergebnis abgebrochen wurden, weil die jeweiligen Partner der Befragten die Geschichte ganz anders dargestellt haben wollten.

Dann kommt die verhängnisvolle "Zeitachse" zur Sprache, auf der das Gedankengut der Täter bis in die heutige Zeit hinein transportiert wird. Und da wird die "Reise in die Vergangenheit" auf einmal hochpolitisch. "Ich habe ein sehr politisches Anliegen mit meinen Büchern", betont die Autorin. Dabei gehe es auch um den Umgang der heutigen deutschen Eliten mit der Vergangenheit, etwa der Stadt Tübingen mit ihrem ehemaligen Oberbürgermeister Hans Gmelin, der 1975 zum Ehrenbürger ernannt wurde. Gmelin war im Zweiten Weltkrieg unter anderem Adjutant von Hanns Ludin in Bratislava und lebte dort ebenfalls in einem "arisierten" Haus.

Aber auch um die aktuellen Tendenzen der Ausgrenzung und Anfeindung ganzer Gruppen in unserem Land. In der Diskussion wird deutlich: Jeder hat einen privaten Bezugsrahmen zur Geschichte. Doch nicht die Lasten der Vergangenheit seien ihr eigentliches Thema, sagt Senfft, sondern aufzudecken, wo das faschistische Gedankengut auch über non-verbale Kommunikation – sie nennt das beredtes Schweigen – weiterlebt. Ein Exkurs führt zu der erschütternden Erkenntnis, dass auch aus Opfern Täter werden können. "Wir haben heute die Aufgabe, aufzuklären und die Schlupflöcher zu benennen", fasst Antonia Schulze Hackenesch die Quintessenz des Abends zusammen.

Info: Alexandra Senfft: "Der lange Schatten der Täter - Nachkommen stellen sich ihrer NS-Familiengeschichte", Piper-Verlag, 351 Seiten, 22 Euro.

NS-Vergangenheit

Der Umgang mit der NS-Vergangenheit und mit Personen, die auf besondere Weise darin verstrickt waren, hat auch in der Region bis heute immer wieder zu teils sehr emotionalen Diskussionen geführt. Als Beispiel sei etwa der Schriftsteller Hermann Burte genannt. Dessen Nähe zu nationalsozialistischem Gedankengut hat vor allem in Müllheim, aber auch in anderen Orten des Markgräflerlandes, wo Straßen und öffentliche Gebäude nach im benannt waren (und teilweise immer noch sind), zu lebhaften Debatten geführt. Ein anderes Beispiel ist der Schriftsteller Erhart Kästner, der seinen Lebensabend in Staufen verbracht hat. Vor allem Kästners Rolle bei der Beschreibung des Einsatzes deutscher Soldaten in Griechenland lieferte Stoff für teils kontroverse Auseinandersetzungen. Ganz aktuell ist erst vor wenigen Tagen eine Diskussion über etwaige Nazi-Verstrickungen von Hermann Staudinger entbrannt. Der berühmte Chemiker wurde zum Freiburger Ehrenbürger ernannt und ist unter anderem Namensgeber einer großen Gesamtschule in Freiburg.  

Autor: (hub)

Autor: Dorothee Philipp