Ein Jahrhunderttalent

Johannes Adam

Von Johannes Adam

Do, 03. August 2017

Klassik

Isabelle Demers an den vier Orgeln des Freiburger Münsters.

Fast blind geboren, war er gezwungen, im Dunkel zu leben. Düster, schwermütig ist nicht selten auch seine gleichwohl packende, individuelle Musik. Louis Vierne (1870–1937), 37 Jahre lang Organist an der Pariser Notre-Dame-Kathedrale, zählt neben Charles-Marie Widor zu den zentralen Orgelsinfonikern Frankreichs. Nach der bekannten Sinfonie Nr. 5 Widors vor einer Woche war jetzt die äußerst seltene "Fünfte" seines Schülers Vierne im Freiburger Münster zu hören, dessen aktueller Konzertzyklus ja dem breiten Motto "Sinfonisches" gehorcht. Das monumentale a-Moll-Werk ist Viernes ausladendste Orgelsinfonie und, wie es der Sinfonik-Experte Ben van Oosten auf den Punkt bringt, primär relevant ob der Tatsache, dass "sich hier das Wesen des Komponisten am deutlichsten zeigt". Eines erfolgreichen Künstlers, dessen Dasein jedoch durch persönliche Schicksalsschläge getrübt war. Die in Texas als Professorin lehrende kanadische Organistin Isabelle Demers brachte Viernes Dreiviertelstünder von 1923/24 nun ins Münster. Wo sie ihr Programm restlos auswendig vortrug.

Und wie! Uneitel, zielgerichtet, absolut werkdienlich. Ein gigantischer, nie abreißender Spannungsbogen wölbte sich da über Viernes Fünfsätzer. Bei dem alles aus zwei Themen entwickelt ist, die zu Beginn gleichzeitig vorgestellt werden: mit seinen fallenden Terzen das eine, chromatisch das andere. Das zyklische Prinzip wird auf die Spitze getrieben. Das Brütende, ja Depressive: Es war bei der Interpretation über die herbstfarbene Grave-Einleitung hinaus da. Zungenstimmen, also Trompete & Co., prägten das Allegro molto marcato, wo man in den Strudel der Durchführungsturbulenzen geraten konnte. Andernorts orchestrale Klänge, die wie geknetet wirkten. Das Fis-Dur-Larghetto präsentierte sich als Fest der Grundstimmen: warm, zart, Ruhe plus werkimmanent-latente Unruhe.

Nachgerade fratzenhaft geht es im Scherzo zu. Das skurrile Wasserspeier-Milieu (das später im Scherzo der sechsten Sinfonie noch potenziert wird) ist bereits zur Stelle. Von der Organistin wurde es famos inszeniert. Auch das bewegte Finale, in dem die Trübsal (beinah) ein Ende hat. Jene gelöste Carillon-Toccata im lieblichen A-Dur und Sechsachteltakt. So klingt Orgelsinfonik! Und so klingt Louis Vierne. Durch Nacht zum Licht. Meisterliche Kathedralmusik aus Paris wurde dabei souverän, exemplarisch und nachhaltig aufs Orgelquartett des Münsters transferiert.

Respekt, dass die Interpretin (Jahrgang 1982) nach dieser Leistung und diesem orgelsinfonischen Kraftakt auch noch zu feinster Orgel-Kammermusik imstande war: Als (für den Hörer) erholsame Zugabe erklang der hurtige Kopfsatz aus Bachs C-Dur-Triosonate. Vom Hauptspieltisch aus kam dabei die für Barockmusik prädestinierte Schwalbennestorgel zu einem hübschen flötigen Soloauftritt. So schloss sich ein Kreis – hatte der Abend doch mit Bach begonnen: An der Michaelsorgel auf der Westempore (mit Zuschaltung der Langschifforgel) hatte Isabelle Demers eingangs Bachs pfingstliche Fantasia über "Komm, heiliger Geist, Herre Gott" BWV 651 geboten, die Eröffnung der Leipziger Choräle. Als inspiriert gespieltes, geistreich artikuliertes Perpetuum mobile mit einem schlanken Plenum. Überdies lernte man ein Scherzo von Raymond Daveluy kennen, dem 2016 gestorbenen wichtigsten franko-kanadischen Organisten – ein farbiges Stück (Dulzian im Trio). Insgesamt: ein anspruchsvolles, ganz exzellentes Orgelkonzert. Mit der Besonderheit, dass man in Isabelle Demers im Münster einem Jahrhunderttalent begegnet war.