Tango macht glücklich

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Sa, 22. April 2017

Kino

Die Freiburger Filmemacherin Irene Schüller porträtiert fünf junge Tänzer und Tänzerinnen.

1000 Stunden, meint Christian, hat er während seines Aufenthalts in Südamerika mit dem Tangotanzen verbracht. Dieser Mann übertreibt nicht. Das passt nicht zu dem stets sorgfältig gekleideten und akkurat frisierten schlanken Mittdreißiger, der sich selbst als Rationalisten bezeichnet. Im Tango Argentino hat der in Freiburg lebende Ingenieur seine andere Seite entdeckt. Nirgendwo sonst, sagt er, fühlt er sich so lebendig. Irene Schüllers Kamera hört ihm sozusagen aufmerksam zu, sie schaut sich in aller Ruhe um in Christians Zimmer, begleitet ihn, wie er sich für das Tanzen zurechtmacht: eine letzte Rasur, damit die Partnerinnen es angenehm haben in seiner Halsbeuge, ein Schuss Parfum – dann kann es losgehen.

Fünf junge Tangotänzer und -tänzerinnen hat Schüller über einen längeren Zeitraum in ihrem privaten Umfeld über ihr Verhältnis zum Tango befragt: Und natürlich ist es so, dass deren Verbindungen zum Tanz der Sehnsucht und des Verlangens, der unablässigen Suche nach dem Glück jenes Augenblicks, wenn zwei Körper in der Musik zu einem einzigen verschmelzen, nicht unterschiedlicher sein könnten. Die Freiburger Filmemacherin, die selbst eine Zeit lang zur regen Tangoszene der Stadt gehörte, beschränkt sich ganz auf ihre Protagonisten. Diese allein kommen zu Wort, es fehlt jeder verknüpfende Kommentar. "Tango zu Besuch" lebt aus dem – durchaus poetisch aufgeladenen – Kontrast zwischen dem unspektakulären Alltag der fünf und den von der ziehenden, selig melancholischen Akkordeon-Musik begleiteten atmosphärischen Bildern der Tango-Events, bei denen die Besessenen zusammenkommen, um nach festen Regeln mit wechselnden Partnern/Partnerinnen zu tanzen.

Helena zum Beispiel. Man sieht der zarte blonden jungen Frau zu, wie sie ihre Tangoschuhe mit Goldfarbe einpinselt und – offenbar eine andere Leidenschaft von ihr – selbstgebackenen Kuchen aus dem Backofen holt. Helena sucht mehr im Tango als ein schönes Tanzerlebnis. Sie wird des ritualisierten Umgangs bei den Zusammenkünften im Lauf der gefilmten Zeit überdrüssig; man spürt, sie wird weiter auf die Suche gehen, sie wird den Tango ("ein sehr begrenztes System") verlassen. Bei einem gemeinsamen Essen des Quintetts liegt sie versonnen abwesend auf dem Sofa, während die anderen miteinander witzeln.

Vom Tango zum Bauchtanz

Man wundert sich dann aber doch: Am Ende des Films, der mit 52 Minuten zum Bedauern der Regisseurin das Kinoformat unterschreitet – das Geld hat trotz großzügiger Förderung durch die Stadt Freiburg nicht gereicht – , tritt eine junge Frau als Bauchtänzerin auf, in der man nach Sekunden erst die träumerische Helena erkennt. Auch die Schweizerin Susanna, die in Freiburg bei Bewegungs-art eine Ausbildung in modernem Tanz absolviert hat, hat Fragen an den Tango in seiner überlieferten Form: Warum muss sich die Frau führen lassen, warum kann man nicht auf Augenhöhe unterwegs sein? Ruben, der aussieht wie ein Bilderbuchlatino, findet die Rollenverteilung dagegen gut: Seine Partnerin, meint er, soll aussehen wie eine Prinzessin. Man sieht Ruben aber auch, wie er im Kunstraum Alexander Bürkle Tango zu zeitgenössischer Elektromusik tanzt. Wieder einen ganz anderen Zugang hat Joscha: Es ist die Traurigkeit des Tangos, die ihn fasziniert. Sie liege, sagt er, auch darin begründet, dass der Moment der Vereinigung vergeht: Je schöner er ist, desto größer der Entzug. Joscha sieht seine Bestimmung in einer Profikarriere. Er wird Freiburg verlassen und nach Wien gehen.

Und Christian, der zur Musik oft die Worte des Sängers mitsummt, der ganz im Tango aufzugehen scheint? Er meint, dass mit 45 spätestens Schluss sein sollte mit dem unsteten Tangoleben: Eine Frau, ein Kind, ein Haus sollen her. Kann sein, dass es klappt. Kann aber auch sein, dass die Besessenheit so schnell nicht aufhörten kann: "Tango macht glücklich. Man spürt die Einsamkeit nicht in dem Moment." Ein schöner, ein offener, ein vielstimmiger Film ist Irene Schüller da gelungen. Er passt zur Freiburger Tangoszene und zu Orten wie dem Mensabrunnen, den sie jetzt wohl doch behalten darf.

"Tango zu Besuch" wird am 27. April um 21 Uhr am Mensabrunnen gezeigt, bei schlechtem Wetter ersatzweise im Kammertheater des E-Werks. Die Filmemacherin ist anwesend. Danach wird natürlich getanzt.