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16. Juni 2012 00:01 Uhr

Interview

Jogi Löw: "Stress? Beim besten Willen nicht"

Was sagt Bundestrainer Joachim Löw über das Geheimnis seiner Gelassenheit, den Tagesablauf bei der EM und die Defensive des Nationalteams? Ein Interview.

  1. Joachim Löw – der Gutgelaunte, der fast schon selig wirkt. Foto: dpa (2)/dapd

  2. Der Nachdenkliche Foto: dapd

  3. Der Frühaufsteher und Espresso-Trinker Foto: dpa

Joachim Löw (52) ist bei der EM ein viel beschäftigter Mann. Dennoch hat sich der Bundestrainer Zeit genommen, um im Trainingsquartier des deutschen Fußball-Nationalteams mit René Kübler zu sprechen. Im Interview gibt Löw bei einem Espresso Einblick in seinen Tagesablauf, er verrät das Geheimnis seiner Gelassenheit und erklärt, warum seine Spieler und er so viel über die Defensive sprechen.

BZ:
Herr Löw, was haben Sie heute Morgen nach dem Aufstehen als Erstes getan?
Löw: Zuerst habe ich mit Frank Wormuth (Leiter der Fußball-Lehrer-Ausbildung beim Deutschen Fußball-Bund, Anm. d.Red.) telefoniert, weil er ein Kenner der Gruppe A ist, die er für uns beobachtet hat. Danach hatten wir eine Besprechung mit unseren Scouts. Und wenn Sie's ganz genau wissen wollen, habe ich um 7.30 Uhr trainiert. Wie jeden Morgen.

BZ: Trainiert?
Löw: Ich war im Fitnessraum, bin aufs Laufband gegangen und Fahrrad gefahren. Und ich habe ein bisschen Gymnastik gemacht. Das mache ich regelmäßig.

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BZ: Stellen Sie sich den Wecker?
Löw: Nein, das ist nicht nötig. Ich bin ein Frühaufsteher.

BZ: Und bei der EM haben Sie tatsächlich nur Fußball im Kopf? Auch ein Bundestrainer braucht doch mal Freizeit.
Löw: Freizeit im eigentlichen Sinn gibt es hier nicht. Es geht größtenteils um Fußball, hier spielt kein anderes Thema eine Rolle. Bevor ich ins Bett gehe, lese ich allerdings, um abschalten zu können.

BZ: Was für ein Buch lesen Sie gerade?
Löw: Unternehmen Brandenburg.

BZ: Einen Thriller. Wieviele Seiten haben Sie bislang geschafft?
Löw: Ich bin nicht sicher. Von 800 Seiten dürfte ich in den vergangenen zwei, drei Wochen sicher 300 bis 400 Seiten gelesen haben. Tagsüber komme ich nicht dazu, aber eben spätabends.

BZ: Können Sie danach gut schlafen?
Löw: Auf jeden Fall.

BZ: Sie haben mal gesagt, Ihre Lebensqualität sinke während eines Turniers auf ein Minimum. Was meinen Sie damit?
Löw: Lebensqualität bedeutet, sich mit der Familie, mit Freunden zu treffen, gemeinsam essen oder ins Kino zu gehen. Diese Dinge sind momentan weit weg. Hier geht es den ganzen Tag um Fußball. Mein Freiraum ist sehr beschränkt. Aber der Job bietet mir bei einem Turnier eine andere Art von Lebensqualität.

BZ: Das müssen Sie erklären. Viele Ihrer Kollegen, aber auch Spieler sprechen immer von Druck und Stress.
Löw: Ich empfinde beim besten Willen keinen Stress. Warum das so ist, weiß ich nicht. Vielleicht weil mir das alles hier große Freude bereitet. Mag sein, dass andere Leute von Druck sprechen. Ich aber freue mich auf Wettkämpfe gegen Portugal oder die Niederlande. Das macht mir – bei allem Respekt vor diesen Gegnern – viel mehr Spaß, als gegen die Schweiz oder Liechtenstein zu spielen.

BZ:
Dann finden Sie Freundschaftsspiele also langweilig.
Löw: Ich bin sehr lange bei der Nationalmannschaft dabei. 2004, als Jürgen Klinsmann und ich diese Aufgabe übernommen haben, fand ich das alles toll. Ein Freundschaftsspiel in Österreich, dann eins im Iran: schön, wow, Hochspannung. Aber jetzt mache ich den Job schon seit acht Jahren.

BZ: Sie haben einmal verraten, dass sich bei Ihnen nach Turnierende durchaus große Erschöpfung breitmacht. Während eines Turniers, auch jetzt, wirken Sie aber, als würden Sie in sich ruhen, fast schon lässig. Wie gelingt Ihnen das?
Löw: Bei einem Turnier ist ein geregelter Rhythmus wichtig. Ich habe klare Abläufe, mehr als das zu Hause der Fall ist. Ich gehe nie spät ins Bett, mache regelmäßig zu gewissen Zeiten Sport.

BZ: Und warum sind Sie nach den Turnieren trotzdem so erschöpft?
Löw: Das ist der Spannungsabfall. Die Emotionen bei einer EM oder einer WM sind groß, manchmal auch nicht steuerbar. Manchmal mache ich sogar Dinge, von denen ich hinterher gar nicht mehr genau weiß, was ich da gemacht habe. Es passiert ja unheimlich viel: Wir gewinnen gegen die Niederländer, aber am nächsten Tag ist schon wieder Dänemark das Thema. Es gibt Highlights und auch mal Riesenenttäuschungen, der Adrenalinspiegel ist hoch. Wenn alles vorbei ist, nach Wochen der Konzentration und Anstrengung, fallen diese Emotionen in sich zusammen.

BZ: Was für Dinge machen Sie denn, von denen Sie hinterher nichts mehr wissen?
Löw: Während eines Spiels oder auch im Training reagiert man ganz spontan. In manchen Situationen bin ich gegenüber Spielern sicher auch mal ungerecht in meiner Ausdrucksweise. Hinterher ist mir dann klar: Das musst du ein bisschen anders einordnen.

BZ: Gibt es dann die berühmten Einzelgespräche?
Löw: Im Moment läuft das relativ spontan ab. Im Grunde gibt es keine Einzelgespräche, zumindest keine langen. Man macht kleine sportliche Analysen mit einzelnen Spielern, mehr nicht.

BZ: Und was ist mit der Psyche, dem mentalen Wohlbefinden Ihrer Spieler?
Löw: Wenn ich das Gefühl habe, der eine oder andere Spieler ist in einem Zustand der Unzufriedenheit, oder wenn einer ein anderes Problem hat, dann spreche ich ihn an. Es gibt auch Spieler, die mal zu mir kommen, wenn sie das Bedürfnis haben. Aber geplante Einzelgespräche gibt es während eines Turniers eigentlich nicht.

BZ: Mussten Sie mit Mario Gomez sprechen? Er ist ja trotz seines Tores gegen Portugal heftig kritisiert worden.

Löw: Mit ihm habe ich am Morgen des Spiels noch einmal gesprochen und ihm gesagt: Meine Beurteilung ist hier das Allerwichtigste. Was andere sagen, musst du ausblenden. Es wird immer wieder Positives und es wird immer wieder kritische Stimmen geben. Ich war mit seinem Auftritt gegen Portugal zufrieden. Mario hat das entscheidende Tor gemacht und gut gearbeitet. Damit hat er sich mein Vertrauen verdient – und Schluss.

"Gomez hat jetzt die nötige Sicherheit." Joachim Löw

BZ: Ist der Knoten bei Gomez nach seinen beiden Treffern gegen die Niederlande geplatzt?
Löw: Ja, im Nationalteam schon seit längerer Zeit. Er hat das Trauma der EM 2008 überwunden. In den zwei Jahren nach der WM 2010 hat er bei uns häufig getroffen. Er hatte sehr viele Einsätze, das wird oft vergessen. Jetzt hat er die nötige Sicherheit – und das Vertrauen des Trainers sowieso.

BZ: Lukas Podolski genießt Ihr Vertrauen seit Jahren. Wie sonst könnte er gegen Dänemark mit 27 Jahren bereits sein 100. Länderspiel bestreiten? Bei dieser EM hat er aber noch nicht überzeugt.
Löw: Offensiv kann und muss noch mehr von ihm kommen. Das ist richtig. In den ersten beiden EM-Spielen hat er jedoch gut nach hinten gearbeitet. Ich hatte ihm aufgetragen, dass er Philipp Lahm mit Gegenspielern wie Nani und Robben auf keinen Fall allein lassen darf, dass er wachsam und diszipliniert sein muss. Sonst hätten wir Probleme bekommen. Denn diese Gegenspieler sind mit das Beste, was es auf den Außenpositionen gibt. Er hat seinen taktischen Auftrag erfüllt, deswegen bin ich zunächst einmal sehr zufrieden mit ihm.

BZ: Es ist auffällig, dass Ihre Spieler und Sie heute sehr viel mehr über Defensive sprechen. Vor einem Jahr drehte sich alles um ein möglichst schnelles Spiel, um Offensive, um Attraktivität. Liegt dem ein bewusstes Umdenken zu Grunde?
Löw: Ich denke, dass wir schon 2010 stark in der Defensive waren, nur ist das nicht so durchgedrungen. In der öffentlichen Wahrnehmung standen hier vielleicht die vielen gelungenen offensiven Aktionen im Vordergrund, die man einer deutschen Mannschaft so nicht zugetraut hat. Aber es gab schon bei der WM jene Phasen, in denen wir gut verteidigt haben – aber eben nicht so sehr als Mannschaft.

BZ: Ihnen geht es um eine neue Komplexität in der Defensive.
Löw: Genau. 2010 haben wir begonnen, es richtig gut zu machen. Es ging darum, über diese Art der gemeinsamen Defensive schnell in die Offensive zu kommen. Man darf auch nicht immer die Spiele gegen England und Argentinien (4:1 und 4:0, Anm.d.Red.) als Maßstab nehmen.

BZ: Da machte das Zuschauen viel Spaß.
Löw: Aber das Spiel unserer Gegner hat sich auch entwickelt. Niemand macht gegen uns mehr den Fehler, uns zu viele Räume zu geben. Die Engländer und die Argentinier ließen einige ihrer Superstars im Spiel gegen uns einfach vorn stehen. Vier oder fünf Mann haben bei ihnen nach unserer Balleroberung nicht mitgemacht. Inzwischen ziehen sich gegen uns alle sofort zurück. Unsere Gegner kontern inzwischen sehr gut. Von daher ist es für uns wichtig, gut nach hinten zu arbeiten, also defensiv gut und stabil zu stehen, um daraus unser Spiel entwickeln zu können. Bei diesem Turnier geht es für uns darum, die richtige Ausgewogenheit hinzubekommen. Wir spielen ja nicht gegen Brasilien.

BZ: Meinen Sie das Testspiel im vorigen August in Stuttgart?
Löw: Genau. Da habe ich schon gesagt: bitte, spielt drauflos. Dann macht ein 4:2 oder 4:3. Ist doch schön anzusehen. Als Beweis für unsere Offensivkraft hilft uns das natürlich auch. Aber solche Spiele verträgt man nicht immer. Wir müssen zusehen, dass wir die richtige Balance finden. Und dazu gehört eben beides. Genau das ist das Schwierige – beides!

BZ: Beides muss man besonders dann beherrschen, wenn man am Ende Welt- und Europameister Spanien besiegen will.
Löw: Es gab bislang kein Team, das defensiv so stark gespielt hat gegen Spanien wie wir. Sowohl im EM-Finale 2008 als auch im WM-Halbfinale 2010 hatte Spanier höchstens ein, zwei Chancen gegen uns. Das ist außergewöhnlich. Spanien hat sonst immer sieben, acht Chancen.

BZ: Dennoch hat Ihre Mannschaft 2008 und 2010 gegen Spanien verloren.
BZ: Weil wir nicht so gut nach vorn gespielt haben. Das ist uns nicht gelungen.

BZ:
Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?
Löw: Die Spanier sind nur zu besiegen, wenn man defensiv gegen sie arbeitet, wie wir es schon taten, und nach vorn so gut spielt, wie sie selbst. Klar ist: Eine gute Offensive basiert auf einer guten Defensive.

BZ: In Bezug auf das dritte EM-Vorrundenspiel gegen Dänemark haben Sie von personellen Veränderungen gesprochen. Allerdings sagten Sie früher einmal: Rhythmus ist wichtiger als Regeneration. Was gilt denn nun?
Löw: Wir sind trotz der beiden Siege gegen Portugal und die Niederlande noch nicht fürs Viertelfinale qualifiziert. Wir wollen gegen Dänemark unbedingt gewinnen. Deswegen würde ich jetzt nicht sieben oder acht Spieler tauschen, selbst wenn wir schon qualifiziert wären.

Autor: René Kübler


1 Kommentar

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Klemens Kuch  

Klemens Kuch

Registriert seit: 17.08.2009

Kommentare: 50

17. Juni 2012 - 16:52 Uhr

Der Mann hat schon Volles Programm ..

http://jogis-12-mann.blogspot.de/2012/06/jogi-und-die-freiwillige-feuerwehr.html

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