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09. Januar 2012 00:12 Uhr

Norient Musikfilm Festival

Die Weltmusik 2.0 auf der Leinwand

Die filmische Dokumentation von Musikkulturen hat in den vergangenen 15 Jahren einen enormen Beliebtheitssprung bei Regisseuren und Publikum gemacht.

  1. Szene aus dem Film „At night, they dance“ Foto: PROMO

Die Geschichte des Buena Vista Social Clubs, zahlreiche Streifen über den Balkanbeat-Boom, der Weg der kongolesischen Band Staff Benda Bilili – das Genre des Musikfilms hat dabei ganz klar globalen Charakter angenommen. Und es ist so reflexionswürdig geworden, dass ihm nun schon in einer eigenen, mehrtägigen Veranstaltung ein Forum geboten wird. Realisiert hat dies das Team der Website Norient, das sich selbst als "independent network for local and global soundscapes" begreift. In Freiburg kennt man die Norient-Macher vom Filmforum her, dort waren sie im Mai mit der multimedialen Performance "Sonic Traces" zu Gast.

Nun veranstalten sie zum dritten Mal das "Norient Musikfilm Festival" an ihrem Standort Bern. Das Team um den Musikethnologen und Journalisten Thomas Burkhalter hat hierfür neun Beiträge – ergänzt durch drei Konzerte und DJ Acts – kuratiert, die der cineastischen Aufbereitung von Musik mit dem etwas plakativen Untertitel "Parodie, Tanz und Sex" nachgehen. Im Fokus steht, wie sich globalisierte Musikszenen im digitalen Zeitalter – Burkhalter nennt sie die "Weltmusik 2.0" – zu neuen, teils unterhaltsamen, teils latenten Formen von Protest und Kommentar kristallisieren und der Stereotypisierung entziehen. Stellvertretend für die Umbrüche in der arabischen Welt stehen zwei Beiträge aus den geographischen Polen Nordafrikas. In "I Love HipHop in Marocco" begleitet Joshua Asen aus der Perspektive eines Beteiligten die Rapper des Landes auf ihrem gewundenen Weg zu einem eigenen Festival, zeigt, wie sie gegen religiöse und gesellschaftliche Tabus anrennen, sich Redefreiheit erkämpfen. Schon vor einigen Jahren gedreht, dokumentiert der Film zugleich auch die Genese der jugendlichen Auflehnung hin zu den Revolutionen von 2011.

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Um eine eher konservative Musikform geht es in "At night, they dance" von Isabelle Lavigne und Stéphane Thibault, doch gerade deswegen wirkt dieser Beitrag so schockierend. Am Beispiel einer Mutter und ihrer drei Töchter decken die Filmemacher auf, wie hinter dem Glamour der ägyptischen Bauchtanzdarbietungen eine knallharte Industrie steht. Armut, überkommene Geschlechterrollen und Geschäftsmechanismen, die der Prostitution ähneln, bestimmen das Leben der Tänzerinnen abseits der nächtlichen Bühnen. Einen weiteren Blick hinter die Kulissen offeriert "Hit me with music" von Miquel Galofré, der sich dem jamaikanischen Dancehall widmet, unbeirrt von der Reduzierung des Phänomens auf Sexismen und Gangsta-Gewalt. Und auch das Unter-die-Räder-Kommen von Traditionen durch Urbanisierung wird betrachtet: Im postsozialistischen Albanien, so führt uns der Film "Polyphonia" vor, ist kaum mehr Platz für die archaischen Gesänge, die bald nur noch im musealen Gefrierschrank des Unesco-Erbes existieren werden.

Der finale Höhepunkt des Musikfilm Festivals kommt aus Ghana: Die beiden Hiplife-Musiker Wanlov The Kubolor und M3nsa alias FOKN Bois stellen mit "Coz Ov Moni" das erste Pidgin-Musical der afrikanischen Filmgeschichte vor, eine Odyssee durch Accra voll gesellschaftskritischer als auch mythischer Anspielungen, vor allem aber lebenspraller Bilder, die mit westlichen Klischees offensiv aufräumen. Die beiden Ghanaer – sowie der südafrikanische Performancekünstler Gazelle – verlängern in Bern die Weltmusik 2.0 von der Leinwand auch auf die Konzertbühne.
– Bern, 3. Norient Musikfilm Festival, 12. bis 15. Januar, Kino der Reitschule, Turnhalle des PROGR und Club Bonsoir.

Weitere Infos unter      
http://www.norient.com

Autor: Stefan Franzen