Auch "Charakter" wird unterrichtet

Lena Marie Jörger

Von Lena Marie Jörger

Do, 30. August 2018

Kenzingen

Kenzinger Hilfsorganisation Zarok unterstützt Schulprojekt für besonders bedürftige Flüchtlingskinder im Nordirak.

KENZINGEN. Eine Tafel, Stühle und Tische – all das gehört normalerweise zu einem Klassenzimmer. Ganz anders in sogenannten Pop-Up-Schulen für Flüchtlingskinder im Nordirak. Die Idee: Der Unterricht wird mit wenig Aufwand ermöglicht. So entstehen zum Beispiel Lernräume unter freiem Himmel oder in verlassenen, halbzerstörten Gebäuden. Die Kenzinger Hilfsorganisation Zarok unterstützt das Projekt, das sich an besonders bedürftige Flüchtlingskinder richtet, die andernfalls keinen Zugang zu Bildung hätten.

Zwei bis drei Mal wöchentlich bekommen Susanne Dorer und Sigrid Leder-Zuther Nachrichten aus dem Nordirak. Per E-Mail, per WhatsApp, per SMS. Die beiden leiten den Verein Zarok und tauschen sich regelmäßig mit anderen Hilfsorganisationen im Nordirak über die Projekte aus, die sie gemeinsam unterstützen. Zurzeit sind das sogenannte Pop-Up-Schulen. Der Begriff leitet sich von dem englischen Verb "to pop up" ab, was so viel wie aufploppen oder schnell aufklappen bedeutet. In den Pop-Up-Schulen wird vieles improvisiert, die Kinder sitzen zum Beispiel auf Decken oder mitgebrachten Stühlen, mal im Freien, mal in einem verlassenen Gebäude.

Die Schulen richten sich an überwiegend jesidische Flüchtlingskinder. Seit ihrer Vertreibung aus ihren angestammten Siedlungsgebieten rund um das Sindjargebirge im Nordirak leben die meisten überlebenden Jesiden inzwischen in Flüchtlingscamps. Dort gibt es für viele keine Perspektive. Einige jesidische Familien haben sich deshalb in halbzerstörten Häusern oder Zelten außerhalb der Camps niedergelassen und züchten dort Vieh. Die Kinder der Familien stellen unerlässliche Arbeitskräfte dar, Bildungsmöglichkeiten gibt es kaum.

"Für diese Kinder sind die Pop-Up-Schulen wahnsinnig wichtig, weil sie keinen Zugang mehr zu Bildung haben", erklärt Sigrid Leder-Zuther. "Mit dem Projekt erreichen wir diejenigen, die es sehr schwer haben, weil sie nicht in Flüchtlingslagern leben oder auf die Infrastruktur in Städten zurückgreifen können."

Ein Team, zu dem unter anderem Pädagogen, Kunsttherapeuten und Freiwillige gehören, kümmert sich um die Kinder. "Die Pädagogen sind fachlich sehr kompetent, vor allem in Bezug auf Traumatherapie", sagt Sigrid Leder-Zuther, die selbst Diplom-Pädagogin ist. "Sie arbeiten ganzheitlich und wissen, wie man mit Kindern in einer so schwierigen Situation umgeht. Deshalb sind wir froh, dass wir mit ihnen zusammenarbeiten können."

Die Kinder werden je nach Vorbildung und Alter in Gruppen von 20 bis 25 Kindern unterrichtet. "Für irakische Verhältnisse ist das sehr klein", erklärt Sigrid Leder-Zuther, die zusammen mit Susanne Dorer schon Schulen im Nordirak besichtigt hat. "Dort sitzen manchmal bis zu 70 Kinder in einer Klasse, manchmal drängen sich drei auf eine schmale Bank", erzählt Sigrid Leder-Zuther.

In den Pop-Up-Schulen erhalten alle Kinder Sprach-, Kunst- und Hygieneunterricht. Auch Mathematik und das Fach "Charakter" werden unterrichtet. "Da geht es zum Beispiel darum, wie man verlässlich ist oder wie man Freundschaften pflegt", erklärt Sigrid Leder-Zuther und ergänzt: "Das könnte man hierzulande durchaus auch unterrichten, finde ich."

Seit mehr als drei Jahren engagiert sich Zarok im Nordirak. Zunächst lag der Fokus auf der Lieferung von Hilfsgütern. "Über die Zeit haben wir uns aber immer stärker auf Kinder konzentriert, die besonders bedürftig sind", erklärt Sigrid Leder-Zuther. Zuletzt unterstützte Zarok Traumaprojekte für Flüchtlingskinder. Dabei arbeitete der Verein schon mit der Nichtregierungsorganisation Panaga Haven Organization for education zusammen, die die Pop-Up-Schulen betreibt. Aktuell unterstützt Zarok eine solche Schule in einem verlassenen Schulgebäude im Weiler Sina, rund zehn Kilometer vom Flüchtlingslager Sharya in der Provinz Dohuk entfernt. Mit den rund 2000 Dollar Fördergeldern des Vereins werden 80 Kinder aus Flüchtlingsfamilien auf dem Land den ganzen Monat August über unterrichtet und verköstigt.

Die reine Wissensvermittlung steht in den Pop-Up-Schulen nicht im Vordergrund. Vielmehr sollen die Kinder Entlastung und Stabilität erfahren und positive Gemeinschaftserfahrungen machen. Die erwachsenen Angehörigen der Kinder sind abends zu Gesprächsgruppen eingeladen. Gemeinsam überlegen die Teilnehmer dann, welche Möglichkeiten es für die Kinder gibt, doch noch eine verlässliche Schulbildung zu bekommen. "Wir alle haben die Hoffnung, dass die Kinder wieder in eine normale Schule gehen können", sagt Sigrid Leder-Zuther, "aber das ist sehr schwierig."

Weitere Informationen zum Verein und den Projekten unter http://www.zarok.de