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02. März 2012 19:57 Uhr

Interview

"Radioactivists": Fukushima-Film läuft in Freiburger Kino

Kurz nach dem Atomunglück von Fukushima haben zwei deutsche Regisseurinnen eine Dokumentation über die japanische Protestbewegung gedreht, die jetzt in Freiburg läuft. Ein Blick zurück – im Interview.

  1. Die Regisseurinnen der Dokumentation "Radioactivists": Julia Leser (26) und Clarissa Seidel (29). Foto: privat

  2. Bei den Anti-Atomkraft-Protesten in Tokio waren nahezu so viele Polizisten wie Demonstranten. Foto: Privat

Als der erste Atomreaktor von Fukushima am 11. März 2011 explodierte, waren Julia Leser (24) und Clarissa Seidel (26) in Tokio. Wie viele andere reisten sie unter dem Eindruck der Katastrophe zurück nach Deutschland. Doch zu Hause beschlossen sie, zurückzufliegen und eine Dokumentation zu drehen – über die Protestbewegung nach dem Atomunfall. Heute sind die beiden in Freiburg, um "Radioactivists" im Kommunalen Kino vorzustellen. Mit den Regisseurinnen sprach Sina Gesell.

BZ: Frau Seidel, über Fukushima wurde viel berichtet. Was hat Sie dazu bewegt, dennoch einen Film zu machen?
Clarissa Seidel: Ein Motivationsgrund für uns war, dass die Proteste in der Berichterstattung außen vor gelassen wurden. Zur ersten Demonstration, die wir im Film zeigen, kamen 15 000 Leute, und in Japan wurde darüber nicht berichtet. Den deutschen Journalisten fehlte oft das Hintergrundwissen, um die Zahlen in Relation zu setzen.

BZ: Sie hingegen, Frau Leser, haben dieses Wissen, Sie studieren Japanologie. Inwiefern hat sich die japanische Protestkultur verändert?

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Julia Leser: In Japan gab es viele Demonstrationen in den sechziger und siebziger Jahren, seitdem kaum mehr. Dass es in diesem Ausmaß wieder Proteste gibt, ist eine große Veränderung für die japanische Gesellschaft. Auch die Demonstrationen selbst haben sich verändert, sind zu sogenannten "Sound-Demos" mit viel Musik und Live-Auftritten geworden.

BZ: In "Radioactivists" ist eine gewisse Festival-Stimmung spürbar.
Seidel: Die Atmosphäre war einfach toll und hat uns viel Energie für den Film gegeben. Viele Menschen waren froh, endlich ein Sprachrohr zu haben. Die Medien bezeichneten die Japaner immer als "stoisch", was einfach nicht stimmt. Trotz der Partystimmung darf man aber nicht vergessen, dass es um etwas Ernstes geht. Wir zeigen ja auch, wie die Polizei reagiert hat.

Leser: Nach unserem Empfinden war die Polizei überpräsent. Sie konnte willkürlich Leute festnehmen und bis zu 23 Tage festhalten. Das Risiko schreckt natürlich auch viele ab, an Demonstrationen teilzunehmen. Trotzdem waren alle, die wir angefragt hatten, bereit, uns ein Interview zu geben.

"Die Medien bezeichneten die Japaner immer als ’stoisch’, was einfach nicht stimmt." Clarissa Seidel
BZ: Hatten Sie selbst auch Schwierigkeiten beim Dreh?
Leser: Wir sind schon ab und zu mit der Polizei aneinandergeraten. Manchmal haben sie uns verboten, zu drehen. Aber wir hatten ja den Vorteil, offensichtlich nicht aus Japan zu sein. Dann haben wir einfach so getan, als würden wir nichts verstehen.
Seidel: Einmal wurden wir bei einem Interview aus einem Café geworfen, weil wir uns kritisch unterhalten haben. Das ist ja auch ein großes Thema unseres Films: Dass es schwierig ist, öffentlich eine kritische Diskussion zu führen.

BZ: Haben Sie auch positive Eindrücke gewinnen können?
Leser: Mich hat die Gruppe "Aufstand der Amateure" fasziniert, die bei unserem Film auch im Fokus steht. Dass sich in der japanischen Gesellschaft, in der es sehr viele Konventionen gibt, so ein Widerstand entwickeln kann, ist unglaublich. Die Proteste haben ein großes Potenzial und ich bin gespannt, wie sich das weiterentwickeln wird.

BZ: Werden Sie noch einmal nach Japan zurückfliegen?
Seidel: Das können wir uns auf jeden Fall vorstellen, vor allem, um einen zweiten Film zu machen. Das Thema steht noch nicht fest.

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  • Termine: "Radioactivists" läuft am 3. März um 19.30 Uhr, am 4. März um 17.30 Uhr und am 8. März um 21.30 Uhr im Kommunalen Kino Freiburg.

Autor: Sina Gesell