In der Liebe ist genug nicht genug

Hartwig Kluge

Von Hartwig Kluge

Mi, 29. Januar 2014

Kirchzarten

Ensemble "Theaterlaune" aus Freiburg mit "Émilie und die Formen des Glücks" in der Talvogtei.

KIRCHZARTEN. Petra Zentgraf, die Intendantin der Kleinkunstbühne Burg hat etwas riskiert: Zum ersten Mal wurde in der Talvogtei in Kirchzarten mit "Émilie und die Formen des Glücks" ein Theaterstück aufgeführt. Das ambitionierte Ensemble "Theaterlaune" aus Freiburg, das gerade ihr zehnjähriges Bestehen feierte, war zu Gast.

Seinen besonderen Reiz sollte die Aufführung dadurch bekommen, dass dieses historische Stück in den alten Räumen der "Großen Stube" besonders zur Geltung kam. Der Regisseurin und Autorin Susanne Franz ist es gelungen, durch das besondere Ambiente die Zuschauer mit in diese Zeit hinein zu ziehen. Dazu trugen auch die faszinierenden Kostüme bei. Und – schönes Aperçu – die Zuschauer wurden im wahrsten Sinne des Wortes als Gäste betrachtet und kamen sowohl in den Genuss von lukullischen Köstlichkeiten als auch von wissenschaftlichen Ma-nuskripten.

Émilie du Châtelet (1706 bis 1749), die "Göttliche Geliebte" Voltaires, besaß ein unfehlbares Rezept für das Glück. Sie lebte exzessiv ihre drei großen Leidenschaften: das Glücksspiel, die Liebe und das Studium. Sie gehörte zu den Geistesgrößen des 18. Jahrhunderts und ihre Studien zur Optik und Mathematik waren bahnbrechend für ihre Zeit. Voltaire war von ihrem scharfen Verstand ebenso beeindruckt wie von ihrer zügellosen Leidenschaft. Um einem Haftbefehl zu entgehen, versteckt er sie in dem entlegenen Schloss in Cirey. Hier beginnt auch die Handlung: Émilie ist in ihre Wissenschaft versunken und versucht endlich die letzte Hürde in Newtons Weltsystem zu nehmen. Doch weil die Gäste zu früh sind, Voltaire auf sich warten lässt, läuft plötzlich alles ganz anders. Émelie ist genervt, packt aus und rechnet ab. Die Leidenschaft in der Hand, die Mathematik im Kopf, die Liebe im Herzen und die Musik als Gefährten. Das kann natürlich nicht gut gehen, und wir werden Zeuge eines Auf und Ab, in dem sie visionär ihren eigenen Tod als "alte Frau" mit 42 Jahren voraussagt.

Simone Rosa Ott ist die Rolle wie auf den Leib geschrieben. Welches Tempo und Temperament! Alle Stimmungswechsel meistert sie mit Bravour und ihr gelingt es, die Zuschauer in diesem anspruchsvollen Stück in ihren Bann zu ziehen. Dazu trägt auch ihr kongenialer Partner Hartmut Saam bei, der sie grandios und stimmungsvoll auf dem Akkordeon (was freilich erst 100 Jahre später erfunden werden sollte!) begleitete. Gelungen auch, wie er versucht, ihrer Schwärmerei mit Zitaten von Voltaire Einhalt zu gebieten. Aber die Müh ist vergebens – Émelie lebt selbstbestimmt und frei von Konventionen ihr Leben und nimmt ihr Schicksal ohne Hadern an. Die Zuschauer reagieren am Schluss mit langanhaltenden und herzlichen Beifall. Ein gelungener Theaterabend, der Lust auf mehr macht. Das findet auch Petra Zentgraf, die sehr zufrieden eine ausverkaufte Veranstaltung konstatieren konnte.