Wer nimmt hier wen in die Mitte?

Gabriele Schoder

Von Gabriele Schoder

Di, 05. Mai 2009

Kino

Deutschlands dienstältestes Schwulenfilmfest: Vom 6. bis 13. Mai läuft im Kandelhof die 25. Schwule Filmwoche Freiburg.

Zeitreise. Freiburg in den Achtzigern, ein spontaner Besuch im Kreis von Freunden bei der Schwulen Filmwoche, die damals noch im Kommunalen Kino stattfand und als Geheimtipp gehandelt wurde. Schon beim Betreten des Saales – als einzige Frau weit und breit im Gedränge überwiegend ledergewandeter Jungs – hatte ich das Gefühl, komplett im falschen Film zu sein. Erst recht, als der so heftige wie trashige Vorfilm begann. Aber vielleicht war es ja einfach nur der falsche Abend. . .

Zeitsprung. Freiburg 2009, vor mir liegt das druckfrische Programmheft der 25. Schwulen Filmwoche, die vom 6. bis 13. Mai im Kandelhof läuft. Auf dem schmucken Deckblatt ist ein adrettes Herrenpärchen aus Plastik abgebildet, das mit Smoking und Fliege auf einem Stapel Filmrollen steht wie auf einer Hochzeitstorte. Wie bürgerlich, wie hübsch. Und drinnen im Heft verspricht die FDP (nicht die einzige Partei, die da eine Anzeige geschaltet hat): "Wir nehmen alle in die Mitte!" Ob die Lederkerls der frühen Jahre daran wohl Gefallen gefunden hätten?

Wohlfühlkomödien, Liebesfilme und politische Akzente

Mitte der achtziger Jahre wurde die Schwule Filmwoche Freiburg (SFF) unter dem Dach der Rosa Hilfe gegründet, eines der ersten Festivals seiner Art in ganz Europa. Seinerzeit trat man als "Exotenveranstaltung mit politischem Hintergrund" an, wie es Programmmacher Tilman Betz heute nennt. Das Filmfestival als Teil sexueller Emanzipationspolitik einer Randgruppe, nach außen ein selbstbewusstes Signal, nach innen identitätsstiftend. Ein Underground-Festival war die SFF freilich nie, dafür gibt es in Freiburg keine Szene. Und jener blutige kleine Hardcore-Film, der mich einst irritierte, war schon damals nicht repräsentativ, wie Festivalleiter Michael Isele zu bedenken gibt.

"Solche härteren Filme waren immer in der absoluten Minderzahl", erzählt Isele, ,,und wir haben auch dieses Mal einen im Programm, Tom DeSimones Arthaus-Porno ,The Idol’ von 1979. Aber was unser Stammpublikum liebt, sind nicht Sex-oder Hardcore-Filme, sondern: Kreisch-Komödien." Die übrigen Zuschauer sowieso. Die machen heute einen beträchtlichen Teil des Publikums aus: Etwa ein Drittel der Gäste bei der SFF ist weiblich und/oder heterosexuell. Und haben Schwule im Film längst nicht nur über das Fernsehen lieben gelernt, wo jede Daily Soap ihren Vorzeigeschwulen pflegt und sich das Klischee vom konsumfreudigen homosexuellen Yuppie als ideale Projektionsfläche für die Werbung bewährt hat.

Im gegenwärtigen Kino ist Homosexualität mehr denn je Thema, von der Beschreibung real existenter Diskriminierung bis zur Geschichte eines Coming out, die immer wieder neu erzählt wird. Denn hier kann, über die Darstellung von Homosexualität hinaus – und vielleicht sogar besser, weil unselbstverständlicher als in e iner heterosexuellen Beziehung –, der Ernstfall von Liebe gezeigt werden, der das Leben von Grund auf verändert.

Coming out ist denn auch ein zentrales Thema der 25. SFF mit ihren 18 Lang- und 16 Kurzfilmen. Etwa in preisgekrönten Romantikdramen wie dem französischen "Chanson der Liebe", dem norwegischen "Der Mann, der Yngve liebte" oder "Ander", einer Art "Brokeback Mountain" aus dem Baskenland. Am Eröffnungsabend läuft Spaniens Kinohit "Chef’s Special", eine spritzige urbane Wohlfühlkomödie, die mit Stars aus Almodóvar-Filmen vom Leben und Lieben eines Star-kochs in Madrid erzählt. Ebenfalls aus Spanien kommt die schwarze Komödie "Chuecatown", die mit ihren exzentrischen Charakteren und vibrierenden Farben an den (selbst schwulen) spanischen Meister erinnert: Pedro Almodóvar hat wie kein Zweiter das Spiel mit schillernden Geschlechterrollen im heutigen europäischen Kino populär gemacht.

Schwules Leben in seiner gesellschaftlichen Dimension reflektieren etwa eine Dokumentation über den südafrikanischen Aids-Aktivisten Pieter-Dirk Uys, der mexikanische Spielfilm "Burn the Bridges" oder das tschechische Drama "Der Dorflehrer". Filme, die politische Akzente im insgesamt gefühlvoll-beschwingten Jubiläumsprogramm setzen. Wobei das Feiern mit Filmen und Party ja alle Berechtigung hat: Die SFF, Deutschlands dienstältestes Schwulenfilmfest, ist mit 25 Jahren weder trauriges Überbleibsel aus den randgruppenbewegten Achtzigern noch im Mainstream aufgegangen. Im Gegenteil, sie steht mit neun Mitarbeitern und üppigem Programm gut da. Das Festival hat sich eben nicht überflüssig gemacht, sondern zeigt, dass das, was da alle sehen wollen, schwules Leben ist.

Zum Zehnjährigen fiel die Entscheidung für den größeren Kandelhof und fürs populärere Programm. Die Öffnung war richtig: Im Schnitt kommen heute immerhin um die 2000 Besucher im Jahr. Leute, denen ihr Festival kulturelle Heimat bedeutet. Und solche, die vor allem wegen der guten Filme da sind. Die schwulen Kinofans haben nichts dagegen, solange sie selbst noch einen Platz finden. Ist da doch die Öffentlichkeit, die Mann selbstbewusst begrüßen kann: "Wir nehmen alle in die Mitte!"

Festival vom 6. bis 13. Mai: http://www.schwule-filmwoche.de