Herbolzheim

Interview mit dem scheidenden Bürgermeister Ernst Schilling nach 21 Jahren Amtszeit

Lena Jörger

Von Lena Jörger

Sa, 25. November 2017

Herbolzheim

BZ-INTERVIEW mit dem scheidenden Herbolzheimer Bürgermeister Ernst Schilling über 21 Jahre Amtszeit, sein Image als "Macher" und die Zukunft.

HERBOLZHEIM. Nach 21 Jahren als Bürgermeister von Herbolzheim scheidet Ernst Schilling am 30. November aus dem Amt. Eigentlich hätte er gerne weitergemacht. Nach einer Gesetzesänderung, die am 1. Februar 2016 in Kraft trat, können Bürgermeister in Baden-Württemberg bis zur Vollendung des 73. Lebensjahres im Amt bleiben. Da Schillings dritte Amtsperiode vor Inkrafttreten dieser Gesetzesänderung lief, gilt für ihn aber die alte Regelung. Nach dieser muss er mit Vollendung des 68. Lebensjahres ausscheiden. Im Gespräch mit Lena Marie Jörger resümiert er seine Amtszeit und spricht auch über seine Zukunftspläne.

BZ: Einen Termin mit Ihnen zu bekommen, ist zurzeit relativ schwierig. Ihr Terminkalender ist gut gefüllt. Hilft das über den Abschiedsschmerz hinweg?
Schilling: Es gibt keinen Abschiedsschmerz. Wir haben uns Aufgaben vorgenommen zum Beispiel im Rahmen der Haushaltsplanberatung, die es abzuarbeiten gilt. Von daher ist das jetzt zwangsläufig normaler Arbeitsalltag.

BZ: 21 Jahre sind eine lange Zeit. Wie beurteilen Sie Ihre Zeit als Bürgermeister im Rückblick?
Schilling: Ich würde sagen, wir haben die Chancen, die die Zeit uns gegeben hat, vollumfänglich erfolgreich genutzt, auch mit großer Unterstützung der Politik, der Genehmigungsbehörden, des Gemeinderates und der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Verwaltung.

BZ: Was waren aus Ihrer Sicht die Schwerpunkte Ihrer Amtszeit?
Schilling: Es gibt im Wesentlichen fünf Bereiche. Der erste betrifft das gute Verhältnis innerhalb des Gemeindeverwaltungsverbandes mit Kenzingen, Rheinhausen und Weisweil. Zu diesem Bereich gehören auch tausende Stunden zum Thema Bahn und damit auch der geänderte Bundestagsbeschluss vom Januar 2016. Hier gilt der BI und allen Beteiligten ein Dankeschön. Der zweite Schwerpunkt betrifft den Bau des Rückhaltebeckens Erlenmatten und die Sanierung des Rückhaltebeckens Kirnhalden. Als dritten Bereich sehe ich die Gestaltung der Städtepartnerschaften und Städtefreundschaften. Vierter Schwerpunkt ist sozusagen die innere Infrastruktur. Die Schließung des Krankenhauses war ein schmerzhafter Prozess. Aber die Nachfolgeregelung ist aus meiner Sicht zu 100 Prozent gelungen. Wir sind sehr gut aufgestellt, was die medizinische Versorgung für die nächsten Jahre anbelangt. Ebenfalls zu nennen, ist die Ansiedlung von Industrie und Gewerbe. Fünfter Schwerpunkt und mir ganz wichtig war die Aufarbeitung der Geschichte um die Sinti und Roma und damit verbunden auch die Aufgabe der Integration.

BZ: Stichwort Industrie und Gewerbe: Während Ihrer Amtszeit haben sich einige Firmen angesiedelt. Dafür und auch für die bauliche Expansion gab es aber nicht nur Lob – Stichwort Flächenfraß.
Schilling: Das, was wir gemacht haben, dient dazu, die erhöhten Ausgaben, die zum Beispiel im Bereich Bildung und Betreuung in Kindergärten und Schulen erforderlich werden, zu finanzieren. Wir haben jedes Jahr Mehraufwendungen, um beispielsweise die Kinderbetreuung und den ÖPNV sicherzustellen. Das sind alles Aufwendungen, die wir durch die verbesserte Einnahmestruktur leisten können. Und das wird auch in Zukunft so sein. Die Einnahmesituation wird auch bei einer Abschwächung der Konjunktur immer noch so sein, dass wir dieses hohe Niveau bei fast gleichen Gebührenhaushalten halten können.

BZ: Ihre Art und Weise, Beschlüsse herbeizuführen, stieß oftmals auch auf Kritik. Wie beurteilen Sie das heute?
Schilling: Es gibt sicherlich den einen oder anderen Beschluss, bei dem man hätte anders agieren können. Aber oftmals war die Zeit dafür gar nicht da. Aber da mache ich mir jetzt keine Gedanken mehr.

"So wie wir es gemacht

haben, war es gut"
BZ: Sie gelten als Macher. Ein Beispiel ist das Thema Flüchtlingsunterbringung. Statt lange abzuwarten, setzten Sie sich rasch dafür ein, in Herbolzheim drei Unterkünfte zu bauen, in denen später Sozialwohnungen eingerichtet werden können. Daraus wurde das "Herbolzheimer Modell", das bald Nachahmer fand.
Schilling: Für mich war von der ersten Minute an klar, dass Integration nur gelingen kann, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Deswegen stand für mich fest: keine Container, keine Sporthalle. So wie wir es gemacht haben, war es gut. Ich bin mir sicher, dass das Thema Familiennachzug geklärt wird. Dann sind die Städte und Gemeinden erneut gefragt. Das Thema wird also wichtig bleiben und es wird weitere Herausforderungen geben. Aber der Weg, den wir – zusammen mit "Kumm Ri", dem Freundeskreis und den vielen privaten Vermietern – beschreiten, ist gut.

BZ: Was war in Ihrer Amtszeit die schwierigste Entscheidung?
Schilling: Vieles wurde schwierig, weil es nicht durch die Stadt selber beeinflusst wurde, sondern von außen. Beispiel Krankenhaus: Wir hatten die Folge zu tragen, weil es hieß, das Krankenhaus werde in dem Sanierungszustand nicht finanziell unterstützt. Die Stadt selber war bereit, mehr als vier Millionen aufzuwenden. Ohne die Unterstützung des Landes war das aber nicht möglich. Vom Aufgabenpensum war das sicherlich das umfangreichste und emotional das schwierigste Thema.

BZ: In einem BZ-Interview haben Sie gesagt: "Bürgermeister – das war mein Lebensziel." Was ist Ihr neues?
Schilling: Wenn man aus dem aktiven Dienst ausscheidet, geht es zunächst einmal darum, zu sich selber zu kommen, zu überlegen, was man geleistet hat, und neue Ideen zu entwickeln. Da gibt es genügend Aufgabenstellungen, die mich interessieren und die jetzt im Fokus stehen werden. Außerdem ist auch Zeit, meine Amtszeit rückblickend zu genießen. Dazu war ja oft wenig Zeit.

"Viele nehmen Freiheit

als Gott gegeben hin,

aber das ist sie nicht"
BZ: Welche konkreten Aufgabenstellungen sind es denn, die Sie angehen möchten?
Schilling: Das will ich noch nicht verraten. Ein Thema ist sicherlich die Intensivierung der überregionalen Freundschaften, die leider durch die vielen Termine etwas leiden musste. Darüber hinaus freue ich mich, mehr Zeit für die Familie, für meine Frau, zu haben, die oft zurückstecken musste.

BZ: Sie sind überzeugter Europäer.
Schilling: Ja, weil ich überzeugt davon bin, dass Frieden und Freiheit in Europa nur durch den Austausch und den Kontakt zwischen den Menschen möglich sind. Wichtig ist, dass wir die Schülerinnen und Schüler wieder für das Thema sensibilisieren. Viele nehmen die Freiheit als Gott gegeben hin, aber das ist sie nicht. Schauen wir nach Polen oder nach Ungarn. Es ist allerhöchste Eisenbahn, dass sich die jungen Menschen wieder aufrappeln, aber auch die Erwachsenen. Ich habe den Eindruck, dass durch die jüngsten Erfolge von Rechtspopulisten Demokraten sich wieder stärker zeigen und zu Wort melden.

BZ: Wie werden Sie sich künftig für Europa engagieren?
Schilling: Ich bin Mitglied der Deutsch-Griechischen Versammlung und werde sicherlich auch im kommenden Jahr wieder nach Griechenland reisen. Außerdem wird der Kontakt zu den Partnerstädten auf jeden Fall bestehen bleiben.

BZ: Werden Sie in Herbolzheim wohnen bleiben?
Schilling: Ja.

BZ: Was werden Sie aus Ihrer Zeit als Bürgermeister am meisten vermissten?
Schilling: Die Mitarbeiter, die eng mit mir zusammengearbeitet haben, werden mir sicherlich fehlen.

BZ: Wie sieht Ihr letzter Tag als Bürgermeister aus?
Schilling: Es gibt einen Empfang, zu dem auch Gäste aus Frankreich und Polen anreisen werden. Am Tag davor ist noch richtig was los. Da findet unter anderem die Sitzung des Gemeindeverwaltungsverbands statt, bei der ich mein Amt als Vorsitzender abgebe.

BZ: In einem Satz: Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger Thomas Gedemer?
Schilling: Stets eine glückliche Hand bei all seinen Entscheidungen und die Unterstützung aus dem Gemeinderat, aus den Ortschaftsräten, aus der Bürgerschaft und den Vereinen, damit sich die Stadt Herbolzheim mit ihren Stadtteilen gut weiterentwickeln kann.