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20. Januar 2012

Ein Diener der Tonkunst

Pionier der Alten Musik: Zum Tod von Gustav Leonhardt.

  1. Gustav Leonhardt Foto: dpa

  2. Gustav Leonhardt Foto: dpa

Man kam nicht umhin: Seine Erscheinung hatte immer etwas Aristokratisches, Asketisches, Strenges an sich. Die Miene war dabei meist so ernst, dass man sich fragte, ob dieser Mann denn überhaupt lachen konnte. Musik zu machen – darauf allerdings verstand sich Gustav Leonhardt, der jetzt 83-jährig in Amsterdam starb, meisterlich. Dieser international renommierte Niederländer zählte zu den Pionieren der Alten Musik und der sogenannten historisch informierten Aufführungspraxis. Studiert hatte Leonhardt einst Orgel und Cembalo bei Eduard Müller an der Basler Schola Cantorum. Auch in Freiburg war er mehrfach zu hören – 1982 etwa an der damals neuen Metzler-Orgel der Pfarrkirche St. Johann. 1955 hatte er das Leonhardt-Consort gegründet, als Ensemble gleichsam ein Synonym für barocke Klänge. Er dirigierte auch.

Leonhardt an den Tasten: Bei diesen Interpretationen gingen Klarheit, Tiefgang und Musikalität in eins. Leonhardt vermochte es, musikalisches Licht in so ferne, so entlegene und sperrige Welten wie die eines Sweelinck oder Frescobaldi zu bringen. Und dann besonders immer wieder ein Name: "Bach war der Größte von allen. Meine Bewunderung für ihn wächst jeden Tag", gestand er in einem Interview. Mit seinem Kollegen Nikolaus Harnoncourt, mit dem er 1950 in Wien gemeinsam musiziert hatte, spielte Leonhardt zwischen 1971 und 1990 sämtliche Kantaten Bachs ein. Ein signifikanter Kontrast etwa zur romantischen Münchner Bach-Exegese Karl Richters. Bach verhalf ihm 1967 zu einer Filmrolle: In Jean-Marie Straubs "Chronik der Anna Magdalena Bach" verkörperte Leonhardt den Barockgroßmeister. Anders als für Harnoncourt, der sich peu à peu in Richtung Romantik vorarbeitete, war für Leonhardt die Musikgeschichte mehr oder weniger mit dem Jahr 1750, dem Todesjahr Bachs, zu Ende. Für Leonhardt bedeutete dies indes keinerlei Einschränkung, sondern förderte vielmehr sein Spezialistentum.

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Leonhardt, der sich krankheitsbedingt vergangenen Dezember aus dem Konzertleben zurückgezogen hatte, zählte zu den Musikern, deren Zugang zum Gegenstand ihrer Kunst der Intellekt war, kaum das Gefühl. Akribische musikwissenschaftliche Forschung, Archiv- und Quellenstudien waren da obligatorisch. Und das Interpretieren wurde bei ihm nie zum Akt eitler (virtuoser) Selbstdarstellung. Gustav Leonhardt war ein weltweit geschätzter Diener der Tonkunst. Musiker, die derart hohe Ansprüche erfüllen, sind ziemlich selten.

Autor: Johannes Adam