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25. April 2012

"Eine Situation, in der man sehr alles intensiv erlebt"

BZ-INTERVIEW mit Claudia Spahn über ihr Buch "Lampenfieber".

  1. Auftritt vor dem Vorhang: Claudia Spahn Foto: Jan Deichner

Nicht nur Künstler erleben diese Situation: die Anspannung, Aufregung oder gar Angst vor dem öffentlichen Auftritt, allgemein bekannt unter dem Begriff "Lampenfieber". Die Leiterin des Freiburger Instituts für Musikermedizin hat über das Thema jetzt ein Buch geschrieben – mit Handreichungen und Übungen für die Betroffenen. Alexander Dick sprach mit ihr darüber.

BZ: Frau Spahn, Sie selbst haben ein künstlerisches und medizinisches Studium absolviert. Kennen Sie als Musikerin Lampenfieber? Wann wurden Sie zum ersten Mal mit der Thematik konfrontiert und wie sind Sie damit umgegangen?
Claudia Spahn: Natürlich kenne ich als Musikerin Lampenfieber. Ich bin der Ansicht, dass es grundsätzlich zu Auftrittssituationen dazugehört. Bewusst erinnern kann ich mich an Lampenfieber bei einem Vorspiel im Wettbewerb "Jugend musiziert" mit etwa dreizehn Jahren. Schon damals hatte ich Glück, dass ich es mehr als positives Kribbeln und freudige Aufregung erlebt habe. Bis heute mag ich mein Lampenfieber, denn ich empfinde es als Chance, wenn ich auf der Bühne stehe und anderen Menschen etwas mitteilen darf. Es ist eine Situation, in der man alles sehr intensiv erlebt.

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BZ: Der Untertitel Ihres Buches spielt auf den Nutzwert an: "Handbuch für den erfolgreichen Auftritt": Kann jeder seines Lampenfiebers Herr werden?
Spahn: Ich würde mich sehr freuen, wenn mein Buch möglichst vielen Menschen Anregungen gäbe, wie sie mit ihrem Lampenfieber umgehen können. Sein Lampenfieber beherrschen zu wollen muss vielleicht gar nicht das Ziel sein, ich halte es für realistischer, wenn wir versuchen, unser Lampenfieber im Sinne unserer Performance zu optimieren. Das kann aus meiner Sicht eigentlich jeder.
BZ: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass man nicht gegen sein Lampenfieber vorgehen, sondern es für sich arbeiten lassen solle. Lässt sich das ohne Anleitung und professionelle Hilfe vor Ort realisieren?
Spahn: Die bloße Empfehlung an eine Person, die unter ihrem Lampenfieber leidet, sie solle das Lampenfieber doch mal für sich arbeiten lassen, klingt fast zynisch. So ist es aber nicht gemeint. Diese Formulierung enthält die innere Einstellung, dass Lampenfieber zu uns Menschen dazugehört. Wir sollten diese Tatsache akzeptieren – dann sind wir in der Lage, die unterschiedlichen Ausprägungen des Lampenfiebers zu verstehen und auszuprobieren, was uns gut tut. Hieraus eröffnet sich ein breites Repertoire an Maßnahmen, von körperorientierten bis zu mentalen Übungen und Techniken. Diese lassen sich in Eigenverantwortung anwenden. Gerade in Auftrittssituationen sind wir immer wieder neu gefordert. Diese Aufgabe wird uns auch durch professionelle Hilfe nicht erspart. Aber es gibt starke Ausprägungen des Lampenfiebers, die wir mit der Diagnose Auftrittsangst bezeichnen, bei denen professionelle therapeutische Hilfe notwendig ist.
BZ: Manche Künstler bekämpfen ihr Lampenfieber "medikamentös" – vom Alkohol bis zum Betablocker vor dem Auftritt. Wie schätzen Sie das ein?
Spahn: Diese Strategien sind gesundheitsgefährdend. Sie zeigen die Hilflosigkeit, mit der Auftrittssituation aus eigener Kraft zurechtzukommen. Hier ist eine spezifische Behandlung nötig, welche dieses Problem in der Regel lösen kann.
BZ: Jeder von uns kommt in Situationen, in denen er sich vor einer Öffentlichkeit exponieren muss. Wendet sich Ihr Buch auch an Laien?
Spahn: Ja, ich möchte mit meinem Buch jeden ansprechen. Deshalb habe ich auch Beispiele für Lampenfieber in unterschiedlichen Situationen ausgewählt. Lampenfieber tritt auch bei einer Ansprache im Familienkreis auf. Natürlich sind diejenigen, die beruflich sehr häufig Auftrittssituationen erleben, im Umgang mit Lampenfieber besonders erfahren. An ihrem Beispiel können andere viel lernen.

– Claudia Spahn: Lampenfieber. Handbuch für den erfolgreichen Auftritt. Henschel Verlag, Leipzig 2012. 155 Seiten, 16,90 Euro. Buchpräsentation mit Diskussion: 3. Mai, 18 Uhr, Kammermusiksaal, Musikhochschule Freiburg.

Autor: adi