Ins Gespräch kommen

Susanne Ehmann

Von Susanne Ehmann

Fr, 03. August 2018

Müllheim

Mut-Tour in Müllheim / Für offenen Umgang mit Thema Depression.

MÜLLHEIM. Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO sind in Deutschland 4,1 Millionen Menschen betroffen, das sind 5,2 Prozent der Bevölkerung. Dennoch trauen sich viele Betroffenen nicht, über ihre Krankheit zu sprechen, fühlen sich stigmatisiert. Die Teilnehmer der Mut-Tour wollen das ändern. Sie fordern einen offenen Umgang mit der Depression.

Kürzlich fuhren vier Menschen in grün-gelber Kleidung auf zwei Tandems durch Müllheim. Es waren Teilnehmer der diesjährigen Mut-Tour, die hier Station machten. Die Vier waren Teil eines Aktionsprogramms, bei dem in diesem Jahr vom 16. Juni (Auftakt in Hildesheim) bis 2. September (Finale in Münster) insgesamt 60 Menschen mit oder ohne Depressionserfahrung durch Deutschland fahren oder laufen, auf Tandems, in Kajaks oder zu Fuß. Die mutigen Menschen, die seit 2012 anderen auf ihren Touren Mut machen wollen, so ergibt sich der Name, sprechen offen über die Depression, möchten Ängste und Vorurteile abbauen und einen offenen Umgang mit dem Thema fördern.

Auch die drei Männer und eine Frau wollen das – es sind Nichtbetroffene und Betroffene. Ihre Namen sind der Redaktion bekannt, doch weil nicht alle ihr Gesicht in der Zeitung zeigen möchten – zu groß ist die Angst vor negativen Konsequenzen in Beruf oder Privatleben, für sie Ausdruck besagter Stigmatisierung – verzichten wir hier ganz auf die Namen. Wichtig ist ohnehin die Botschaft: Die Betroffenen nicht in Watte zu packen, miteinander zu reden und die Depression als die Krankheit anzuerkennen, die sie ist – auch, wenn man den Betroffenen oft gar nicht ansieht, dass sie krank sind. Aber ähnlich wie eine Grippe kann auch die Depression kommen und gehen. Dennoch haben die Betroffenen schon viele negative Erfahrungen gemacht. Bei der Arbeit, wo die Kollegen verständnislos und ungeduldig reagieren oder im Privatleben, wo sogar Beziehungen an der Krankheit scheitern. Viele versuchen daher, eine Fassade aufrecht zu erhalten, was noch mehr Kraft kostet, als es das Leben ohnehin für sie tut.

Da sei es nach Jahren der Ungewissheit eine richtige Erleichterung gewesen, in einer Klinik die Diagnose Depression zu bekommen, sagte einer der Mut-Tour-Teilnehmer. Denn die Krankheit ist behandelbar. Viele Menschen wissen jedoch gar nicht, dass sie an einer Depression erkrankt sind, weil die Symptome zu wenig bekannt sind. Andere wissen es, trauen sich jedoch nicht zum Arzt. Und wieder andere suchen einen Arzt und finden keinen, weil es an allen Ecken und Enden an Behandlern fehlt. Auch das etwas, was die Mut-Tour-Teilnehmer anprangern. So kann die Depression zur existenziellen Bedrohung werden. Und bei Berufsunfähigkeitsversicherungen werde man aussortiert oder müsse besonders hohe Beiträge bezahlen, sagte jemand. Auf all das wollen die Teilnehmer auf ihrer Tour aufmerksam machen. An den Tandems befestigte Schilder und Wimpel mit "Mut-Tour" und "Für einen offenen Umgang mit Depression" helfen dabei, mit den Menschen unterwegs ins Gespräch zu kommen. Sie würde sehr gut aufgenommen, sagen die Teilnehmer, nach dem Motto "Super, dass Sie das machen, wird auch Zeit." Für weiteres Interesse haben sie Informationsmaterial in ihren Satteltaschen. Dazu Zelte, Kocher und Geschirr, denn wenn es nötig wäre, wären sie völlig autark, doch oft werden sie netterweise zum Übernachten hineingebeten, erzählen sie. Therapie soll die Tour übrigens nicht sein. Gut tun Bewegung, Sonne, frische Luft, nette Menschen und gemeinschaftliches Tandemfahren aber auf jeden Fall.

Eine Woche lang waren sie seit ihrem Start in Kempten unterwegs, die letzte Etappe nach Müllheim war für sie Freiburg. Dort übernahm ein neues Team. Mitmachen kann grundsätzlich übrigens jeder, der möchte. Auf eine Anmeldung folgt ein Vorbereitungswochenende, bei dem man einfach erst mal ein bisschen schnuppern kann.

Mehr Infos gibt’s im Internet unter http://www.mut-tour.de