Segeltörn in den Knast

Junge Brasilianer werden ohne Wissen zu Drogenkurieren und landen im Gefängnis

Martin Flashar

Von Martin Flashar

Sa, 08. Dezember 2018 um 17:00 Uhr

Panorama

Seit einem Jahr sitzen junge brasilianische Segler auf den Kapverden im Gefängnis. Zu zehn Jahren sind sie verurteilt worden. Ihr Boot war von Drogenschmugglern präpariert worden.

"Freiheit für unschuldige Brasilianer!" – der Ruf hallt seit Monaten durch die sozialen Medien und die Presse bis hin zum staatlichen Fernsehen des lateinamerikanischen Landes. Der Alarm macht aufmerksam auf einen internationalen Drogenkrimi und die wachsende Verzweiflung mehrerer Familien.

Zu den Familien gehören Aniete Araujo Lima Dantas (55) und ihr Ehemann João Torres Dantas (56). Sie leben in Salvador im Bundesstaat Bahia, früher einmal die Hauptstadt Brasiliens. Aniete und João Dantas haben zwei Söhne, Joaozinho (31) und Rodrigo (27). Die Familie gehört zum gehobenen Mittelstand, einer Klasse, für die es in dem zwischen Armut und immensen Reichtum gespaltenen Land immer enger wird. Der Vater ist Volkswirt und Unternehmer; die Mutter hat einen Master in Marketing und arbeitete bis 2017 als Versicherungsvertreterin.

Im Sommer 2012 unternahm das Paar eine Europareise; dabei besuchten sie für mehrere Tage auch Freunde in Freiburg. Der junge Rodrigo, eine der tragischen Hauptpersonen dieser Geschichte, ist passionierter Segler, von Jugend an, erwarb schon mehrere Zertifikate. Aber er strebte ein weiteres Diplom an, für das er einige Tausend nautische Meilen auf hoher See nachweisen muss. Der große Plan sollte endlich Wirklichkeit werden – so schien es.

Es ist Frühsommer 2017. Die niederländische Firma "The Yacht Delivery Company" sucht Crewmitglieder zur Überführung einer Segelyacht zurück über den Atlantik nach Europa. Die "Rich Harvest" (Reiche Ernte) hatte über ein Jahr in Brasilien verbracht und zuletzt lange bei Salvador gelegen. Rodrigo Dantas und sein Freund Daniel Guerra bewerben sich – sie erhalten den Zuschlag. Am 8. Juli legen sie in Salvador mit der 22-Meter-Yacht in Richtung des tausend Kilometer nördlich gelegenen Natal ab. An Bord ist neben Rodrigo und Daniel auch Carlos Orosco, ein Mechaniker, der das Boot schon zuvor technisch "betreut" hat – zudem der Skipper und Miteigentümer der Yacht, George Edward Saul alias Fox (35). Er ist britischer Staatsbürger, stammt aus Norwich und hat seinen Wohnsitz in Gibraltar.

Drei Tage später läuft das Boot in den Hafen von Natal ein. Der geplante kurze Stopp dort verlängert sich um mehrere Tage, weil Bauteile zu reparieren sind, die sich auf der Fahrt von Salvador für die Ozeanquerung als untauglich erwiesen haben. Nach einer Woche dann rückt die Policia Federal an, auf Hinweis britischer Behörden, die das Boot schon länger beobachteten, sie hat einen Durchsuchungsbefehl, Drogenspürhunde gehen an Bord, auch die Militärpolizei tritt auf. Nach sechs Stunden intensiver Suche wird das Kommando ergebnislos abgebrochen. Skipper Saul ("Fox") ist von Bord gegangen – und verlässt das Land kurzfristig.

An seiner Stelle verpflichtet die Company den Franzosen Olivier Thomas. Auch der Techniker Orosco ist jetzt nicht mehr dabei. Für ihn tritt der Brasilianer Daniel Dantas in die Crew ein – nicht verwandt mit Rodrigo.

Am 3. August meldet sich die Besatzung polizeilich mit dem Ziel Madeira ab und verlässt tags darauf den Hafen und die Küste Brasiliens. Auf hoher See treten neue Probleme auf, ein Ölleck und Rauchentwicklung; die Crew versucht provisorische Reparaturen. Die Lage verschlimmert sich, der Motor setzt schließlich komplett aus, das Ruder ist defekt. Auch wird der unerfahrene Daniel Dantas seekrank, muss sich häufig übergeben, dehydriert, verliert mehr als acht Kilogramm an Körpergewicht.

Skipper Olivier Thomas entscheidet, einen Nothalt auf den Kapverden einzulegen. Dort soll das Boot repariert werden und Daniel Dantas von Bord gehen. Rodrigo plant ebenfalls, die Reise zu beenden – er traut der Yacht nicht mehr, zumal die Reparaturen Wochen benötigt hätten. Thomas, Daniel Guerra und ein neuer Matrose sollen danach die Überführung nach Madeira realisieren. So der Plan.

Am 20. August ruft Rodrigo seine Mutter Aniete daheim an und erzählt, dass sie nach mehr als zwei Wochen und 2800 Kilometern gefährlicher Fahrt die Bucht von Mindelo vor der Kapverdischen Insel São Vicente erreicht hätten. Tags darauf ankern sie und hissen die gelbe Flagge – als Zeichen, dass man Hafenpersonal an Bord wünscht. Die Hafenbehörde reagiert nicht, weshalb der Kapitän telefoniert. Ein Schlauchboot wird geschickt, um Rodrigo und Daniel an Land zu bringen. Der Kapitän ordert Rückflugtickets in einem Reisebüro vor Ort und entlässt sie aus der Crew. Sie mieten sich in einer Herberge in Mindelo ein.

Zwei Tage darauf, morgens um sieben, stürmt die Polizei die "Rich Harvest" und unternimmt eine, wie es heißt, "gezielte" Suche. Stunden später hat sie exakt 1063 Päckchen entdeckt – mit knapp 1,2 Tonnen Kokain, für die man auf dem Drogenmarkt 160 Millionen Euro erlösen würde. Das Rauschgift war sorgsam eingebaut in den Rumpf des Bootes unter einem Wassertank aus Fiberglas und einer Stahlplatte. Olivier Thomas und Daniel Guerra gelten als "auf frischer Tat ertappt" und werden sofort verhaftet. Noch am selben Tag nimmt die Polizei auch Rodrigo Dantas und Daniel Dantas fest. Später werden Rodrigo und Daniel unter Auflagen bis zum Prozess auf freien Fuß gesetzt; sie müssen sich wöchentlich melden und dürfen die Insel nicht verlassen, die Pässe bleiben eingezogen. Die beiden anderen bleiben in Haft.

Mitte Dezember verfügt das Gericht wegen angeblicher Fluchtgefahr, dass auch die bisherigen Freigänger in den Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses von Mindelo müssen, Rodrigo für die ersten Tage in Isolation. "Die Zelle ist so klein, dass man nur zwei Schritte hin und her laufen kann", berichtet er. Drei Monate später ergeht das Urteil: zehn Jahre Haft für alle vier Crewmitglieder. Ihre Anwälte legen sofort Revision ein. Begründung: Zahlreiche Zeugen der Verteidigung seien vom Gericht nicht gehört, nicht einmal per Video zugeschaltet worden – auch die brasilianische Policia Federal nicht, die das Boot in Natal kontrolliert hatte.

Zudem beklagen die Anwälte eine "Umdrehung" der Unschuldsvermutung: Das Gericht verlange, dass die Angeklagten ihre Unschuld beweisen, lasse aber keine Zeugen zu. Der Richter ist Juíz Antero Tavares, bekannt für seine Strenge. Auch waren gegen ihn in anderen Fällen, zuletzt im November 2017, Vorwürfe des Amtsmissbrauchs laut geworden. Über die Revision ist noch nicht entschieden. Ein Jahr ist dafür Zeit, erst Ende April 2019 muss das letztinstanzliche Urteil gesprochen sein. "Nachdem ich das Gericht und den Richter kennengelernt habe, ist mir klar geworden", erklärt Rodrigo aus der Haft, "dass ich ohne internationale Hilfe hier nicht rauskomme."

In Salvador, der Heimat der jungen Männer, fahren Mitte April mehr als einhundert Motor- und Segelyachten, begleitet von Kanus, zum Hafen hinaus und protestieren mit einem Sirenenkonzert gegen Haft und Urteil jenseits des Atlantiks. Zwei Monate darauf wird James Robert Delbos, britischer Staatsbürger, der neben Saul als Miteigentümer der "Rich Harvest" geführt ist, mit internationalem Haftbefehl in Madrid gefasst. Die brasilianische Polizei glaubt, dass er – wie Saul – in den Drogenhandel verstrickt ist. Delbos ist bis heute in Arrest, eine Auslieferung nach Brasilien soll noch erfolgen.

Im Juli besucht Antonio Imbassahy, einflussreicher brasilianischer Politiker, ehemals Bürgermeister von Salvador und Gouverneur von Bahia, das Gefängnis auf den Kapverden und erhält vom dortigen Justizminister die Zusage, dass dieser "den Fall sehr aufmerksam verfolge". Zeitgleich ist der brasilianische Präsident vor Ort, weist seinen Kollegen von den Kapverden auf den Fall hin und trifft sich mit den Angehörigen der Inhaftierten. Damit hat die Politik ihre Pflicht getan. Bald ist auch der andere Brite verhaftet; wie das Interpolbüro in Rom an Brasilien meldet, hat man ihn in Venedig verhaftet. Er warte auf die Auslieferung.

Die Zentralregierung in Brasilia macht Druck auf die Regionalverwaltung Bahias. Sie solle rasch die Auslieferung Sauls beantragen, weil er nach italienischem Recht nur 40 Tage in Haft bleiben darf. In dieser Zeit sind Mark W. und seine brasilianische Ehefrau Miralva aus Freiburg in Salvador und besuchen die Familie Rodrigos; die Nachrichten haben inzwischen die deutsch-brasilianische Community im Breisgau erreicht. Mark W.: "Wir trafen auf eine sehr angespannte Stimmung angesichts der bedrückenden Situation. Aber im Moment der Verhaftung des Bootseigners kam Hoffnung auf und alle glaubten, ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen." Aus Rom kommt dann aber die Nachricht, dass man dort Saul am 3. September freilassen musste, weil kein Auslieferungsersuchen rechtzeitig einging.

Bis heute hat Rodrigo für die Notdurft nur einen Eimer; nur ein Mal pro Tag wird er zur Toilette geführt. Die Haftbedingungen bleiben unwürdig, besonders in hygienischer Hinsicht. Kakerlaken gehören zum Alltag; nachts kriechen sie ihm über das Gesicht. Termine zum Duschen gibt es selten. Rodrigo bekommt Karies, zum Zahnarzt darf er nicht. Verwandte erhalten zweimal pro Woche für etwa eine Stunde Besuchszeit. Aniete, die Mutter, übernimmt das. Sie bringt vor allem Essen mit, angesichts der schlechten Verpflegung – inzwischen aber jede Woche größere Mengen, für zahlreiche andere Gefangene auch. Weil sonst die Gefahr bestehe, dass der Sohn im Gefängnis isoliert und aus Neid oder Hohn Repressalien ausgesetzt wird. Besucher berichten von rabiaten Durchsuchungen durch das Wachpersonal; auch seien Treffen mit dem Sohn stets nur unter freiem Himmel und in sengender Hitze zugelassen.

Vor Kurzem berichtete Aniete Dantas telefonisch über die aktuelle Lage: "Wir sind vier Familien, die leiden. Die Eltern des französischen Kapitäns sind über 80 Jahre alt und waren bislang dreimal da. Ich bin seit über einem Jahr hier, habe meinen Job verloren und widme mich heute ausschließlich der Verteidigung meines Sohnes. Rodrigos Vater reiste zurück nach Salvador auf der Suche nach Unterstützung und Hilfe durch die brasilianische Regierung. Daniel Guerras Eltern aus Rio Grande do Sul sind ebenfalls monatelang vor Ort. Daniel Dantas’ Schwester und Mutter waren schon dreimal hier." Zum Schluss sagt sie : "Ich weiß nicht, ob ich diese unermessliche Ungerechtigkeit und diesen Schmerz noch lange ertragen kann." Rodrigo selbst meldete kürzlich aus der Haft: "Ich werde das hier nicht zehn Jahre lang schaffen".

Ahnten Rodrigo und Daniel etwas von der brisanten Fracht unter ihren Füßen? Alle, die die jungen Männer kennen, halten das für ausgeschlossen. Und alle vier Angeklagten beschwören unabhängig voneinander ihre Unschuld. Waren sie vielleicht zu vertrauensselig? Seit mehr als zehn Jahren schon gibt es Berichte, nicht nur in Seglermagazinen, wonach Drogenschmuggler Segelyachten für den Transport nach Europa nutzen. Auch einige Deutsche sind bereits erwischt und verurteilt worden. Andererseits gibt es auch starke Zweifel am Aufklärungswillen der kapverdischen Justiz. Der 450 000-Einwohner-Inselstaat an der Drogenroute zwischen Südamerika und Afrika braucht Erfolgsmeldungen. In dubio pro reo, im Zweifel für den Angeklagten? Offenbar gilt der rechtsstaatliche Grundsatz in der ehemaligen portugiesischen Kolonie bei weitem nicht so strikt wie in Mitteleuropa.

Die Familie Rodrigos vermutet ein internationales Kartell hinter den Vorgängen. Der sorgfältige Einbau des Kokainpakets müsse spätestens in Salvador oder schon zuvor, jedenfalls lange vor der endgültigen Abfahrt des Schiffes passiert sein. Und im 600-seitigen brasilianischen Polizeibericht vom 7. Februar 2018 steht: "Wir gehen davon aus, dass Robert James Delbos, Matthew Stephen Bolton und George Edward Saul dafür verantwortlich waren, dass das Boot mit Kokain beladen wurde. Es gibt keine Beweise dafür, dass Olivier Thomas, Rodrigo Dantas, Daniel Guerra und Daniel Dantas von der Absicht beziehungsweise dem Verbrechen wussten, welches von George Saul geplant und ausgeführt wurde."

Auskunft könnte vielleicht der Techniker Orosco geben. Redakteure des brasilianischen Fernsehens fragten nach. Aber er schweigt – wie auch die Vermittler-Agentur "The Yacht Delivery Company". Eine Onlinepetition zugunsten der Unglückssegler brachte es bisher auf 20 000 Unterzeichner. Sie hoffen auf diplomatischen Druck der internationalen Staatengemeinschaft, auch Europas – wegen des inhaftierten französischen Staatsbürgers.