Macht auf die Tür...

Hinter der Tür des Alten Rathauses in Kirchzwarten wurde getrunken, gelernt und Politik gemacht

Dargleff Jahnke

Von Dargleff Jahnke

Sa, 02. Dezember 2017

Kirchzarten

Es war Wirtshaus, Schulhaus, Rathaus: das eindrucksvolle Alte Rathaus in Kirchzarten hat eine wechselvolle (Bau-)Geschichte.

In den vergangenen Monaten wurden einige Konzepte vorgestellt, wie das Alte Rathaus von Kirchzarten sinnvoll weitergenutzt werden soll. Alle Bewerber unterstrichen, die Historie des Gebäudes erhalten zu wollen. Bei den Beschreibungen wird jedoch rasch deutlich, dass sich kaum jemand mit der Bau- und öffentlichen Nutzungsgeschichte des Alten Rathauses genauer auseinandergesetzt hat.

Das eindrucksvolle Haus mit seinem markanten Dachreiter steht in der historischen Ortsmitte Kirchzartens. Nebenan auf dem heutigen Kirchplatz befand sich jahrhundertelang der Marktplatz des Ortes. Der Vorgängerbau des Alten Rathauses war ein multifunktionales Wirtshaus. Hier befanden sich die Verkaufsstände der Metzger, die sogenannten Lauben. Hier konnten sich die Kirchgänger und Bewohner nach dem Sonntagsdienst mit Fleischwaren eindecken.

In der Nähe der Kirche hatten auch die Krämer ihre Marktstände. Als 1762 die Stadt Freiburg das Gebäude zur Einrichtung einer Gemeindestube gekauft hatte, fand hier auch die erste Schule des Ortes seinen Platz. Der Unterricht hatte zuvor in der Herberge zum Rindsfuß, dem heutigen Hotel Fortuna, stattgefunden.

Beim großen Brand von Kirchzarten im Jahr 1807, bei dem etwa ein Fünftel aller Häuser Opfer der Flammen wurden, brannte auch die Gemeindestube ab. Die naheliegendste Lösung wäre gewesen, ein neues Gebäude an die Stelle zu bauen. Doch verhinderten dies vermutlich die damaligen schwierigen Besitzansprüche. So kaufte der Lehrer Joseph Reber die südliche Hälfte des freien Platzes, um dort bis 1808 sein privates Wohnhaus zu bauen. Für ein Wirtschaftsgebäude versuchte er zusätzlich, das nördlich angrenzende Grundstück zu erwerben. Das wurde ihm jedoch zweimal verwehrt, immer mit dem Hinweis auf ein geplantes Schulgebäude der Gemeinde. Dessen Fertigstellung verzögerte sich aufgrund des knappen Bauholzes aus dem Gemeindewald bis 1813. Die neue Schule Kirchzartens wurde direkt nördlich an Rebers Wohnhaus angebaut. 1842 kam mit dem Tod von Josef Reber das Ende der Lehrerdynastie Reber in Kirchzarten, sein Sohn Karl wurde 1849 als Revolutionär inhaftiert. In dieser Zeit kaufte die Gemeinde das Rebersche Wohnhaus.

Im Jahr 1850 wird dann erstmals ein Rathaus mit einem Beratungszimmer und Archiv am Standort erwähnt. Zum Schulhaus gab es im Inneren weiterhin keine Verbindung.

Bis zum Bau eines separaten Schulgebäudes waren die Räumlichkeiten für die Schüler durch immerwährende Enge gekennzeichnet, die Schülerzahlen überschritten immer das Platzangebot. Zudem mussten im Schulhaus alle Unter- und Hilfslehrer untergebracht werden. 1854 ersteigerte die Gemeinde von Theresia Steinhart das um 1730 erbaute hölzerne Bauernhaus, das unmittelbar östlich an das Schul- und Rathaus angrenzte. Es wurde Schulhausscheuer oder ursprünglich Balserhäusle benannt. Hier sollten sowohl die neuen Räume für die Schule als auch ein Stall für das Vieh des Lehrers unterkommen.

Doch auch die Verwaltung der Gemeinde wuchs stetig weiter. 1864 gab es erstmals Pläne zum Neubau eines Rathauses mit Spritzenhaus und einem Wachzimmer. 1879 wurde nach Protesten des Bezirksamtes im Schulhaus ein drittes Schulzimmer im Ratssaal eingerichtet. Zudem zog man im südlichen Rathausbau zwei Gauben und fünf Dachzimmer ein.

1890 musste ein Anbau für die Toilettenräume – getrennt für Mädchen und Jungen – erstellt werden. Dieser ist noch heute auf der Ostseite erkennbar, da er sich vom Hauptgebäude abhebt und verschindelt ist. 1910 war die Enge in den Schulräumen so drängend, dass die Gemeinde sich für einen Schulneubau am Platz der heutigen Grundschule entschied. Dieses Schulhaus wurde am 28. August 1913 eingeweiht.

1914 begannen umfangreiche Umbauarbeiten am Rathaus, in deren Folge das Gebäude das eigentliche Aussehen von heute bekommen sollte. Die Dachkonstruktion wurde erneuert und weitere Gauben wurden eingefügt, der prägende Dachreiter stammt ebenfalls aus dieser Zeit. Im Inneren wurden die Trennwände zwischen beiden Häusern durchbrochen. Man verlegte neue Wasserleitungen und erstmals elektrische Leitungen. Die getrennten Eingänge wurden beseitigt.

Im Außenbereich war der Abriss des hölzernen Balserhäuschens im November 1916 die bedeutendste Maßnahme. Der planende Architekt Schmidtgall aus Freiburg hatte darauf bestanden, da es die nötige Luft- und Lichtzufuhr für das Rathaus beeinträchtigte. Er bezeichnete es als muffiges, altes Haus, dessen wurmstichiges Holzgefüge Tausende von Mark an Sanierungskosten verschlucken würde. Diesem Wunsch fügte sich die Gemeinde.

Gebäude äußerlich seit

1916 kaum verändert

Nach dem Umbau hatte bis 1935 auch die Bezirkssparkasse ihren Platz im Rathaus. Danach zogen die Ortsgruppe der NSDAP sowie die Deutsche Arbeitsfront (DAF) und die Gendarmerie ein. Bereits bei Bekanntwerden der Auszugspläne der Sparkasse hatte der damalige stellvertretende Ortsgruppenleiter und niedergelassene Arzt Emil Krieg um Überlassung passender Bürozimmer gebeten. Der dritte Stock, in dem bis zuletzt die Energie- und Wasserversorgung Kirchzarten ihren Sitz hatte, war lange Zeit privat vermietet.

Das Äußere des Alten Rathauses von Kirchzarten hat sich seit 1916 kaum noch verändert, lediglich im Inneren wurden neue Räume für die immer weiter wachsende Verwaltung geschaffen. Das Rathaus erscheint den Betrachtern deswegen heute als ein zusammengehöriges Einzelgebäude.