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13. November 2010

Ein kleines Köfferchen und alte Schlager

In der ausgebauten Scheune "Birkenhof" in Kirchzarten-Burg leben acht an Demenz erkrankte Menschen in einer Wohngemeinschaft des Vereins "Labyrinth".

  1. Agnes Holzer (90) mit ihrer Tochter Elisabeth (50) am Esstisch der Wohngemeinschaft. Links: das Köfferchen, an dem so viele Erinnerungen hängen. Foto: Lukas Wiesenhütter

  2. Unten spielen Kinder, oben leben die dementen Menschen. Foto: Lukas Wiesenhütter

  3. Solche Gegenstände schlagen Brücken in die Vergangenheit: Agnes Holzers Köfferchen Foto: Lukas Wiesenhütter

KIRCHZARTEN. In der Gemeinde Kirchzarten wohnen acht Menschen mit Demenz in einer Wohngemeinschaft zusammen. Im Verein "Labyrinth" engagieren sich die Angehörigen. Elisabeth Holzer ist eine von ihnen. Ihre Mutter lebt seit Jahren mit der Krankheit.

Die Erinnerung ist ein dunkelbraunes Köfferchen. Früher bewahrte Agnes Holzer darin ihre Liebesbriefe auf, heute steht es auf einer Kommode ihres Zimmers in der Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz. Klein und aus Leder, so, wie sie es als Kind in der Nähschule bekommen hat. Ein Köfferchen für Reisen in eine vergangene Zeit.

Der Ort, an dem derartige Erinnerungen gesammelt werden, ist eine ehemalige Scheune in Kirchzarten. Saniert und behindertengerecht ausgebaut, ein historisches Gebäude mit Holzbalken und Blick auf den Schwarzwald. Hier haben mehrere Familien und eine Kindergruppe Platz gefunden, im Obergeschoss leben acht an Demenz erkrankte Menschen: sechs Frauen und zwei Männer zwischen 70 und 93.

"Schnell-schnell geht gar nicht. Man muss hier lernen

zu entschleunigen."

Marianne Saier, Krankenschwester

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Agnes Holzer ist 90 Jahre alt. Den Kopf beugt sie leicht nach vorne, manchmal sinkt er auf die Brust und sie nickt ein. Die alte Dame sieht aus wie eine Frau, die viel gesehen hat in ihrem Leben: weißgraue Haare, die Brille tief auf der Nase. Ihre Demenz ist fortgeschritten, die Sprache verliert sie zunehmend.

"Wenn sie das Köfferchen sieht", sagt ihre Tochter Elisabeth, "dann freut sie sich." Solche Gegenstände können Brücken schlagen in die Lebensgeschichten der Bewohner.

Die Erinnerung, das sind Bilder aus dem Deutschland der 50er Jahre. Ein Kalender im Wohnzimmer zeigt Aufnahmen aus dieser Zeit, alte Schlager laufen: Angehörige und Pflegekräfte bemühen sich um das Brückenschlagen.

Die Pflegekräfte sind Mitarbeiterinnen von "Pflege mobil" aus Stegen. Vormittags betreuen drei, nachmittags zwei die Bewohner. Eine Fachkraft ist immer vor Ort, nachts kann sie gerufen werden. Eine von ihnen ist Marianne Saier. Die 45-Jährige ist Krankenschwester und seit Gründung der WG im Jahr 2007 im Team. Sie wäscht und duscht die Bewohner, singt und liest vor, hilft beim Essen – aber nicht nur das: Der Alltag bietet immer Überraschungen. Marianne Saier strahlt Ruhe aus. Ein alter Herr nimmt sein Glas Johannisbeersaft und gießt es quer über den Esstisch. Die Krankenschwester hebt nicht die Stimme, seufzt nicht, sucht nicht hektisch nach einem Lappen. "Jedes Verhalten hat einen Grund", sagt sie. "Und schnell-schnell geht gar nicht. Man muss hier lernen zu entschleunigen."

Agnes Holzer setzt einen Fuß neben den anderen. Ganz langsam, Schritt für Schritt bewegt sie sich voran. Mit den Händen stützt sie sich auf den Rollator und dreht eine Runde durch die WG. Sie lächelt beim Laufen. Dann reicht es ihr, sie weiß, wo sie hin will, zurück an den Tisch, auf ihren Stuhl.

Agnes Holzer wusste immer, wo sie hin will. Eine "starke Frau" sei sie noch heute, sagt Marianne Saier. In den 60er Jahren leitete sie eine Tankstelle – kein typischer Frauenberuf damals. Sie hatte immer den Überblick, erzählt ihre Tochter: Finanzen und Quittungen, alles verwahrte sie sorgfältig.

Elisabeth Holzer merkte, dass mit ihrer Mutter etwas nicht stimmte, als diese Ordnung wegbrach. Die 50- Jährige arbeitet selbst als Lehrerin für Pflegeberufe, kennt sich aus mit Krankheitsbildern und ihren Vorzeichen. "Man will das nicht wahrhaben am Anfang", sagt sie.

Wann sich die Demenz der Mutter nicht länger verdrängen ließ? Handwerker waren im Haus damals, erneuerten Wand und Boden im Wohnzimmer. Agnes Holzer, die rüstige Dame, verlangte, dass alle neuen Steckdosen wieder verputzt würden. Sie bestand hartnäckig: Dicht gemacht werden sollten die. Und die Handwerker gehorchten.

"Vielleicht dachte sie, dass der Stromverbrauch zu teuer würde", erklärt sich Elisabeth Holzer heute das Auftreten ihrer Mutter. Sie verlor den Überblick über die Finanzen.

Sie traute sich auch nicht mehr, alleine Bahn zu fahren. Nach einem Sturz musste sie ins Krankenhaus, bekam Psychopharmaka, ihr Zustand verschlechterte sich von Tag zu Tag. "Da war klar: Meine Mutter baut jetzt ab", sagt Elisabeth Holzer. Sie und ihr Mann holten die Saarländerin nach Kirchzarten, zunächst ins Pflegeheim. Später wurde ein Platz in der WG frei und Agnes Holzer bekam ihn. "Ich bin überzeugt: Das ist das Beste, was ihr passieren konnte", sagt ihre Tochter.

Die Wohnung ist eingerichtet wie ein richtiges Zuhause. Alte Holzmöbel stehen neben Wohnzimmersesseln, aus dem Fenster blicken die Bewohner in den eigenen Garten. "Mensch ärgere dich nicht" und "Grimms Märchen" stehen im Schrank. Es riecht nach Erbsensuppe und Apfelkuchen, nicht nach Desinfektionsmittel. Die WG ist kein Pflegeheim. "Wir sind zu Gast hier", sagt Marianne Saier über die Pflegekräfte.

Hauptmieter ist der Verein "Labyrinth". Gegründet wurde er 2003 von Angehörigen und Pflegenden, die sich eine Betreuung wünschten, die den Bewohnern das Gefühl von Heimat vermittelt. Regelmäßig treffen sie sich und beraten über alle Fragen des Zusammenlebens, etwa über größere Anschaffungen. Die Idee: Die WG ist der Lebensraum der alten Menschen, die Angehörigen vertreten sie. Die Pflege ist eine Dienstleistung, nicht der Sinn des Hauses. Großes Engagement bedeutet das. Die Angehörigen kaufen ein, putzen die Zimmer, waschen Wäsche und übernehmen Dienste. Mit den Fachkräften arbeiten sie zusammen. "Das ist die beste Qualitätskontrolle, die es geben kann", sagt Marianne Saier. Auch Ehrenamtliche engagieren sich hier, machen Spaziergänge, singen Lieder.  Elisabeth Holzer arbeitet gerne in der WG mit. Manchmal bereitet sie dann Gerichte zu, die ihre Mutter ihr beigebracht hat.

Die Erinnerung ist ein deftiges Essen. Als 81-Jährige hat Agnes Holzer noch für den Vikar ihrer Heimatgemeinde gekocht. Wenn ihre Tochter ihr erzählt, dass dieser "immer dicker" geworden sei dank ihrer Kochkünste, fängt sie meistens an zu lachen. Momente, die emotional aufgeladen sind, können "Inseln" sein, sagt Elisabeth Holzer. Inseln der Erinnerung.
Die werden immer seltener. Mit der Zeit schreitet die Demenz voran, und Agnes Holzers Erinnerungen gehen in der Zeit zurück. Ihre Tochter beschreibt das mit einem Bild: Das Gedächtnis ist wie ein Bücherregal, die Bücher darin sind die Erinnerungen, die wir im Laufe unseres Lebens gesammelt haben. Mit der Zeit wird der Zugriff auf manche Bücher schwieriger, irgendwann gehen sie ganz verloren. Zuerst fallen die jüngeren aus dem Schrank, schließlich die älteren. Agnes Holzer ist bei den Büchern ihrer Kindheit angelangt. Multi-Infarkt-Demenz lautet der medizinische Befund. Elisabeth Holzer benutzt den Begriff nicht gerne, ein Mensch ist mehr als seine Diagnose.

Mit kräftiger Stimme erzählt sie die Geschichte ihrer Mutter, immer wieder lächelt sie. Auch, als sie sagt, dass sie immer seltener als Tochter erkannt wird. "Das ist schwer", sagt sie. "Es ist ein langsames Verabschieden." Trotzdem scheint die Dankbarkeit zu überwiegen, dass dafür Zeit bleibt. "Da einsteigen, wo sie gerade sind", nennt Elisabeth Holzer die Art, mit den Demenzkranken zu reden. Bei ihrer Mutter steigt sie auf der Ebene der Gefühle ein. "Emotional", sagt sie, "versteht sie sehr viel."

In der WG gibt es Mittagessen. Zwei Mitarbeiter leisten Hilfestellung, die meisten Bewohner schlürfen ihre Suppe selbstständig. Agnes Holzer führt bedächtig den Löffel zum Mund. Auf dem Esstisch liegt ein blau-weißes Tuch, ein bayerisches Überbleibsel vom "Oktoberfest".

Elisabeth Holzer stellt ein gefülltes Glas neben den Teller ihrer Mutter. Die alte Dame hebt langsam den Arm und berührt ihre Tochter sanft an der Wange. Die Erinnerung zeigt sich als Lächeln auf Agnes Holzers Lippen.

"LABYRINTH"

Der gemeinnützige Verein "Labyrinth" – Wohn- und Lebenshilfe für Menschen mit Demenz e. V. – hat im Dreisamtal seit 2004 zwei Wohngemeinschaften für je acht an Demenz erkrankte Menschen geschaffen: im umgebauten ehemaligen Gasthaus "Hirschen" in Freiburg-Ebnet sowie im ausgebauten früheren "Birkenhof" in Kirchzarten-Burg. Ambulante Pflegedienste sorgen rund um die Uhr für intensive individuelle Betreuung.
In der Birkenhof WG in Kirchzarten wird Mitte November ein Zimmer frei. Interessenten erhalten Information und Beratung in der telefonischen Sprechstunde: jeden ersten Donnerstag im Monat, 19 bis 20 Uhr, Tel. 0151-59093579. Internetseite: http://www.labyrinth-freiburg.de  

Autor: lwi.

Autor: Lukas Wiesenhütter