Ehrenkirchen

Interview mit dem Oberzunftmeister

Michael Saurer

Von Michael Saurer

Mi, 18. März 2015 um 16:56 Uhr

Ehrenkirchen

Eigentlich gibt es keine Zünfte mehr. Doch in Kirchhofen lebt die Tradition in Form der Vereinigten Zünfte fort. Michael Saurer sprach mit Oberzunftmeister Michael Meyering über ihre Aufgaben. Und fragte nach, ob auch Ehrenstettener aufgenommen werden dürfen.

BZ: Herr Meyering, Zünfte gibt es seit über 100 Jahren nicht mehr. Trotzdem treffen sich die Vereinigten Zünfte mit Ihnen als Oberzunftmeister alljährlich am 19. März. Was hat es damit auf sich?

Meyering: Natürlich gibt es heute die Handwerkskammer und die verschiedenen Innungen. Bei uns in Kirchhofen lebt indessen die Tradition der Zünfte weiter – und zwar in Form der Vereinigten Zünfte. Wir sind eine lose Vereinigung aller Handwerksmeister in Kirchhofen. Und als solche treffen wir uns einmal im Jahr – eben am 19. März, dem sogenannten Josefstag.

BZ: Was wird da gemacht?

Meyering: Wir feiern zunächst eine spezielle Messe, bei der auch den verstorbenen Zunftmeistern gedacht wird. Die alten Zunftstangen und Zunftfahnen werden in der Kirche aufgestellt, auch das ist eine alte Tradition, an die wir uns nach wie vor halten. Einige Zunftmitglieder gestalten als Musikgruppe die Messe mit und Statuen von Zunftpatronen werden speziell für diesen Tag in der Kirche platziert. Nach dem Gottesdienst treffen wir uns normalerweise im Gasthaus Krone, wo dann der Jahresbericht verlesen wird. Wir sind ja kein eingetragener Verein und haben insofern keinen klassischen Vorstand. Ich bin also alles in einem: Kassenführer, Schriftführer, Sprecher, Beisitzer. Und so habe ich eine Menge zu berichten über das, was ich im vergangenen Jahr als Oberzunftmeister gemacht habe.

BZ: Was macht denn ein Oberzunftmeister überhaupt?

Meyering: Meine Aufgabe ist zum Beispiel, den Zunftmeistern, die einen runden Geburtstag feiern, zu gratulieren. Ich besuche die dann und überbringe einen Gruß von der Zunft. Und ich muss viel organisieren. Wenn zum Beispiel wichtige Hochtage anstehen, wie etwa das Patrozinium am 15. August oder Fronleichnam, dann zieht die Zunft in der Prozession mit den Zunftstangen und den Zunftfahnen mit durch den Ort. Oder wenn ein Zunftmitglied stirbt, dann geht die Zunft auch mit den Fahnen zur Beerdigung und gibt dem Verstorbenen die letzte Ehre.

BZ: Was ist die Voraussetzung, um Mitglied bei Ihnen werden zu können?

Meyering: Man muss als Handwerker die Meisterprüfung absolviert haben und in Kirchhofen wohnen.

BZ: Jemand aus Ehrenstetten hat also keine Chance?

Meyering: Jein. Deshalb heißen wir ja die Vereinigten Zünfte Kirchhofen. Aber wir machen auch Ausnahmen. Wenn der Zunftrat sagt, dass jemand aus Ehrenstetten bei uns Mitglied werden möchte und sich niemand dagegen ausspricht, dann ist das kein Thema. Früher wurde das jedoch noch strenger gehandhabt.

BZ: Nehmen Sie alle Handwerker auf?

Meyering: Ja, in den Vereinigten Zünften sind alle Handwerker vertreten. Ich bin ja Schornsteinfegermeister. Es sind aber auch KFZ-Mechaniker, Metzger oder Elektriker und viele mehr vertreten. Insgesamt haben wir derzeit 45 Mitglieder, der jüngste ist erst 26.

BZ: Das heißt, die Tradition der Zünfte lebt auch bei den Jüngeren fort?

Meyering: Ja, die Zünfte gehören eben zum Ort. Es muss ja keiner zu uns kommen, doch wir werben natürlich dafür. Wenn man sich mit seinem Handwerk und dem Ort identifiziert, dann ist man bei den Vereinigten Zünften richtig.

BZ: Nehmen Sie auch Frauen auf?

Meyering: Ja, wir haben auch eine Malermeisterin bei uns.

BZ: Und muss man gebürtiger Kirchhofener sein oder kann man auch als Zugezogener Mitglied werden?

Meyering: Natürlich. Ich bin auch ein Zugezogener. Ich komme aus der Eifel. Man muss also kein alemannisch sprechen, um Mitglied bei uns zu werden. Aber ich vermute mal, dass ich der erste Oberzunftmeister bin, der nicht zumindest im Ort aufgewachsen ist.

BZ: In diesem Jahr haben Sie ein Problem. Die Krone wird renoviert und steht nicht für den Zunfttag zur Verfügung.

Meyering: Ja, zum ersten Mal seit 263 Jahren können wir uns dann nicht in der Krone treffen, sondern müssen ins Gasthaus Adler ausweichen. Doch wir haben mit der neuen Inhaberin der Krone gesprochen – im nächsten Jahr können wir wieder dorthin zurück. Die Tradition wird also fortgesetzt.

Michael Meyering ist seit 2008 Oberzunftmeister der Vereinigten Zünfte. Er ist Schornsteinfegermeister.