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10. April 2017

". . . keiner soll verloren werden"

"Bach und Passion": Die Camerata Vocale Freiburg konzertierte in der Christuskirche.

  1. Ein Spitzenchor: die von Winfried Toll geleitete Camerata Vocale Freiburg Foto: Pro

Im Barockzeitalter galt der Basso continuo, der Generalbass, als Basis der Musik. In seiner Es-Dur-Sopranarie "Wie zittern und wanken der Sünder Gedanken" aus der frühen Leipziger Kantate "Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht" BWV 105 aber ignoriert Johann Sebastian Bach bewusst dieses Fundament – als Zeichen für die Bodenlosigkeit des sündigen Menschen und die Unsicherheit unseres Daseins. Dass wir auf das Erbarmen und die Gnade Gottes angewiesen sind: Das war eine Botschaft, die man aus diesem Konzert von Winfried Tolls Camerata Vocale Freiburg in der Christuskirche mitnehmen konnte. Unter dem Motto "Bach zur Passion" erklang geistliche Vokalmusik zum Luther-Jahr (wir besuchten den ersten der beiden Abende).

Passion, Erbarmen, Gnade: ein in seiner Theologie durchaus anregendes, typisch Toll’sches Programm mit zudem beträchtlichem Zerknirschungsgrad. Dass mit dem göttlichen Souverän zwecks Gnadengabe auch mal ein himmlischer Handel zu tätigen ist: geschenkt! Sämtliche Interpretationen gingen der Musik auf den Grund. Bereits die Adagio-Strecke des Eingangschores kündete bei der Bach-Kantate von jenem spannungsreichen Zugriff, der für den ganzen Abend galt. In der ihr immanenten Rhetorik lässt Toll die Musik für sich selbst sprechen. Mit Engagement und sichtbarem Mitfühlen ist der Dirigent bei der Sache. Alle Akteure profitieren davon. Nicht zuletzt der Chor, der alles kann – auch das Umschalten vom Modus expressiver Getragenheit in polyphone Bewegung. Apropos Chor: Jede Stimmgruppe ist da eine Qualität für sich. Und zusammen sind sie eine Wonne.

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Die polyphonen Chortugenden konnte man auch in Bachs g-Moll-Messe goutieren, jener sich auf Kyrie und Gloria beschränkenden sogenannten Lutherischen Missa BWV 235, in welcher Bach per Parodieverfahren auf Präexistentes aus eigener Feder zurückgriff. Die Chor-Koloraturen beim "Cum Sancto Spiritu": sehr gekonnt. Auch die historisch informierten Instrumentalisten der Camerata Freiburg zeigten durchweg ihre Klasse. Man denke an die Oboeninnigkeit von Susanne Neumeyer-Kohnen oder die Geigenkunst von Konzertmeisterin Lisa Juliane Immer.

Während Bach sich Zeit nimmt, fasst sich dessen Dresdener Kollege Johann Adolf Hasse kürzer. Beispiel: das "Miserere" in c-Moll. Dafür ist der Opernfex Hasse bisweilen näher bei seinem Hauptgeschäft – Exempel: die als klingendes Sündenbekenntnis zu wertende Bassarie "Tibi soli peccavi". Mateo Peñaloza Cecconi sang sie sehr geschmeidig. Wie Toll bei diesem Projekt insgesamt auf junge Vokalsolisten mit Freiburger Hochschul-Background setzte. Mit ihrer wie selbstverständlichen Sopran-Natürlichkeit überzeugte Andrea Nübel nicht nur bei der generalbassfreien Bach-Arie. Mezzonahe Wärme verströmt Lotte Kortenhaus’ Alt. Nikolaus Pfannkuchs (in ganz wenigen Momenten noch ein wenig höhengefährdete) Tenorlyrik ist aller Ehren wert.

In Hasses "Miserere" die titelgebende Bitte um Erbarmen, dazu die inhaltlich ähnlich strukturierte Kantate, zum Luther-Jubiläum die Messe: Musik zur Passion ohne die Leidensgeschichte aus der Bibel. Hasse schließt tröstlich. Am Ende der Bach-Messe steht die Zuversicht (Zweifel klingt anders). Am schönsten sagt es der Schlusschoral, bei dem das Zittern aufhört in der Kantate: "Dass auf dieser weiten Erden / keiner soll verloren werden, / sondern ewig leben soll, / wenn er nur ist Glaubens voll".

Autor: Johannes Adam