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09. Juni 2012 00:02 Uhr

Rebellen

Irisches Dorf stemmt sich seit 10 Jahren gegen Shell-Pipeline

Die Gasrebellen von Mayo: In Irland wehrt sich ein Küstendorf gegen eine Pipeline des Shell-Konzerns. Zehn Jahre dauert der ungleiche Kampf schon – und ist noch nicht zu Ende.

Der Tag, an dem John Monaghan die Wohnzimmervorhänge zurück schlug und geradewegs in das Rohr eines Geschützes der irischen Kriegsmarine blickte, war der Tag, an dem er endgültig wusste, dass sein Leben in der Broadhaven Bay nie mehr dasselbe sein würde. "Das Rohr des Zerstörers war genau auf unser Haus gerichtet", erinnert sich Monaghan, der junge Schmied, an diesen Morgen. "Ich starrte hinaus. Ich konnte es nicht glauben." Draußen, in einer der abgelegensten und idyllischsten Buchten der Grafschaft Mayo, hatte mit drei Schiffen die Hälfte der Kriegsmarine Irlands Aufstellung bezogen. Eines der Schiffe suchte mit seinem Geschütz gerade das Ufer ab. Es war von Demonstranten in Kajaks und schaukelnden kleinen Schlauchbooten umgeben.

Aufgefahren war die Staatsmacht zum "Schutz" eines Rohres ganz anderer Art: Der Bau einer Pipeline quer durch die Broadhaven Bay wirbelte die Welt Monaghans und seiner Nachbarn durcheinander. Sie stemmen sich mit aller Kraft gegen das Gasrohr, das ihnen der Shell-Konzern quer über das Land legen will. Das Rohr, sagen die Anwohner des Küstenstreifens in der westirischen Grafschaft Mayo, würde im Falle eines Unfalls weit Schlimmeres anrichten als ein Leck draußen im Meer. Zehn Jahre sind bei diesem Streit zwischen dem Gasriesen und den Rebellen von Broadhaven Bay schon vergangen. Das letzte Gefecht steht noch bevor.

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"Wir hatten ja keine Ahnung, was hier passieren würde", sagt ein zweiter Anwohner der Bucht, der Farmer Willie Corduff. "Dass wir wegen der Pipeline allen Respekt vor unserer Regierung, vor unserer Polizei verlieren sollten. Absolut keine Ahnung hatten wir, als die Sache begann." Damals bestellten Corduff und seine Frau Mary noch unbehelligt ihre Scholle. Mit Kartoffelanbau, Torfstechen und Schafzucht war der Ertrag ihrer Farm gering. Die Grafschaft Mayo, in der beide aufgewachsen sind, zählte schon immer zu Irlands ärmsten Regionen, und über die vergessenen Randgebiete setzte auch der Keltische Tiger, wie Irland seit seinem außerordentlichen Wirtschaftswachstum zwischen 1995 und 2007 genannt wird, ungerührt hinweg.

Einem bisschen Entwicklungshilfe an dieser Küste war somit niemand abgeneigt. Im Gegenteil: Als die Leute in Mayo zur Jahrtausendwende Wind davon bekamen, dass draußen im Atlantik ein Gasfeld von beträchtlichem Umfang lag, dessen Schätze von Mayo aus in andere Teile Irlands und Europas exportiert werden könnten, waren die Erwartungen groß. 50 Milliarden Euro sollten die Vorräte des Corrib-Felds und angrenzender Gasfelder wert sein. Auf 200 bis 300 Billiarden Kubikmeter wurde der Umfang des Naturgasvorkommens in der Region geschätzt. Auf Jahre hin, hieß es, würde der Abbau Mayo Arbeit und Einkünfte verschaffen. Das Regionalblatt Mayo News sah schon die Morgensonne über einer "Gas-Bonanza" in Mayo aufgehen. Der Bischof von Killala ließ sich mit einem Hubschrauber aufs Meer hinausfliegen, um – in Mitra und Weihgewändern – eine Bohrplattform zu segnen.

Ihr eigener Priester, erinnern sich Willie und Mary Corduff, habe ihnen zu jener Zeit freudestrahlend verkündet, dass es mit der Armut nun ein für alle mal vorbei sei. Die Corduffs und ihre Nachbarn empfanden dies als sehr erfreuliche Nachricht. Erst als sie die Generalstabskarte mit der gestrichelten Linie für die Gasförderung auf ihrem Küchentisch ausbreiteten, begriffen sie, dass es da einen kleinen Haken gab. Enterprise Oil, das ursprüngliche Bohrunternehmen, plante die Gasverarbeitung nämlich weder auf einer Offshore-Plattform noch an einer menschenleeren Stelle irgendwo an Mayos Küste. Die Raffinerie sollte vielmehr im Landesinnern liegen. Ein Hochdruckrohr sollte das Gas 90 Kilometer weit über den Meeresboden und danach durch eine Flussmündung, durch Farmland, durch Torfgebiete, durch ein Waldstück zur Raffinerie befördern – wenige Meter am Haus von Willie und Mary Corduff, ihren sechs Kindern, ihren Kühen, Hühnern, Schafen, Hunden und Katzen vorbei.

Die Entdeckung weckte unmittelbaren Widerstand. Mit einer Hochdruckgasleitung durch ihre Gewässer, Weiden und Wohngebiete wollten die Anrainer der geplanten Route nichts zu tun haben. Sie befürchteten die Zerstörung kostbarer Naturschutzgebiete und fühlten sich von der "Pipe" in ihrer Sicherheit bedroht. Sachverständige aus Dublin warnten vor einer Pipeline-Nähe zu Wohngebieten, wie sie nicht mal in den USA erlaubt sei – "und dort sind die Vorschriften noch relativ lax". Später sollten am Projekt beteiligte Ingenieure sogar einräumen, dass im – natürlich ganz unwahrscheinlichen – Falle eines Unfalls sogar Häuser in 170 Metern Entfernung zur Pipeline "spontan" in Flammen aufgehen könnten; deren Bewohner hätten dann gerade mal 30 Sekunden Zeit, sich in Sicherheit zu bringen.

Aber all das wussten die Corduffs noch nicht, als ihnen zu Beginn die ersten leisen Zweifel kamen und sie Einspruch gegen das Großprojekt an der Broadhaven Bay einlegten. Damals versuchten sie noch, die Behörden mit einer sachlichen Expertise vom Bau der Pipeline abzubringen. Seite an Seite mit anderen beunruhigten Bauern, örtlichen Fischern, Lehrern, Geschäftsleuten und eben auch Schmied John Monaghan lieferten sie sich mit Planungs- und Sicherheitsausschüssen, mit Verwaltungsabteilungen und Ministerien eine zunehmend bittere Schlacht und ließen auch dann nicht locker, als Enterprise Oil im Jahr 2002 vom Petroleumriesen Shell geschluckt wurde. So gelang es den Rebellen, mit immer neuen Eingaben das Projekt Monat für Monat und Jahr für Jahr hinaus zu zögern. Das Gas, das eigentlich vor acht Jahren hätte fließen sollen, sitzt so heute immer noch auf dem Grund des Atlantischen Ozeans. "Und wenn nötig, werden wir auch die nächsten acht Jahre dafür sorgen, dass es nicht ans Tageslicht kommt", verspricht Willie Corduff.

Bei Shell dagegen wähnt man sich dem Ziel jetzt näher denn je. Schritt für Schritt hat der Konzern, mit immer neuen Teilgenehmigungen, Bohrproben durchgeführt, Rohre antransportiert, Pipeline-Abschnitte zusammengeschweißt, Ventile eingesetzt, neues Gelände in Beschlag genommen. Inzwischen ist sowohl die Hauptleitung von den Gasquellen im Meer zur Küste als auch die Raffinerie, in einem Wäldchen nahe Corduffs Farm, fertiggestellt. Was noch fehlt, ist ein Zwischenstück von etwa neun Kilometern, das die Raffinerie mit dem Meeresrohr verbinden soll. Um diese Etappe wird nun im letzten, entscheidenden Gefecht gerungen. Ohne dieses Stück kann Shell seine Gasvorräte nicht auf den Markt, nicht an eine internationale Kundschaft bringen.

Mit dem erneuten europaweiten Bedarf an Gas ist auch der Druck auf den Konzern gestiegen, "das Rohr" endlich fertig zu stellen, die Corrib-Saga zu beenden. Es sei nun "wahrhaftig an der Zeit", dass die Gegner des Projekts ihre Kampagne abbliesen, "und uns die Pipeline fertig bauen lassen", erklärt man bei Shell. Der Konzern ist des langen Wartens müde geworden. Eine 500-Tonnen-Bohrmaschine, für das Verbindungsstück der Pipe, wird aus Deutschland erwartet und soll demnächst vollendete Tatsachen schaffen. Die letzten Einsprüche der "Aufständischen" vor Gericht sind abgewiesen worden. Die gegenwärtige irische Regierung aus Fine Gael und Labour ist ihnen ebenso wenig zugetan, wie es frühere, konservativere Regierungen waren. In Dublin ist man, in der Krise wie zu Boomzeiten, an Wachstum um fast jeden Preis interessiert.

Fianna Fail, die eng mit allerlei Wirtschaftsinteressen verquickte Regierungspartei der "Tiger-Jahre", hat für Kritik an der Pipeline noch nie Verständnis aufgebracht. Einmal, als ein Inspektor der staatlichen Planungsbehörde befand, die Rohrverlegung über Land sei "an einer gänzlich ungeeigneten Stelle" geplant, und das Ganze verbieten wollte, mischte sich der damalige Regierungschef Bertie Ahern direkt in den Streit ein. Auf die Drohung Shells hin, alle Aktivitäten in Mayo einzustellen, lud Ahern die Konzernbosse in sein Büro in Dublin ein, um sich "die Sorgen des Unternehmens über mangelnden Fortschritt beim Corrib-Projekt persönlich anzuhören.

Vier Tage nach dem Treffen mit Ahern saßen die Shell-Leute bereits mit der Direktion der Planungsbehörde am Tisch. Ein neuer Antrag wurde eingereicht. Und diesmal legte sich kein Inspektor quer. In anderen Planungsphasen musste das Marineministerium "neutrale Studien" zur Einstufung möglicher Umweltschäden in Auftrag geben. Bezeichenderweise ging der Auftrag beide Male an Agenturen, die entweder Shell gehörten oder eng mit Shell verbunden waren.

Die Gegner der Pipeline bestärkten solche Manöver in der Überzeugung, dass mit Papierkrieg allein nicht weiter zu kommen war und dass sie sich bestenfalls mit Protestaktionen, Sit-Ins vor Raffinerietoren oder Bauplatzblockaden Gehör verschaffen konnten. Zusätzliche Empörung löste eine spezielle Shell-Strategie aus, die Teile des Protests erfolgreich zum Verstummen brachte.

Die ganze Gegend ist Besatzungszone

Denn Shell bot nicht nur Landeignern Zahlungen für den Zugang zu ihrem Land an. Der Konzern begann auch, Millionen in der Region für allerlei "gute Zwecke" auszuschütten. Hier bot er an, ein neues Dach auf eine marode Kirche zu setzen. Dort half er einem Sportklub beim Bau eines nagelneuen Stadions finanziell auf die Sprünge. Dass der dankbare Priester oder der hoch erfreute Präsident des Sportverbandes für den großzügigen Sponsor Stimmung machen würde, entsprach der Logik solcher Transaktionen – auch wenn die Betreffenden einen solchen Verdacht immer entrüstet von sich wiesen.

"Das Geld hat uns auseinander getrieben", klagt Pat O’Donnell, ein Fischer der Gegend und neben Corduff der prominenteste der Demonstranten. "Mit diesem Geld ist es Shell gelungen, uns zu spalten." Einst hatte O’Donnell, den sie den "Chief", den Küstenhäuptling nennen, noch die gesamte bunt beflaggte Fischerflotte dieses Gebiets in einem feierlichen Protestzug gegen Shell angeführt. Mittlerweile haben sich viele seiner Nachbarn von ihm abgesetzt.

"Man grüßt sich noch", sagt der Chief. "Aber es ist nicht wie in den alten Zeiten." Die meisten der anderen Fischer haben sich mit Shell arrangiert. Einige helfen Shell bei den Bohroperationen. Wütend hat O’Donnell ihnen verboten, das Deck seines Bootes je wieder zu betreten. "Wenn die für Shell arbeiten, sind sie für mich Verräter. Sie haben sich selbst erniedrigt. Sie sind moralisch auf Grund gelaufen."

Die ganze Gegend sei schon jetzt "die reinste Besatzungszone", klagt auch John Monaghan. "Man lebt hier Tag und Nacht wie in einem offenen Gefängnis." Als Gefängniswärter in diesem Gefängnis betrachtet er nicht nur Polizisten wie die, die ihm vor kurzem die Autoscheibe eingeschlagen haben. Sondern vor allem die privaten Wachleute, die Shell in die Schlacht geschickt hat – einen sogar im Mayo-Regen sonnenbebrillten Sicherheits-trupp der Firma, dem über die Jahre auch Ex-Soldaten und Kontaktleute zu paramilitärischen Verbänden angehörten. Diese Wächter der "Pipe" stehen nicht nur Posten am Shell-Gelände. Sie patrouillieren die Straßen entlang der Bucht, mit Fernstechern, Notizblocks, Kameras. "Das sind ganz harte Kerle – und so was schnüffelt hier uns und unseren Kindern nach", meint Monaghan.

Einige Küstenbewohner haben schon handgreifliche Erfahrungen mit Shells "Hilfstruppen" gemacht. Als Willie Corduff sich einmal zu einem spontanen Protest auf Shell-Gelände wagte, wurde er, wie er später zu Protokoll gab, mit einem Knüppelhieb halb ohnmächtig geschlagen und dann von vier vermummten und gut trainierten Leuten zu Boden gestoßsen, bekniet, gekickt und mit dem Gesicht in den Kies gedrückt.

Im Rettungswagen zum Mayo General Hospital legte ihm der Fahrer, aus Angst vor Rückgrat- oder Genickschäden, eine Halskrause an. Das Krankenhaus konstatierte: "Tritte am ganzen Leib, Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen." Auch bewusstlos sei der Überfallene zeitweise gewesen.

Bemühungen Corduffs, die Attacke anzuzeigen, liefen ins Leere. Die Polizei ließ die Sache fallen – und dementierte scharf den Verdacht, dass Polizisten dem gemeldeten Vorgang beigewohnt hätten, ohne einzuschreiten. Die Staatsanwaltschaft beschloss, keine Anklage zu erheben. Und Shells private Sicherheitstruppe behauptete kühl, Corduff sei von niemandem auch nur angerührt worden.

Bei Shell ist man sich keiner Probleme mit den "Gelbjacken" bewusst: "Wir würden diese Leute nicht beschäftigen, wenn wir Grund zu der Annahme hätten, dass sie sich unkorrekt verhielten." Darüber kann einer wie John Monaghan nur lachen: "Man muss sich doch nur mal umschauen, um zu sehen, was hier bei uns passiert: Irische Kriegsschiffe gegen irische Fischerboote. Fremde, die plötzlich in Schauchbooten auftauchen und an Land springen und durch unsere Ortschaften ziehen und uns mit Videokameras verfolgen. Polizisten, die uns niederknüppeln. Mysteriöse Jeeps, die ohne Nummernschilder und Steuerplaketten über unsere Straßen brausen."

Fast schon nigerianische Qualität habe die Shell-Operation in Mayo mittlerweile angenommen, murmeln manche der Anwohner von Broadhaven Bay. Dennoch, oder gerade deshalb, wollen die Rebellen dem Druck auf ihr kleines Widerstandsnest auch weiter standhalten. "Wir können", sagt John Monaghan, "nicht einfach hinnehmen, dass man uns behandelt, als gäbe es uns hier gar nicht. Als könne Shell hier mit uns machen, was es will."

Autor: Peter Nonnenmacher