1250 Jahre Geschichte an einem Abend

Erich Krieger

Von Erich Krieger

Di, 23. Juni 2015

Kirchzarten

Der St. Märgener Christian Gernot Nagel hat ein Oratorium eigens für das Jubiläumsfest komponiert / Das Publikum dankte begeistert mit viel Applaus.

KIRCHZARTEN. Es ist einer der Höhepunkte der Feiern 1250 Jahre Zarduna in Kirchzarten: Eigens für das Fest komponierte der St. Märgener Komponist Christian Nagel ein Oratorium, das sich mit der wechselvollen Geschichte der Gemeinde auseinandersetzt. 1250 Jahre auf einen Abend zu verkürzen – ein gewagtes Unternehmen. Dass es geglückt ist, lag auch an den mitreißenden Leistungen der beteiligten Musiker.

Das Publikum strömt reichlich in den Innenhof der Talvogtei, wo die Uraufführung des Carmina Zardunae genannten Oratoriums beginnen soll. Verhaltene Spannung in Erwartung des von Christian Gernot Nagel komponierten Großprojekts liegt noch in der Luft. Dies beginnt gleich furios mit dem Jugendorchester der Musikschule Dreisamtal, verstärkt durch Instrumentalisten aus der Region. Schon die Ouvertüre zeigt: Hier ist Besonderes zu erwarten. Dann strömen sie aus allen Ecken zur Bühne. Kelten, Römer, Alemannen und Franken, verkörpert durch die Männerchöre und einige Bläser, übertönen sich gegenseitig und stellen so musikalisch dar, wie die einzelnen Volksgruppen einst Tarodunum nacheinander erobert und besiedelt haben. Dazwischen räsoniert Olaf Creutzburg in seiner Rolle als Sprecher und Chronist: "Und wie die Ameisen kamen und gingen, so kamen und gingen auch die Menschen".

Vergänglichkeit ist auch das Thema des nächsten Stückes "Omnis mundi creatura", vorgetragen vom gemischten Gesamtchor. Dieser ursprünglich lateinisch verfasste Kirchzartener Hausspruch gibt zu bedenken: "Unter dies Gesetz gezwungen / Mensch erkenne deine Lage / und bedenke, was du bist. / Was du warst, als du entstandest, / was du bist und was du sein wirst, / das betrachte sorgfältig."

Die Intonation des Hausspruchs steht als Motto über der gesamten Aufführung und kehrt als Klammer am Ende der Aufführung wieder. So eingeleitet beginnt nun nach einer Bläserfanfare die eigentliche Chronik mit dem originalen St. Gallus-Hymnus des Abtes Notker Balbulus, der die Schenkung Zardunas durch den Adligen Drudpert an das Kloster St. Gallen aus dem Jahr 765 n. Chr. besingt.

Im Jahr 816 n. Chr. gab es eine zweite Schenkung an das Kloster. Cozpert, ebenfalls ein hoher Adelsmann, vermachte den Äbten seinen Anteil an der Zartener Kirche, nicht ohne sich seinen Lebensabend opulent abzusichern. Launig zitiert Olaf Creutzburg in der Figur Cozperts aus der Schenkungsurkunde. Dort ist etwa von einer Jahreszahlung in Silber oder Vieh, Bedienung durch einen Burschen und ein Mädchen die Rede. Nächste Station ist das hohe Mittelalter.

Im Dreisamtal stehen sich die Rittergeschlechter der Zähringer und der Staufer gegenüber, erstere mit dem Kloster St. Peter als Stammsitz. Die Zartener halten zu den Staufern und ihrem Kloster St. Märgen. Im Oratorium wird diese Konkurrenz mit einem Sängerwettstreit ausgetragen. Es ist die Stunde der Solisten – untermalt vom Chor. Christian Wunsch (Tenor) und Rainer Pachner (Bariton) verkörpern zwei extrem unterschiedliche Ritter-Typen. Der edle preist die hohe Minne als Ideal, der andere lässt keinen Zweifel an seiner Liederlichkeit und seinem Hang zu irdischen Vergnügungen.

Nun aber wird es ernst: Wir schreiben 1525. Der Talvogt zieht ein. In dieser Rolle verliest Olaf Creutzburg donnernd seine Kompetenzen: Brückenzoll kassieren, Oberaufsicht im Wald, Überwachung des Kirchenvermögens und der "Disciplin, absonderlich beym jungen Volckh". Die Bauern kontern in einem machtvollen Protestlied mit ihren Forderungen in Anlehnung an die historischen 12 Artikel der aufständischen Bauern im Bauernkrieg. Inzwischen hat der Talvogt sein Kostüm gewechselt und verkörpert die Rolle von Hans Müller, der als "oberster Hoptmann" der Bauern am 8. Mai in Kirchzarten verkündet: "Folgt uns, denn wir erstreiten ein christlich Leben hier im Tal. Gegen der Fürsten Gewalt. Für die christliche Lieb."

Im Anschluss leitet der gemischte Chor mit Martin Luthers Antiphon "Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen" zu einem der dunkelsten Kapitel jener Zeit über. Die der Hexerei bezichtigte Apollonia Freyin aus Himmelreich erscheint auf dem seitlich der Bühne aufgestellten Schandkarren. In einem Wechsel- und Zusammenspiel zwischen Baritonsolist, der die Urteilsschrift verkündet, dem zustimmenden Männerchor und dem um göttliche Gnade bittenden Antiphon wird exemplarisch ein Hexenprozess dargestellt.
Aus diesem Tief erlöst die Revolutionsfanfare, denn nun sind wir in der Badischen Revolution von 1848 angekommen. Der Geometer Wilhelm Reber aus Kirchzarten wurde damals als Delegierter in die Offenburger Volksversammlung entsandt. In seiner Rolle verliest Olaf Creutzburg die Einleitung des Kommuniqués der dort Versammelten und Gesangs- und Sprechchöre erheben die in Offenburg verabschiedeten Forderungen (Presse- und Versammlungsfreiheit). Die Widerstandseuphorie währt allerdings nur kurz, denn die Niederschlagung der Revolution wird mit Zitaten aus den Abschiedsbriefen zum Tode verurteilter Freiheitskämpfer versinnbildlicht. Darüber schwebt melancholisch das historische "Badische Wiegenlied".

"Ich duld es nit, ich dulds eifach nit!"

Wie zum Trost beschreiben nun die Männerchöre die Schönheit des Dreisamtales mit dem romantischen Lied "Der Schwarzwald" von Max von Schenkendorf. Doch jäh zerstört das Orchester das Idyll: Das Inferno des Weltkriegs drängt sich mit allem, was die Instrumente hergeben und an Sirenen, Schüsse und Bomben erinnert, in die Wahrnehmung des Publikums. Am Schluss läuten die Totenglocken. Lichtblick: Olaf Creutzburg lässt den Geistlichen Rat Jakob Saur, von 1934 bis 1950 Pfarrer in Kirchzarten, wütend sagen: "Ich duld es nit, ich dulds eifach nit!" Gemeint war die Forderung der Nazis, den Prunk des Fronleichnamszugs zugunsten der Pflege des angeblich im Brauchtum verankerten Fastnachtsumzugs zu reduzieren. Saurs Antwort: eine besonders prächtige Ausgestaltung der Prozession. Das Orchester besorgt nun die Vermittlung der Aufbruchstimmung in der Nachkriegszeit. Motive aus den bisherigen Teilen werden neu zusammengefügt und weisen durch moderne Instrumentierung und Arrangements auf die Jetztzeit hin. Sie münden in die finale Wiederholung des Kirchzartener Hausspruchs.

Eine großartige Gemeinschaftsleistung aller Beteiligten. Chöre, Musiker, Solisten, Schauspieler. Für all das zeichnet in erster Linie der Maestro Christian Gernot Nagel verantwortlich. Dieses (sein) Werk ist sicher das Highlight der Feiern des 1250-jährigen Jubiläums von Zarduna. Eigentlich schade, dass für das Werk nur zwei Präsentationen vorgesehen waren.