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30. Januar 2012

Juwel im Portfolio

Der Dokumentarfilm "Bottled Life" beleuchtet die globalen Wassergeschäfte des Nestlé-Konzerns.

  1. Kostbares Gut: Wasserverkäufer im Nigeria Foto: doclab

Im Märchen spinnt die Müllerstochter aus Stroh Gold. Eine moderne Version dieser Fantasie setzt Nestlé in die Tat um. Der Schweizer Nahrungsmittelkonzern destilliert aus Grundwasser satte Gewinne und hat sein Wasser auf dem Weltmarkt für Flaschenwasser in die Poleposition gebracht – mit Zynismus, Anwälten und Lobbyisten auf Kosten von Umwelt und Bevölkerung in den Schwellen- und Entwicklungsländern: Diese These vertreten Urs Schnell und Res Gehriger in "Bottled Life". Ihr Dokumentarfilm sorgt seit der Uraufführung bei den Filmtagen Solothurn in der Schweiz für Diskussion.

Der Zugriff auf sauberes Wasser gilt als strategischer Schlüssel der Zukunft. Experten sehen darin einen Grund künftiger Kriege. Auch Nestlé und sein Chefstratege Peter Brabeck haben den Wert des Wassers erkannt, der dem Konzern eine Perspektive für die "nächsten 140 Jahre" erschließe, wie Brabeck zitiert wird. Nestlé baut das Geschäft systematisch aus. In Europa und den USA, wo eine funktionierende öffentliche Wasserversorgung existiert, nutzen die Verbraucher das Flaschenwasser ergänzend; in Entwicklungs- und Schwellenländern, die keine öffentliche Wasserversorgung kennen, ist abgefülltes Wasser oft die einzige Möglichkeit, an sauberes Wasser zu kommen. Das nutzt Nestlé aus Sicht der Filmemacher skrupellos aus.

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"Pure Life" nennt sich dieses in Gold verwandelte Stroh, ein 1998 von Nestlé erstmals in Pakistan lanciertes Flaschenwasser, das nichts anderes ist als gereinigtes, mit Mineralien angereichertes Grundwasser. Inzwischen wird es auf fünf Kontinenten vertrieben und ist ein "Juwel in unserem Portfolio", sagt der Chef der Nestlé-Wassersparte John Harris. "Bottled Life" hat Gesprächspartner in Pakistan, Nigeria, den USA, in UN-Kreisen gefunden. Einzig Nestlé verweigert jede Auskunft und den Zutritt zu seinen Wasserfabriken. Das sei der "falsche Film zur falschen Zeit", zitiert der Film den Kommunikationschef.

Damit kann "Bottled Water" die Grundregel des seriösen Journalismus, alle Seiten zu Wort kommen zu lassen, nur auf Umwegen einlösen. Die Tatsachen sprechen für sich: " Nestlé installierte einen eigenen Tiefbrunnen. Jetzt ist unser Wasser sehr dreckig", schildert ein früherer Gemeinderat aus Bahti Dilwan/Sheikupura in Pakistan. In der nigerianischen Metropole Lagos kostet ein Liter "Pure Life" mehr als ein Liter Benzin. Slumbewohner brauchen die Hälfte ihres Einkommens, um sauberes Wasser zu kaufen. "Nestlé ist ein Raubtier auf der Suche nach dem letzten sauberen Wasser dieser Erde", stellt Maude Barlow, 2008/09 Chefberaterin der UN für Wasserfragen, fest. Angesichts der Tatsache, dass mehr Kinder an verschmutztem Wasser sterben als an Aids, Malaria, Unfällen und Kriegen zusammen, gleiche das Vorgehen des Konzerns einem "kriminellen Akt".

Auch jenseits solcher Urteile zeichnet "Bottled Life" ein aufrüttelndes Bild der Methoden im globalisierten Kapitalismus – zumal Nestlé in Mitteleuropa höchsten Wert legt auf das Image als sozial verantwortlich handelndes Unternehmen. Noch ist "Bottled Life" nur in Schweizer Kinos zu sehen, den Vertrieb in Deutschland hat die Produktionsfirma im Auge. Da Arte und der WDR Koproduzenten sind, wird der Film zudem irgendwann im deutschen TV gesendet.
– "Bottled Life" läuft in Basel im Kult.Kino Atelier und im Sissach Palace.

Autor: Michael Baas