Die Schwarzwälder Scala

Heinz W. Koch

Von Heinz W. Koch

Di, 21. Juli 2015

Klassik

Das Festival "Rossini in Wildbad" fahndet wieder nach Raritäten: "L’inganno felice" und "Bianca e Falliero".

"Wenn Rossini isch, goht’s länger," sagt der Wirt im Wildbader Hof. Soviel schon mal zum Thema Umwegrentabilität. Mag die Enz gleich daneben auch noch so munter dem Neckar entgegenplätschern – die Adria ist sie nicht. Und so ist das grundsympathische kleine Festival "Rossini in Wildbad" wohl für alle Zeiten die Miniaturausgabe der "großen" Festivität in Pesaro, dem Geburtsort des Maestro. Eines ist den beiden indes gemeinsam: das Schürfen nach Raritäten. Zwei lange links liegengelassene Werke Gioacchino Rossinis sind’s diesmal an der Enz: "L’inganno felice" (Der glückliche Betrug), nach 2005 nun schon zum Zweiten, und "Bianca e Falliero".

Als Rossini 1812 "L’inganno felice" für Venedig schrieb, war er noch keine Zwanzig. Beinahe nirgendwo verspricht er soviel wie gerade hier für die Zukunft. Fast alles, was er später noch und noch anzapfen wird, sagt er hier zum ersten Mal. Und seltsam, wie die buffoneske Turbulenz immer wieder eingedunkelt, immer wieder durch einen verschatteten Unterton eingetrübt wird. Eine im damaligen Venedig gängige "Farsa" ist die Geschichte von der Herzogsgattin, die um ein Haar ein Opfer männlich-lüsterner Gemeinheit geworden wäre. Freilich, neben all dem Semi-Tragischen gibt’s eines der irrwitzigsten Plapperduette der Operngeschichte. Und wie Lorenzo Regazzo und Tiziano Bracci das hinlegen, das gestattet die Einordnung von "Rossini in Wildbad" als Schwarzwälder Scala – vollends jedoch der Glanzauftritt Silvia Dalla Benettas, die über der Eroberung des dramatischen Terrains ihre formidable Koloratur-Beweglichkeit nicht verloren hat. Artavazd Sargsyans in Wildbad bereits bekannte Tenorgrazie und Baurzhan Anderzhanovs Bass-Konsistenz bewegen sich auf der selben Ebene.

Diese Höhenflüge setzen sich bei der ganz großen Fundsache dieses Jahrgangs fort: Auch das Liebespaar in "Bianca e Falliero" (Mailand, 1819) triumphiert auf dem nämlichen Scala-Level. Die Sopranistin Cinzia Forte und ihre Mezzo-Kollegin Victoria Yarovaya durchmessen ihre vor Koloratur-Rouladen strotzenden, schier abartig schwierigen Partien auf fulminante Art. Das hierzulande offenbar noch nie gespielte Werk erzählt eine Romeo-und-Julia-Geschichte, die allerdings happy endet, und der dem Mädchen beinahe aufgezwungene Ehemann ist hier sogar der Clanchef eines der verfeindeten venezianischen Geschlechter. Rossini gelang dafür eine Fülle musikalischer Gedanken auf dauerhaft hohem Niveau.

Was der Regisseur und Ausstatter Primo Antonio Petris auf die Bühne der einstigen Trinkhalle bringt, ist freilich ein Spiel, das über weite Strecken auf Stehoper hinausläuft. Gestalten in güldenem Bilderrahmen und Venedig-Videos von einst und heute spielen eine große Rolle. Da schneidet die vernünftig argumentierende "L’inganno"-Inszenierung des Festivalintendanten Jochen Schönleber (Bühne: Robert Schrag) im ehedem Königlichen Kurtheater schon besser ab – wiewohl der Verdacht aufkommt, in besagtem Buffo-Duett reüssiere zum nicht geringen Teil auch die routinierte gestische und mimische Eigeninitiative der beiden Solisten.

Nimmt man "Die Italienerin in Algier" noch hinzu, dann drängt sich wieder der Befund auf, dass "Rossini in Wildbad" enorm an musikalischer Verlässlichkeit gewonnen hat, seit 2008 die Virtuosi Brunensis aus Mitgliedern der beiden Brünner Orchester das instrumentale Sagen haben. Bei der "Italienerin" ist es der erstaunliche José Miguel Pérez-Sierra, der als Dirigent einen so feingliedrigen wie nervigen Rossini-Ton entfacht. Vor allem aber ist es Antonino Fogliani, der Musikchef des Wildbader Unternehmens, der sich aufs Neue als unschlagbarer Rossini-Experte zeigt, wie er da die großen Szenenkomplexe strukturiert und durchlebt, wie er die hohen Erregungsgrade in "Bianca e Falliero" und die Dramatik von "L’inganno" mit berstendem Ausdruck ausstaffiert oder die rasend schnellen Partien mit der äußersten Akkuratesse hinzirkelt. Und er ist auch einer, der das Melodische ganz gelöst, wie von selbst daherschweben lässt.

Das Schürfen

nach Raritäten

Die szenisch angereicherte konzertante Wiedergabe der "Italienerin" begibt sich unterm Dach der von Raúl Giménez geleiteten Bad Wildbader Akademie BelCanto. Angesichts des europaweit rekrutierten Ensembles müssten Intendanten auf Sängersuche Luftsprünge vollführen. Zumal die Schweizerin Marina Viotti in der Titelpartie alles hat, was einen Koloratur-Mezzo von Rossinis Gnaden ausmacht. Wer in der zweiten Wochenhälfte den Weg nach Wildbad findet, begegnet einer weiteren absoluten Rarität: der "Sizilianischen Vesper", die der Stuttgarter Hofkapellmeister Peter Joseph von Lindpaintner 1843 schrieb.

Die Abteilung Schmankerl pflegt das Festival seit eh und je: meist unbekannte Salonopern mit Klavier. Diesmal gastiert das Teatre de Sarrìa aus Barcelona mit Manuel Garcías "Le cinesi" (Paris, 1831). Die Tenor- und Lehrer-Legende García wurde als Komponist zu Recht ernstgenommen. Vielleicht kein Originalgenie, gebot er gleichwohl gewieft über die Tricks und Kniffe der Buffa-Branche. Chinesinnen gibt’s da allerdings mitnichten, sondern drei gelangweilte Mädels, die einander erfundene Szenen vorspielen und vorsingen. Schönleber gelang in Barcelona ein an ironischen Brechungen reiches kleines Meisterstück in Personenregie. Und die vier jungen Solist(inn)en finden wir gewiss bald an großen Häusern wieder.
– Weitere Aufführungen: "Bianca" am 24. und 26. Juli, "L’inganno" am 23. Juli, "Die Italienerin" am 22. Juli, "Le cinesi" am 25. Juli, "Die sizilianische Vesper" am 23. und 25. Juli. Tel. 07081 / 10284.