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20. November 2015 00:00 Uhr

Neu im Kino

Stark: Emmerichs Homo-Film "Stonewall"

Roland Emmerichs Independent-Film "Stonewall" erzählt von den Unruhen auf der New Yorker Christopher Street im Sommer 1969. Er verdient ein größeres Publikum.

  1. An der New Yorker Christopher Street trifft sich im Jahr 1969 die Schwulen- und Transvestiten-Szene. Foto: dpa

Seit Roland Emmerich vor mehr als zwanzig Jahren nach Hollywood gegangen ist, haben seine Filme weltweit fast 3,5 Milliarden Dollar eingespielt. Aber in den letzten Jahren treibt Emmerich neben den großen Studioproduktionen auch unabhängig finanzierte Herzensprojekte voran. Auf seinen Shakespeare-Film "Anonymus" folgt nun "Stonewall", der von den Unruhen auf der New Yorker Christopher Street im Sommer 1969 erzählt, die als historisches Gründungsereignis der schwul-lesbischen Bürgerrechtsbewegung gelten.

Emmerich, der sich vor einigen Jahren eher beiläufig als Schwuler geoutet hat, nähert sich dem emanzipatorischen Mythos aus der Erzählperspektive eines jungen Burschen, der aus dem spießigen Mittleren Westen im Greenwich Village der wilden sechziger Jahre landet. Danny (Jeremy Irvine) ist zu Hause rausgeflogen, nachdem er beim Sex mit dem Quarterback der Schulmannschaft erwischt wurde. Etwas eingeschüchtert steht er mit dem Koffer in der Hand auf der Christopher Street, wo sich die Schwulen- und Transvestiten-Szene trifft.

Viele davon sind obdachlos und arbeiten als Stricher, so wie der Puerto-Ricaner Ray (Jonny Beauchamp), der den hübschen Jungen aus der Provinz in die Szene einführt. Auch wenn hier keiner aus seiner sexuellen Orientierung einen Hehl macht, ist die Diskriminierung allgegenwärtig. Der Ausschank von Alkohol an Homosexuelle ist gesetzlich verboten, was der Polizei den Vorwand für Razzien in den einschlägigen Bars bietet. Als dies am 27.Juni im "Stonewall Inn" erneut passiert, lassen sich die Besucher der Bar die willkürliche Polizeigewalt nicht länger gefallen.

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Roland Emmerich musste für "Stonewall" in den USA herbe Kritik einstecken. Mit der fiktiven Figur des weißen Provinzbuben habe er die Ereignisse auf der Christopher Street, die vornehmlich von Latinas, Afroamerikanern und Transvestiten in Gang gesetzt worden seien, für ein Mainstream-Publikum "weißgewaschen". Diese Kampagne dürfte mitverantwortlich sein für das katastrophale US-Einspielergebnis von 187 674 Dollar.

Schaut man sich den Film unvoreingenommen an, muss man sich über die Härte der Kritik schon wundern. Natürlich wird dieser eher unbedarfte Danny als fiktive Identifikationsfigur für ein nicht ausschließlich homosexuelles Publikum ins Rennen geschickt. Aber mit diesem konventionellen Erzählkniff hört die Anbiederung dann auch schon auf. Vielmehr ist "Stonewall" sichtlich bemüht, ein durchaus vielschichtiges Bild des schwul-lesbischen Lebens im New York der späten 60er Jahre zu zeigen und nimmt dabei wenig Rücksichten auf potenzielle heterosexuelle Überempfindlichkeiten.

Jonny Beauchamp mausert sich als hinreißende Latino-Diva ohnehin zum emotionalen Epizentrum des Films. Die Stricher- und Transen-Szene wirkt vielleicht ein wenig studio-steif, aber gewiss nicht "weißgewaschen".

Der Film vermittelt einen klaren Eindruck davon, wie sich systematische Diskriminierung auch auf die soziale und ökonomische Situation der Betroffenen auswirkt. Sicherlich ist "Stonewall" kein großes Kino. Man sieht dem Film sein schmales Independent-Budget deutlich an – zudem war Emmerich nie ein Meister emotionaler Feinjustierungen. Aber sein Versuch, diesen zentralen Moment schwul-lesbischer Emanzipationsgeschichte ins Mainstream-Format zu bringen, hat ein breiteres Publikum verdient.

"Stonewall" von Roland Emmerich läuft in Freiburg. Ab 12.

Autor: Martin Schwickert