Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

01. September 2010 17:35 Uhr

Freiburg: Itamar Zorman gewinnt Violinwettbewerb

Der Bessere ist des Guten Feind

Der 24-jährige Israeli Itamar Zorman gewann den Freiburger Violinwettbewerb. Auf dem zweiten Platz kam Elena Graf aus Sölden, dahinter der Armenier Martin Yavryan. Der Preis für den besten jungen Interpreten ging an Milena Wilke.

  1. Die Preisträger: Yavryan, Graf, Zorman und Wilke Foto: killian

DIE SIEGER.
Für die Allermeisten ein klarer Fall. Er trat dann auch ein. Itamar Zorman, 24, Israeli, triumphierte gleich doppelt beim Internationalen Geigenwettbewerb in der Freiburger Musikhochschule: erster Preis und die Auszeichnung für die beste Wiedergabe eines Mozart’schen Violinkonzerts. Auf Platz zwei verdientermaßen die 22-jährige Elena Graf aus Sölden und dahinter Martin Yavryan, 27, Armenier. Ein Preis bleibt in Freiburg: der für den besten jungen Interpreten. Der maskulinen Wortwahl zum Trotz, ging er an die 14-jährige Milena Wilke. 28 machten insgesamt mit. Sechs von ihnen hatten die dritte, die Mozart-Runde erreicht. Das Niveau war hoch.

DIE REDNER.
Große Worte. Indes, nicht zu groß. Der Stolz war dem Wettbewerbsvorsitzenden Rüdiger Nolte anzumerken. Der Hochschulrektor dankte dem Land für die Finanzierung des Wettstreits, der die "wunderbare Tradition" von Wolfgang Marschners Spohr-Wettbewerb aufgreife. Dank vor allem an Rainer Kussmaul, den Geigenprofessor, der die Veranstaltung vorantrieb und sie prägte. Ein Vokabular, schwer zu toppen. Kein Problem freilich für den Stuttgarter Ministerialdirektor Klaus Tappeser. Den Freiburger Musikmenschen muss es noch lange in den Ohren klingen. Ein Wettbewerb, bemerkte er, der "international mitspielt", ein "phantastischer Abend, der weiterwirkt". Das Schönste ist, dass das alles nicht mal falsch ist.

Werbung


DIE PLATZIERTEN.
Gespannte Stimmung im randvollen Saal. Als Erste ist Elena Graf an der Reihe. Sehr, sehr lyrisch der Einstieg in Jean Sibelius’ d-Moll-Konzert überm Wispern der Streicher. Und blitzsauber. Die ganze Darbietung über kommen dann doch ein paar wenige unstete Gipfeltouren hinzu. Ein Ton, der sich gerade in den tieferen Lagen bald sonorer, breiter gibt. Souverän stürzt die junge Künstlerin sich in die große Kadenz an ungewohnter Stelle mitten im ersten Satz, in die vielen kadenzartig phantasierenden Momente. Die Lyrikerin in ihr entwickelt gleichermaßen einen Hang zum Strahlenden, auch zur Klangpoesie, zum Sanglichen. Immens ist der Nachdruck, mit dem sie sich in Sibelius’ oft dunkles Espressivo kniet. Und: Spätestens der Final-Polonäse begegnet die zuletzt in Frankfurt Studierende mit einer gehörigen Portion Virtuosität. In den zirzensischen Passagen scheint sie sich in einen Rausch hinein zu musizieren. Ein eher lyrischer Typ ist auch der mit ganz unklebrig-heller Inbrunst in Sergej Prokofjews zweites Violinkonzert g-Moll eintauchende Martin Yavryan, sehr feingliedrig, sehr souverän operierend dabei. Das Zirzensische wirkt bei ihm ein wenig unterspielt, vielleicht doch allzu unaufgeregt. Auch wenn im Kehraus die Folklore-Anklänge zu stampfen beginnen, reagiert er bemerkenswert zurückhaltend. Ein sehr guter Geiger, kein Zweifel. Sein Pech: dass sich der überragende Erstplatzierte dasselbe Stück aussuchte.

DER TRIUMPHATOR.
Ein Schlaks, der sich beim Weg durchs Orchester verläuft: der siegreiche Itamar Zorman. Schon das Eingangsthema akzentuiert der New Yorker Juilliard-Absolvent so überlegen wie empfindsam, dazu differenziert bis zum Äußersten. Wie er das zweite Thema abschattiert, in seinen Rückungen aufs Feinste, auch aufs Raffinierteste auskostet, ja abschmeckt – so sehen Gewinner aus. Ein Lyriker schließlich ist auch er – mit einem begeisternden Quantum an Zwischentönen, an betörenden Phrasierungen. Sodann: Wie er mit den gewinnendsten Kantilenen noch im häufig aufgesuchten Pianissimo das Orchester überglänzt, wie er sich mit ihm die Bälle zuspielt – das ist einer, der sehr bald zu den ganz Großen seiner Zunft vorstoßen dürfte, ein Riese des Geigenspiels. Überdies: kein Hexeneinmaleins, sondern eine überwältigende Demonstration des guten musikalischen Geschmacks, auch wenn’s bei Prokofjew fetzt und der Bogen tanzt. Keiner im Saal, der nicht gespürt hätte: Das ist der Herr des Abends. Die siebenköpfige Jury denkt offenbar genauso. Das Hallo ist gewaltig.

DAS ORCHESTER.
Die Baden-Badener Philharmonie ist eine der kleinsten und am bescheidensten ausgestatteten Formationen hierzulande. Gerade deshalb: beeindruckend der Auftritt auch in heiklen Sekunden, zumal auch, wenn das Orchester und sein Chef Pavel Baleff, spürbar ein erfahrener Opernkapellmeister, auf solistische Unwägbarkeiten zu reagieren hatten.

Autor: Heinz W. Koch