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06. September 2011
Film-Doku: Kippenheim, du Paradies...
Ein Film dokumentiert das Wiedersehen ehemaliger Kippenheimer mit ihrer verlorenen Heimat.
ETTENHEIM-ALTDORF. Vor acht Jahren haben einstige jüdische Mitbürger Kippenheim, ihre alte Heimat, wieder besucht. Fast alle waren noch Kinder oder Jugendliche im September 1940, als die badischen Juden unter entwürdigenden Umständen deportiert wurden – für die meisten eine Fahrt in den Tod. Mehr als 60 Jahre danach, sprach die Gemeinde eine Einladung an die Überlebenden aus. Ein Dokumentarfilm hat das Wiedersehen festgehalten.
Die Begegnung dieser Menschen mit ihrer früheren Heimat hielt die in Paris lebende Journalistin Evelyne Dreyfus in einer Filmdokumentation fest mit dem Titel "Les fantomes de Kippenheim" Am vergangenen Sonntag, dem europäischen Tag der jüdischen Kultur, wurde der rund 50-minütige Film in der Kunsthalle Ettenheim-Altdorf – der ehemaligen Synagoge des Orts – gezeigt, eingerahmt von einer Lesung und einem Konzert.Eveline Dreyfus blendet zunächst Bilder übereinander: Überlebende jüdische Einwohner von Kippenheim heute und alte Fotografien des jüdischen Lebens damals in Kippenheim. Dann kommt der erste Besucher ins Bild: Günter Karger, der mittlerweile amerikanischer Staatsbürger geworden war, geht mit Pfarrer Matthias Kreplin durch den Ort. Bewegend ist der Besuch im Großelternhaus, der Erinnerung aufstört, ebenso wie das Treffen mit einer früheren Klassenkameradin zwischen Verlegenheit und Wiedersehensfreude. Dann sehen wir Leopold "Poldi" Auerbacher auf dem jüdischen Friedhof Schmieheim vor den Gräbern seiner Ahnen. "Ich finde keine Worte", sagt der sonst wortgewandte Mann schwer. Inge Auerbacher tritt ins Bild: "Ich versuche sehr, das aus dem Kopf zu kriegen. Aber die Erinnerung geht nicht weg. Sie geht nicht weg." Sie sagt das ohne Bitterkeit. Zugleich spürt man, wie Erinnerungen quälen, zerstören können.
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Etwas später sieht man Inge Auerbacher, wie sie mit früheren Freundinnen zusammen das "Kippenheim-Lied" singt: "Kippenheim, du Paradies, wer dich kennt, vergisst dich nie …" Für einen Moment sind sie unbeschwerte, hoffnungsvolle Mädchen, als wären die Schrecknisse noch nicht geschehen.
Bewegend sind die Szenen in der ehemaligen Kippenheimer Synagoge, wo die Besucher ein Kaddisch sprechen, einen Klagegesang. Und jenes Gespräch, in der eine Kippenheimerin erzählt, wie sie im September 1940 den Abtransport der hochschwangeren Liselotte Greilsheimer erlebte. "Haben Sie versucht zu helfen?" fragt jemand aus den Reihen der jüdischen Besucher. Die Frau schüttelt den Kopf.: "Do war nix drin!" Ganz am Schluss spricht Hedy Wachenheimer-Epstein. Von ihrem Hass, der so groß war, dass er sogar kleine Kinder in Deutschland traf. "Ich musste mich selbst zur Ordnung rufen, mir sagen: Das sind Fünfjährige, das sind keine Nazis!" Dieser Hass auf die Täter wie auf jene, die zusahen, sei lange Zeit ein Teil von ihr gewesen. "Doch kann ich Menschen verurteilen, weil sie keine Helden waren?" fragt sie.
Ein Überraschung war die Anwesenheit der Filmemacherin. Die Großeltern von Evelyne Dreyfus, Fritz und Leonie Dreyfus, hatten in Altdorf gelebt, ebenso ihr Vater Leopold und ihre Tante Alice. Ihre Tante war Zwangsarbeiterin bei Siemens und wurde in Auschwitz ermordet, ihr Vater starb in Theresienstadt. In Ettenheim erlebte sie Begegnungen ehemaliger jüdischer Bürger mit ihren einstigen Nachbarn. "Was erzählen sie? Was schweigen sie? – Das hätte ich gerne festgehalten." Deshalb habe sie im September 2003 diese Dokumentation erstellt, die nun zum ersten Mal in Deutschland öffentlich zu sehen war.
Autor: Robert Ullmann
