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20. Juni 2009

Gwendolin Fähser – oder die Dressur der Bestie Mensch

Die Idylle im Miniatur-Amphitheater des Kindergartens trog: Die 20er Jahre waren alles andere als eine goldene Zeit

  1. Dressurakt der „Bestie Mensch“: Gwendolin Fähser und Jürgen Braun an der Drehorgel gestalteten ein Freilicht-Programm mit Beiträgen aus den 20er Jahren. Foto: R. Frey

KANDERN. Mit Zylinder und Peitsche demonstriert Gwendolin Fähser die Dressur der "Bestie Mensch". Mit dieser eindrücklichen Nummer begann ein besonderer literarisch-musikalischer Abend des Fördervereins der Stadtbücherei. Erstmals wurde die lauschige Gartenanlage des städtischen Kindergartens als Ort für eine Lesung mit Musik "bespielt". An diesem lauen Sommerabend konnte der kleine Zuhörerkreis auf den halbkreisförmigen Steinstufen Platz nehmen wie in einem Miniatur-Amphitheater.

So idyllisch das Ambiente, so kritisch, bissig und nachdenklich waren die Texte, die Gwendolin Fähser vortrug und die Jürgen Braun mit ausgewählten Stücken verschiedener Komponisten auf der Drehorgel untermalte. Es ging um Texte und Musik der "Goldenen Zwanziger", die aber keineswegs so golden waren. Das machten diese politischen, satirischen und sozialanklägerischen Texte deutlich. Für die meisten der Autoren und Komponisten, die in diesem Programm vorkamen, endete ihr künstlerisches Schaffen bei der Machtergreifung der Nazis mit Schreibverbot, Bücherverbrennung, Verfolgung, Exil, Flucht oder gar Tod. Ein bitterer Nachgeschmack, wie Rezitatorin Gwendolin Fähser meinte, aber umso wichtiger sei es, diese Texte zu Gehör zu bringen.

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Denn vieles, was darin angeprangert wird – Armut, Arbeitslosigkeit, soziale Ungerechtigkeit – ist heute so aktuell und bedrückend wie damals. Und man stellte öfter fest, wie sich doch die Bilder gleichen, wenn von schlechten Zeiten die Rede war, von aussichtsloser Zukunft wie in Tucholskys "Colloqium in Utero", einem Zwiegespräch im Mutterleib, von Arbeitslosen ohne Hoffnung wie im "Stempellied" von David Weber oder der Perspektivlosigkeit der Jugend in "Riesenspielzeug" von Erich Kästner. Neben vielen ironischen Gedichten und scharfsinnigen Betrachtungen berühmter Satiriker, Humoristen und Zeitkritikern wie Kästner und Tucholsky oder bekannter Chanson-autoren wie Friedrich Hollaender hörte man auch Texte weniger bekannter Künstler und Intellektueller, die Politisches für Kabaretts schrieben und ihre Brötchen mit Schlagermuse verdienten.

Fähser, von Haus aus Germanistin und Theaterpädagogin, trug diese Gedichte und Texte mit großer Einfühlung und spürbarer Liebe zur Literatur vor. Mal griff sie für Hollaenders verrucht-verlasterte Femme fatale in "Starker Tobak" zur roten Federboa, mal schlüpfte sie als Tucholskys bürgerlich-autoritärer Herr Wendriner ins Jackett und paffte eine imaginäre Zigarre, mal verfiel sie ins Berlinerische wie in Hollaenders ergreifendem "Wenn ich mal tot bin".

Sehr eindrücklich klangen die zornigen Texte und Anklagen gegen den Krieg wie Brechts "Legende vom toten Soldaten" oder Kästners "Stimmen aus dem Massengrab". Leisere und melancholische Töne schlichen sich im letzten Textblock ins Programm, wo es um das Thema "Liebe" ging, um Herbststimmungen und atmosphärische Augenblicke im Großstadtleben.

So entstand ein dichtes, stimmiges Zeitbild der 20er Jahre, musikalisch vortrefflich illustriert von Jürgen Braun an seiner wunderschön klingenden Drehorgel. Auf dieser spielte er Chansons des "Dreigroschenoper"-Komponisten Kurt Weill oder Stücke des im KZ umgekommenen Komponisten Erwin Schulhoff, aber auch den "Marsch des Soldaten" aus Strawinskys "Geschichte vom Soldaten" – oder einen Walzer von Schostakowitsch. Es hatte seinen besonderen Charme, diese rhythmisch prägnanten, oft parodistischen Tanzmelodien einmal auf diesem ungewöhnlichen Instrument zu hören.

Autor: Roswitha Frey