"Die Arbeit hat mich abgehärtet"

Irene Bär

Von Irene Bär

Mi, 15. August 2018

Kippenheim

IM PORTRÄT: Margarete Wagner hat ihr junges Leben in Sibirien und in der Arbeitsarmee hinter sich gebracht, heute ist sie 95.

KIPPENHEIM (ib). Jeder Morgen beginnt für sie mit einem Gebet. "Um halb neun wird der Rosenkranz gebetet", sagt Margareta Wagner. Auch wenn die gläubige Christin heute, Mittwoch, 95 Jahre alt wird, ist sie geistig sehr rege und mit ihrer Gesundheit zufrieden.

Margareta Wagner ist geborene Bolich, aufgewachsen ist sie in Graf/Mariental. Ihre Eltern hatten eine Landwirtschaft, im Haus waren zehn Kinder. Dort in der Wolgarepublik waren Deutsche seit mehr als 250 Jahren ansässig. Zunächst wurde der Hof 1930 der Kolchose angegliedert, 1941 folgte die Zwangsumsiedlung nach Sibirien. Als der Krieg angefangen hatte "war meine Jugend weg", sagt Margareta Wagner. Die Familie wurde auseinandergerissen, ein Wiedersehen mit dem ältesten Bruder gab es erst 15 Jahre später. Sie selbst wurde im Alter von 19 Jahren in die Arbeitsarmee eingezogen und musste unter schwersten Bedingungen harte Arbeit verrichten. Erst im Herbst 1948 konnte sie zu ihrer Familie zurückkehren. Danach arbeitete sie als Köchin und in einer Strickerei. Ihren Mann Gottfried kannte sie aus dem Dorf, sie heirateten 1948.

Deutsch zu sprechen war verboten, als Deutschstämmiger war es schwer, Arbeit zu finden. Trotzdem haben es die zwei zu einem eigenen Haus mit Garten geschafft, in dem sie ihre drei Kinder großziehen konnten. Wirtschaftlich sei es ihnen eigentlich gutgegangen. Das sei auch nicht der Grund gewesen, warum die Familie Anfang der 1990er-Jahre nach Deutschland umsiedelte. Allgemein sei die Feindseligkeit gegenüber Deutschen groß gewesen, sagt Margareta Wagner. Sie fühlten sich nicht mehr sicher. Im Februar 1992 kamen sie nach Deutschland, am 14. März nach Kippenheim.

Dort engagierte sie sich gleich im Altenwerk, ihr Ehemann sang anfangs noch im Kirchenchor. Er erlitt 1996 einen Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr richtig erholte. Neun Jahre lang pflegte ihn seine Frau, 2006 starb ihr Ehemann. Das, was sie in früher Jugend und später durchgemacht hat, hat sie geprägt. Es seien viele Erlebnisse gewesen, darunter auch manche, wegen denen sie nachts nicht schlafen könne. Mehr will die Seniorin nicht dazu sagen. Was ihr in all den schweren Zeiten Kraft gab? Sie sei körperlich stark und robust gewesen; "die Arbeit hat mich abgehärtet". Außerdem half ihr der tiefe Glaube an Gott. "Sie betet für uns alle", sagt die Tochter Elvira, die jeden Tag die Mutter in der Seniorenwohnanlage besucht, wo sie seit einigen Jahren lebt. Als Rezept für ein langes Leben nennt sie "immer viel arbeiten". Früher hat Margareta Wagner viel gelesen, sie hatte viele Bücher. Das ist wegen nachlassender Sehkraft nur noch sehr eingeschränkt möglich. Auch ein Hörgerät trägt sie. Viel Freude hat die Jubilarin mit ihren fünf Enkeln und elf Urenkeln, stolz ist sie auch darauf, dass sie schon zweifache Ururoma ist.

Margarete Wagner wurde am 15. August 1923 in der Wolgarepublik geboren. 1941 wurde die Familie nach Sibirien zwangsumgesiedelt. Später arbeitete sie als Köchin und in einer Strickerei. Heirat mit ihrem Ehemann Gottfried war 1948, 1992 siedelte die Familie nach Deutschland.