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13. Februar 2016

Barock profitiert von Romantik

Freiburger Albert-Konzert: Bachs Goldberg-Variationen mit dem Klavierduo Tal & Groethuysen.

  1. Phänomenal homogen: Klavierduo Tal & Groethuysen Foto: Eckart

Es handelt sich um den größten und substanziell bedeutendsten Variationenzyklus in der Musik vor 1800. Das Prinzip der varietas wird bis zur Kante ausgereizt. Jetzt erklangen Bachs Goldberg-Variationen von 1742 bei einem Albert-Kammerkonzert in Freiburgs Musikhochschule. Nicht, wie vom Thomaskantor geplant, auf einem zweimanualigen Cembalo, sondern, vielleicht erstmals in Freiburg, in der heute kaum bekannten Bearbeitung des Wahl-Münchners Josef Rheinberger von 1883 für zwei Klaviere. Diese Fassung hatte – wir sind im Reger-Jahr – der pianistisch versierte (1916 verstorbene) Max Reger einer Revision unterzogen.

In der Freiburg war nun das Klavierduo Yaara Tal und Andreas Groethuysen für die Interpretation zuständig. Wobei sie der Bearbeitung der Bearbeitung, genau genommen, eine weitere hinzufügten – in seiner hilfreichen Einführung sprach Groethuysen denn auch von einer eigenen Fassung. Die in Ordnung geht. Signifikantestes Beispiel: Statt wie bei Rheinberger/Reger in eine sich abzeichnende romantische Apotheose zu münden, folgte am Ende, nach pausenlosen gut 70 Minuten und 30 Veränderungen, gleichsam entrückt und wie hingehaucht nochmals die sogenannte Aria, jenes thematische Fundament, auf dem der ganze Variationenkosmos fußt. Die Aria, die am ersten Klavier beginnt, an dem Groethuysen agierte. Das Phänomenale des in seinem Ablauf ungewöhnlichen Albert-Abends war vor allem – wer das Duo kennt, weiß es – die Homogenität dieser auch die Nuancen des Leisen pflegenden Pianisten. Zwei Spieler sprachen mit einer Stimme. Wie sie auf feinfühligste und geschmackvollste Weise Licht in die jeweils aus Tanz, Bravourstück und Kanon bestehenden Bach’schen Dreiergruppen brachten: Das bewies eminente Klavierkunst. Ein Paar, das sich gleichsam blind versteht.

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Immer wieder wurden aus den einzelnen Sätzen schönste Charakterstücke. Und zwar in größtmöglicher Klarheit. Auch bei den Kanons erfuhr man, dass selbst Konstruktivismus, satztechnische Strenge und kontrapunktische Finessen in all ihrer Dichte Charme haben können. Wie kostbare Perlen waren die einzelnen Sätze aufgereiht. Man hörte Motorik und Liebliches. In skurrilen Momenten war die Scherzo-Welt nah. Reger, der Rheinberger 1900 seine B-A-C-H-Fantasie für Orgel gewidmet hatte, berührt sogar den Parameter Klangfarbe – man denke an den Hinweis "quasi Oboe!". Variation 13 antizipierte ein romantisches Nachtstück. Jede Polyphonie (Fughetta!) wurde optimal transparent. Obwohl die Interpreten nie zum Donnern neigten, hatte die Ouvertüre zum Start von Teil II auf ihrer punktierten Strecke majestätisches Gewicht. Insgesamt profitierte Bachs Barock von Regers Espressivo-Ästhetik.

Und Variation 25, der Satz, den Groethuysen in seiner Vorrede zu Recht mit dem Attribut "erschütternd" belegt hatte? Bei dieser Piece, bei der die Grundtonart G-Dur nach g-Moll wechselt, taten sich, wie von Bach intendiert, Abgründe auf. Hochromantische Klänge traten im Affekt der Trauer und des Schmerzes zutage. Mitunter wirkte die Musik wie entmaterialisiert. Irdischer zu ging es dafür auf der Quodlibet-Etappe und beim Gassenhauer "Kraut und Rüben haben mich vertrieben". Das Duo Tal und Groethuysen bot die Goldberg-Variationen wunderbar und in höchstem Maß verinnerlicht. Solistische Exegeten wie Glenn Gould & Co. traten da in den Hintergrund. An diesem Abend hörte man Bachs gewaltigen Zyklus eben (spät-)romantisch, wobei die barocke Basis durchweg erkennbar blieb. Das Goldberg-Arrangement von Rheinberger/Reger unterstreicht: Auch diese Herren haben verstanden. Das ist musikalischer Historismus und nach dessen Gusto historisch informiert. Wer möchte, kann die finale Aria gern anhängen. Was ja geschah.

Autor: Johannes Adam