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03. Juli 2015

Klingender Kosmos in Karlsruhe

Das Heaven's Carousel von Tim Otto Roth

Tim Otto Roth versöhnt mit seinem Werk die getrennten Königskinder Naturwissenschaft und Bildende Kunst / In Karlsruhe rotiert derzeit sein Heaven’s Carousel.

  1. Tim Otto Roth unter seiner Installation Foto: M. Seidler /imach. projects

  2. Das Heaven’s Carousel in Aktion vor dem Karlsruher Naturkundemuseum (links). Abendliche Passanten berauschen sich an Licht und Klang (rechts). Foto: ZKM/ONUK/ Daniel T. Braun

  3. Foto: Daniel T. Braun

KARLSRUHE. Der Himmel über dem Karlsruher Friedrichsplatz hängt voller Lautsprecher. Vor der breitgelagerten klassizistischen Fassade des Naturkundemuseums bleiben vor allem abends, wenn die kugelförmigen Lautsprecher von innen in wechselnden Farben leuchten und an einem Kranausleger rotieren, Menschen stehen, um zu verweilen. Viele legen sich sogar unter den rotierenden Sphären aufs Gras und lauschen den daraus herabstrahlenden Sphärenklängen.

Vielleicht deswegen: Als Tim Otto Roth sein "Heaven’s Carousel" im April 2015 in Baltimore an der Ostküste der Vereinigten Staaten vorstellte, war soeben im US-Bundesstaat Maryland, in dem die Küstenstadt Baltimore liegt, Marihuana legalisiert worden. Die Kuratorin, welche das Heaven’s Carousel dem Publikum vorstellte, warnte scherzhaft davor, sich der Schöpfung des deutschen Künstlers "stoned" auszusetzen. Denn in den Klängen, die der Mann aus Oppenau im Renchtal dem Publikum serviert, lauern die unendlichen Weiten des Weltalls. Und in denen kann man sich leicht verlieren.

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Tatsächlich macht der 41-jährige Roth aus Oppenau im Renchtal mit seiner akustischen Installation ein optisches Phänomen fassbar. Sowohl in Schallwellen als auch in Lichtwellen kommt der Doppler-Effekt zum Tragen. Als Phänomen des Schalls kennt ihn jeder vom vorbeifahrenden Rettungswagen mit eingeschaltetem Martinshorn. Die Schallwellen werden komprimiert und dekomprimiert, wodurch sich die Tonhöhe des herannahenden Martinshornsignals vom sich entfernenden deutlich unterscheidet und mit diesem typischen Leiern von der Höhe in die Tiefe kippt. Einen ähnlichen Effekt hatte der österreichische Astronom Christian Johann Doppler (1803 bis 1853) für das Licht von Sternen und Galaxien entdeckt. Tatsächlich spielt der Doppler-Effekt heute eine wichtige Rolle in der Astronomie bei der Messung von Entfernung und Bewegung der Sterne.

Tim Otto Roth demonstriert den Doppler-Effekt aus physikalischer Notwendigkeit anhand des Schalls. Er verwendet dafür nicht-temperierte Tonleitern. Zum Beispiel die Shruty-Skala aus der klassischen indischen Musik, welche die Oktave in 22 Mikrointervalle einteilt. Wenn sie aus den rotierenden Lautsprechern erklingt, stellt sich durch den Doppler-Effekt sofort eine leichte Schwebung des Klangs ein. Das spezifisch Indische dieser Skala kommt im metallischen Sound zum Tragen, der eindeutig an die Sitar erinnert, obwohl aus den Lautsprechern lediglich Sinustöne klingen. Eine andere Sequenz in der von Roth komponierten und programmierten, rund 45-minütigen Komposition verwendet die Skala des niederländischen Astronomen Christiaan Huygens (1629 bis 1695). Der berechnete 1691 die Teilung der Oktave in 31 gleiche Stufen, um den Fehler des "pythagoreischen Kommas" im Tonsystem der Musik zu beheben. Auch eine Verneigung vor Gustav Mahler steckt in der Komposition. "Wie ein Naturlaut" steht als Vortragsbezeichnung am Anfang des ersten Satzes von Mahlers erster Sinfonie. Tim Otto Roth zitiert das so markante wie zarte, in Stufen absteigende und dabei Horizonte eröffnende Siebenton-Motiv.

Tim Otto Roth versucht in seinem Werk Naturwissenschaft und Kunst miteinander zu versöhnen, die seit der Romantik zwei getrennte Königskinder sind. Sein Heaven’s Carousel ist im Rahmen der Feierlichkeiten zum 300-jährigen Karlsruher Stadtjubiläum noch bis 9. August täglich auf dem Karlsruher Friedrichplatz zu erleben.

Ein Video mit Hörbeispielen und Erläuterungen des Künstlers im Internet: http://mehr.bz/himmelskarussell

Autor: Ralf Burgmaier