Neuer Wenders-Film: "Die schönen Tage von Aranjuez"

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Fr, 27. Januar 2017 um 00:00 Uhr

Kino

"Die schönen Tage von Aranjuez" ist der neue Film von Wim Wenders. Dabei handelt es sich um die filmische Umsetzung eines dramatischen "Sommerdialogs" von seinem Langzeitfreund Peter Handke.

Während Lou Reed mit seiner unfassbar samtigen Stimme den perfekten Tag beschwört, fährt die Kamera durch menschenleere Straßen und an im frühmorgendlichen Sommerlicht wie hingetuscht wirkenden Häusern vorbei. Kaum zu glauben: Wir sind in Paris – und bald darauf endet die Fahrt auf dem anmutigen Platz vor einem alten französischen Landhaus am Rand der Stadt, umgeben von einem Park mit großen Bäumen. Ihr stolzes Rauschen im Sommerwind ist die akustische Kulisse von Wim Wenders’ Film "Die schönen Tage von Aranjuez", abgesehen von einigen ikonografischen Songs, die natürlich aus einer grün leuchtenden Wurlitzer-Jukebox kommen. Es handelt sich schließlich um die filmische Umsetzung eines dramatischen Dialogs von Wenders’ Langzeitfreund Peter Handke.

Der Sound des Films ist mindestens so prägend wie der Einsatz der von Wenders seit seinem Dokumentarfilm "Pina" so geschätzten 3D-Technik. Sie dient hier paradoxerweise dazu, ein extrem stationäres Geschehen einzufangen: Eine Frau (Sophie Semin, Handkes Ehefrau) und ein Mann (Reda Kateb), er bedeutend jünger als sie, sitzen an einem mit Karaffe, zwei Wassergläsern und rotem Apfel wie im Stillleben bestückten Tisch und sprechen. Man möchte nicht sagen: miteinander.

Denn die Rollen sind klar verteilt. Er stellt ihr Fragen, die bei ihr, einer luftigen, fragilen Erscheinung im roten Sommerkleid und einem hauchzarten gelben Schal, Erinnerungen auslösen wie bei Proust die Madeleine. Wie es war mit der Liebe. Wann sie sie zum ersten Mal verspürt habe und wie ihre "Fick- und Vögeljahre" gewesen seien. Der junge Mann mit dem aufreizenden Menjoubärtchen bleibt gerade in dieser vulgären Ausdrucksweise ein Fremder für sie. Obwohl sie ihm im Schutzraum einer poetischen Sprache alles von sich preisgibt. Dass sie beim Schaukeln damals, als sie zehn war, ein Blitz getroffen hat, der sie für immer von anderen Menschen entfernt hat. Dass sie bei ihrem ersten Liebesakt in einer Salzhütte auf getrockneten Exkrementen gelegen hat. Dass sie in jeder Vereinigung der Körper Rache an den Zumutungen der Welt genommen hat.

Die Kamera schaut der wunderbaren Sophie Semin dabei von allen Seiten ins Gesicht. So still das Paar, das keines ist, in der üppigen Schönheit der hochsommerlichen Gartenlandschaft sitzt, so ruhelos ist die Kamera. Sie umrundet die beiden in der Loggia unermüdlich, wechselt ständig den Beobachterposten – ganz so wie der Schriftsteller beim Schreiben. Wenders hat ihm abweichend von Handkes "Sommerdialog" eine Gestalt gegeben und macht damit deutlich, dass die beiden auf der Terrasse seine Geschöpfe sind. Jens Harzer ist dieses Alter Ego von Handke, seit seiner Verkörperung der Erzählerfigur in der Salzburger Uraufführung von "Immer noch Sturm" ist er so etwas wie sein natürlicher Wiedergänger.

Auch hier überzeugt der Schauspieler in einer stummen Rolle: Er sitzt an einer mechanischen Olympia-Reiseschreibmaschine – nichts weist in diesem Film auf die elektronische Technik hin – , tippt mit zwei Fingern hinein. Manchmal steht er auf, geht in seinem musealen Raum herum, einmal lacht er plötzlich drauflos, einmal seufzt er ganz allerliebst. Mit solchen kleinen Gesten unterspielt Harzer mühelos das Pathos, das den Autor Handke leicht umgeben kann. Auch Handke selbst trägt mit einem Cameoauftritt als Gärtner zur Lockerung des hohen Tons im poetischen Umkreisen der Liebe bei.

Und noch einer erscheint wie von Geisterhand im Haus des Dichters: Nick Cave fällt am Flügel leibhaftig ins Abspielen seines Songs "Into My Arms" ein. An solchen Stellen spürt man besonders, wie groß das Vergnügen des Regisseurs beim Drehen dieses Films gewesen sein muss: In nur zehn Tagen und in gelöster Stimmung sind "Die schönen Tage von Aranjuez" entstanden: Das ist wie Plein-Air-Malerei mit der Kamera.

Doch die verschwenderische Sommersinnlichkeit – mit roten Rosen, weißen Wicken, saftig grünem Rasen – hat nicht das letzte Wort. Am Ende bricht die Realität brutal in das hochgestimmte Märchen ein. Am Himmel über Paris ertönen völlig unerwartet ohrenbetäubende Flugmotoren- und Sirenengeräusche: Es klingt bedrohlich nach Apokalypse. Wie heißt es gleich noch bei Friedrich Schiller, bei dessen "Don Carlos" sich Handke bedient hat? "Die schönen Tage von Aranjuez sind nun zu Ende." Was bleibt, ist die betörende Stimme von Gus Black: "Hey hey hey there’s nothing left to say. The World ist on fire und I love you I love you". Anschauen!

"Die schönen Tage von Aranjuez"

(Regie Wim Wenders) läuft in Freiburg.