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02. Februar 2016

Nachruf

Aurèle Nicolet: Grandseigneur der Flöte

Zum Tod von Aurèle Nicolet, der jetzt kurz nach seinem 90. Geburtstag in Freiburg starb.

  1. Spielte Barock bis Avantgarde: Aurèle Nicolet Foto: Ullstein Bild

Dieser Interpret war einer der renommiertesten Schweizer Musiker des 20. Jahrhunderts. Und er gehört zu den bedeutendsten Persönlichkeiten, die je an der Freiburger Musikhochschule gelehrt haben: der Flötist Aurèle Nicolet, der jetzt gestorben ist. Nicolet – das meint stets Flötenkunst in Vollendung. In Erinnerung bleiben der warme Ton, die Phrasierungsnoblesse, das Legato, das eigenständige, geradezu subjektive Vibrato. Intensität und Leichtigkeit waren in seinem Spiel, das auf zahlreichen Tonträgern dokumentiert ist, keineswegs Gegensätze.

Unvergessen ist der Einsatz für die zeitgenössische Musik. Berio, Zimmermann, Stockhausen et cetera: Namen, die etwa 1977 bei einem Soloabend in Freiburg auf dem Programm standen, wo Nicolet von 1965 bis 1981 an der Hochschule eine Meisterklasse leitete. Zuvor war er mehr als ein Jahrzehnt Professor in Berlin.

Geboren wurde Nicolet 1926 in Neuchâtel. Ausbildung in Zürich und Paris. Tätigkeiten im Tonhalle-Orchester Zürich und in Winterthur. 1950 engagierte ihn Wilhelm Furtwängler nach einem Vorspiel sogleich für die Berliner Philharmoniker, wo er zehn Jahre lang als Soloflötist amtierte. Nicolet, der weltweit auftrat, musizierte mit Karajan und Celibidache, in München auch mit seinem Jahrgangsgenossen Karl Richter und dem dortigen Bach-Orchester. Koryphäen wie György Ligeti und Aribert Reimann komponierten Novitäten für ihn. Beiträge seiner Schweizer Landsleute Klaus Huber und Heinz Holliger hob er aus der Taufe. Stichwort Holliger: Dessen für die Oboe kreierte Zirkularatmung, die gleichsam ohne Atempausen auskommt, übertrug Nicolet auf die Flöte. Keine avantgardistische Technik war ihm eine Hürde. Selbstverständlich hatte er das klassische Repertoire von Bach bis Mozart in Vollendung präsent. Bei Nicolet vereinigten sich natürliche Musikalität und jener warme Klang, der sein Markenzeichen wurde.

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Neben seiner solistischen Tätigkeit war Nicolet ein ganz hervorragender Lehrer. Einer, der seine Schüler förderte und forderte. Prominente Flötisten wie Emmanuel Pahud und Felix Renggli durchliefen seine Schule. Über die Flöte soll Nicolet bekannt haben, dass sie das am leichtesten zu beherrschende Instrument sei. "Man spielt schnell gut, aber der Weg von gut zu sehr gut ist sehr lang."

Aurèle Nicolet, der von der französischen zur deutschen Bläserästhetik eine tragfähige Brücke zu schlagen vermochte, war ein sehr feiner und empfindsamer Mensch, einer, der sich politisch interessiert und für andere Kulturen offen zeigte. Der Ehrentitel Jahrhundertflötist gebührt ihm zurecht. Die letzten 15 Jahre seines erfüllten Künstlerlebens hat der Grandseigneur der Flöte in Freiburg verbracht, wo er nun, kurz nach seinem 90. Geburtstag, gestorben ist.

Autor: Johannes Adam