Aus der Bahn geworfen

Erich Krieger

Von Erich Krieger

Do, 26. April 2018

Kirchzarten

Bürgerstiftung zeigt in Kirchzarten gedrehten Spielfilm "Am Tag die Sterne" / Nachwuchsfilmpreis für Regisseur .

KIRCHZARTEN. In den vollbesetzten Stuhlreihen im Bürgersaal der Verwaltungsscheune in Kirchzarten sind die Gesichter von gespannter Erwartung geprägt. Viele von ihnen sind Angehörige oder Bekannte des Nachwuchsregisseurs Simon Schneckenburger, der in Kirchzarten aufgewachsen ist. Sein 45-minütiger Spielfilm mit dem Titel "Am Tag die Sterne" ist seine Abschlussarbeit im Studiengang Medien, Gestaltung und Produktion an der Hochschule Offenburg. Der Film wurde in den vergangenen zwei Jahren vorbereitet und in Kirchzarten und Umgebung gedreht.

Die Bürgerstiftung hat die Premiere am Drehort organisiert, der "Kirchzartener Junge" ist selbst anwesend und hat einen Teil seiner Film-Crew mitgebracht. Zum Reden ist aber später Zeit, erst kommt der Film. Zum Inhalt: Der Protagonist David kommt nach einigen Jahren das erste Mal wieder in seine Heimatstadt zurück. Aufgrund einer schrecklichen Tat seines Bruders (ein Amoklauf mit Toten in der Schule, der im Film nicht gezeigt wird und nur als Schatten über allem schwebt) mussten David und seine Familie als Ausgestoßene einst die Kleinstadt verlassen und in neuer Identität eine Existenz aufbauen.

Orte der Kindheit – in Film und Realität

David trifft auf die Orte seiner Kindheit, überall holen ihn Erinnerungen ein, und er steht vor dem mittlerweile verwahrlosten elterlichen Hof. Er wohnt unerkannt der Beerdigung seines früheren besten Freundes bei. Entscheidend aber ist das Wiedersehen mit seiner Jugendliebe Mira. Das verläuft konfliktreich, denn auch Mira ist nach wie vor von der vorangegangenen Katastrophe traumatisiert und zweifelt, ob David nicht doch vom Vorhaben seines Bruders Kenntnis hatte.

Ein Besuch Davids in der örtlichen Disco, mit dem er sich der Vergangenheit stellen will, führt zu einer Extremsituation für alle Beteiligten, und er wird von seinen teilweise alkoholisierten früheren Freunden brutal verprügelt. Eine zwischenzeitliche Annäherung an Mira scheitert letztlich, weil beide damit überfordert sind, denn nichts kann ungeschehen gemacht werden. David reist ab und klebt in der Schlussszene die aus seinem Kinderzimmer mitgenommenen Leuchtsterne an die Scheiben seines Zugabteils.

Der Film zeigt mit psychologischem Tiefgang den verzweifelten Versuch eines auf unverschuldet tragische Weise aus der Bahn geworfenen jungen Menschen, der auf der Suche nach seinem Platz in der Gesellschaft seine innere Leere aufgrund einer geraubten Jugend zu überwinden sucht.

Die Kameraführung verdichtet die Tragik der Story zusätzlich mit den dominant gewählten Nah- und Großeinstellungen, Totalen kommen selten vor. Der Hintergrund bleibt meist unscharf, die Kamera zeigt nur das Wesentliche deutlich, und während einer Sequenz ohne Schnitt wird mit Schärfenverlagerungen gearbeitet. Mit Ausnahme der Actionszene in der Disco (gedreht im Autonomen Jugendzentrum) mit ihrem entsprechenden Schnitttempo wird den Bildern Zeit gelassen, und ungewohnt lange Dialogpausen erzwingen förmlich das tiefe Eintauchen des Zuschauenden in die Story.

Damit die dichte Atmosphäre überhaupt ertragbar ist, wurden in der Postproduktion hohe Farbsättigungen eingesetzt, die dem Film trotz aller Dramatik eine warme Ausstrahlung verleihen. Ein in allen Bereichen wohlgelungener Film, durchaus gegen den aktuellen Mainstream schwimmend, der nicht zu Unrecht in Hannover den Deutschen Nachwuchsfilmpreis erhalten hat.

Die Zuschauer zeigten sich tief beeindruckt und stellten viele Fragen. Von Simon Schneckenburger, Fabian Linder (Produzent), Marcus Hafner (Kamera), Ruth Breuer (Szenenbild) und Christin-Marlen Freyler (Kostüme) erfuhren die Anwesenden, dass der Film auf Festivals auch international großen Anklang fand, er aber wegen seines Formats von 45 Minuten Länge nur schwer zu vermarkten sei. Sendezeiten im Fernsehen richteten sich nach Kurzfilmlänge unter 30 Minuten und Spielfilmlänge von 90 Minuten.

Außer eines minimalen Beitrags von 2000 Euro seitens der Hochschule sei er nur durch privates Sponsoring und die breite Unterstützung der Gemeinde und vieler Einrichtungen, Läden und Menschen aus Kirchzarten möglich geworden, wofür sich Schneckenburger herzlich bedankte. Für ihn seien die Dreharbeiten in seiner Heimatstadt ein besonderes Erlebnis gewesen und auch die Aufführung im Bürgersaal, von dessen Austritt ins Freie er auf seinen ehemaligen Kindergarten blicken konnte.

Der Film wird in Kürze auch im Internet zu sehen sein.