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24. Januar 2011

Junge Künstler auf dem Weg

Freiburger Kunststudenten von Ben Hübsch stellen sich im Georg-Scholz-Haus vor.

  1. Gürtelverknotungen von Oliver Drescher Foto: Fotos: Nicola Gastiger

  2. Skizzen und Studien von Studienanfängern Foto: Nicola Gastiger

WALDKIRCH. Klasse – der Begriff steht für "herausragend", "exzellent" oder "spitze", er assoziiert aber auch "Schulklasse", "Klassenkampf", "Klassengesellschaft", er wird gebraucht im Sinne von "erstklassig","zweitklassig" oder gar nur "drittklassig". In diesem Falle ist "Klasse" der Titel der ersten Ausstellung im Georg-Scholz-Haus in diesem Jahr, die noch bis 27. Februar zu sehen ist.

"Klasse" meint hier eine Gruppe von Studierenden der Freien Hochschule für Grafikdesign und bildende Kunst, Freiburg. Die 16 mit Werken, Studien und Skizzen vertretenen Studierenden kommen aus allen Semestern, vom ersten bis zum achten, dem Abschlusssemester. Gemeinsam haben sie alle, dass sie bei dem und unter Leitung des Künstlers Ben Hübsch arbeiten. Ben Hübsch ist bekannt geworden mit oszillierenden Werken und ergänzt die Ausstellung mit zwei seiner eigenen Arbeiten. Seinen Schülern lässt er allerdings völlige Freiheit, so dass die Werke seiner Studierenden ungewöhnlicherweise noch nicht einmal im Ansatz einen Touch seiner Oeuvres tragen, sondern von einem echten Selbstfindungsprozess zeugen.

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Thematisch sind alle diese Arbeiten angesiedelt im Rahmen von Existenzfragen, Identitätskrisen, Traumbildern, Aktbildern, Alpträumen oder der Finanz- und Wirtschaftskrise. Es geht auch um Krieg und Gewalt oder Sozialkritisches, wie die in den "Schweineköpfen" oder "Gürtelverknotungen" von Oliver Drescher. Bei letzterem handelt es sich um ein 2,5 auf 1,2 Meter großes Werk, welches aus alten Gürteln besteht und ein Dick- und Dünndarm ähnliches Konstrukt bildet. Es impliziert, dass es viel ist, was die Gesellschaft oder/und auch die jüngere Generation heutzutage "verdauen" muss.

"Für die Künstler selbst ergibt sich ein neuer Blickwinkel, wenn die Werke der Öffentlichkeit dargestellt werden und den Schutzraum des Ateliers verlassen", betonte Ben Hübsch in seinen einführenden Worten. Er dankte dem Georg-Scholz-Haus, vertreten durch Ulrike Schräder, für die Möglichkeit der Ausstellung für seine Studierenden. Schräder betonte wiederum, dass man im Georg-Scholz-Haus Studierendenklassen bereits mehrfach eine Chance gab und "natürlich auch immer offen sei für neue Gesichter und ein neues Licht".

Groß und erstklassig sind die Ansprüche und Themen der Studenten, an der bildnerisch-künstlerischen Umsetzung werden sie sicherlich künftig noch einiges feilen. Für Freiburger Verhältnisse am Kunstmarkt sind etliche Arbeiten eher zweit- oder nur drittklassig – aber vielleicht lag dies auch nur an der Auswahl und Zusammenstellung der Bilder und Werke, die in dieser Ausstellung jedenfalls viel zu beliebig und eher belanglos daherkommen.

Was die Eröffnungsveranstaltung, zu der etwa 150 Personen kamen, dann doch noch zu einem gelungenen Event machte, war die musikalische Umrahmung, die weit mehr als dies war. Unter Leitung von von Annette Rießner spielten die Schüler Katharina Ringwald und Sebastian Flor (alle Akkordeon) der Städtischen Musikschule Waldkirch drei Stücke: Es handelte sich dabei um einige Seiten aus der grafischen Partitur "Treatise" (1963-1967) des englischen Komponisten Cornelius Cardew, der von 1936 bis 1981 lebte und eigentlich Architekt war. Dieses Stück versucht mit musikalischen Mitteln den Akt der Malerei nachzuempfinden und zu vertonen. Die Sprunghaftigkeit der Pinselführung, das intuitive Verweilen in der Farbe, die Spontanität des Farbauftrags, die innere Lebendigkeit des Künstlers mündet bei Cardew in Fetzen von Musik, in ein fast lautloses Fingertrommeln auf dem Akkordeon, in abgehakten Phrasen von Klängen, es ist schrill, dann wieder melodiös, dann gar nicht, dann fängt die Musik wieder an. Es klirrt und kracht, wird richtig laut, dann wieder leise.

Es ergibt sich von selbst, dass natürlich auch freie Improvisationen der Interpreten dazugehören. Das gilt vor allem für die beiden nächsten Stücke, die nach "Vorschlägen" von Mathias Spahlinger erarbeitet wurden. In diesem klassischen Quartett offenbart sich auch das Improvisationskonzept: Immer einer der Spieler gibt die "Regieanweisung" mündlich und laut: also Echo, Wiederholung, lento, affirmato , Echo, lento… – die anderen spielen das dann gemäß dieser Anweisungen – so entsteht jedes Mal ein frei improvisiertes und unverwechselbares, einmaliges Stück wirklich neuer Musik. Die Veranstaltung endete damit und dann – zu recht – auch unter großem Beifall.

Abschließend wies Ulrike Schräder noch auf die zahlreichen Begleitveranstaltungen zu der Ausstellung hin: Am kommenden Samstag, 29. Januar, gibt es die "Schreibnacht" in der Ausstellung mit Roland Burkhart (19 Uhr); am 5. Februar die Lesung "Die lange Tote vom Münsterplatz" mit Anne Griesser (20 Uhr) und am 18. Februar das Filosophische Forum "Der Mythos des Sissyphos" mit Klaus Scherzinger (20 Uhr). Finissage der Ausstellung ist am 27. Februar.

AUSSTELLUNGEN 2011

Folgende Ausstellungen sind in diesem Jahr im Georg-Scholz-Haus geplant:

Bis 27. Februar: Malklasse von Ben Hübsch, Freie Hochschule Freiburg.

27. März bis 8. Mai: Sandra Eades und Reinhard Klessinger.

5. Juni bis 17. Juli: HM (Hans Martin) Erhardt.

16. Oktober bis 27. November: Gabriela Stellino und Fernado Viani.  

Autor: sti

Autor: Nicola Gastiger