"Ein kleine Zeitreise durch Mendelssohns Kosmos"

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Mi, 30. November 2016

Klassik

BZ-INTERVIEW mit dem Dirigenten Thomas Hengelbrock über sein Weihnachtskonzert und seine Zukunft in Freiburg.

Der Balthasar-Neumann-Chor und das Balthasar-Neumann-Ensemble stimmen am Sonntag im Rahmen eines Albert-Konzerts im Freiburger Konzerthaus musikalisch auf das Weihnachtsfest ein. Alexander Dick befragte den Dirigenten Thomas Hengelbrock zum Programm.

BZ: Herr Hengelbrock, Sie setzen sich nachhaltig für das Werk Felix Mendelssohn Bartholdys ein. Gerade erst ist Ihre Interpretation des "Elias" auf CD erschienen. Warum wird Mendelssohns Musik unterschätzt, wie Sie sagen?
Hengelbrock: Mendelssohn war zu Lebzeiten der populärste Komponist in ganz Europa. Er hat das Erbe des 18. Jahrhunderts und der Klassik behutsam weiterentwickelt und der neuen Bürgerlichkeit in Deutschland das prägendste musikalische Gesicht gegeben. Erst als nach seinem Tod die antisemitischen Angriffe zunahmen – besonders Richard Wagner hat hier eine unselige Rolle gespielt –, begann sein Stern zu sinken. Und bis heute halten sich hartnäckig viele Vorurteile aus der damaligen Zeit. Dabei ist Mendelssohn alles andere als oberflächlich, sondern schlicht ein musikalisches Genie! Schon als Jugendlicher zaubert er Wunderwerke wie das Oktett oder die Ouvertüre zum Sommernachtstraum aufs Notenblatt. Nicht auszudenken, was noch von ihm komponiert worden wäre, wäre er nur annähernd so alt geworden wie Wagner.
BZ: Nach welchen Kriterien haben Sie die Programmierung Ihres Freiburger Weihnachtskonzertes mit Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble vorgenommen?
Hengelbrock: Unser Programm ist eine kleine Zeitreise durch Mendelssohns musikalischen Kosmos: Alle Werke haben einen weihnachtlichen Bezug, vom frühen "Magnificat" bis zu der als Fragment überlieferten Weihnachtsgeschichte aus dem unvollendet gebliebenen Oratorium "Christus". Über das musikalische Gebet "Verleih uns Frieden" nach den Worten Martin Luthers urteilte Robert Schumann: "Das kleine Stück verdient eine Weltberühmtheit und wird sie in der Zukunft erlangen. Madonnen von Raphael und Murillo können nicht lange verborgen bleiben."
BZ: Sie werden für dieses Konzert eine andere Sitzordnung im Konzerthaus vornehmen: die Interpreten in der Mitte des Saales. Warum? Hat es damit zu tun, dass Sie nicht glücklich sind über die Akustik dieses Hauses?
Hengelbrock: Das Freiburger Konzerthaus ist meiner Meinung nach akustisch kein wirklich gelungener Saal, auch die Anordnung der Bestuhlung ist nicht optimal. Wir versuchen es deshalb mit einer neuen Aufstellung: Durch die mittig im Saal positionierte Bühne werden größere Teile des Publikums dem musikalischen Geschehen näher sein. Aber es ist nur ein erster Versuch!
BZ: Die Eröffnung der Elbphilharmonie in Hamburg im Januar steht bevor. Und damit große Herausforderungen und Aufgaben für Sie als Chefdirigenten des Elbphilharmonie-Orchesters. Wird das Konsequenzen für Ihre Arbeit mit Balthasar-Neumann haben? Bleibt Freiburg künstlerischer Sitz von Chor und Ensemble?
Hengelbrock: Die Vorbereitungen für die Eröffnung der Elbphilharmonie dauern ja schon eine Weile an und haben natürlich auch bei mir viel Zeit und Energie gefordert. Ab der nächsten Saison aber, wenn sich in Hamburg alles wieder auf normalem Level einpendelt, werde ich wieder mehr Zeit für Projekte mit meinen Balthasar-Neumann-Ensembles haben und viele große Projekte, auch Opern, durchführen. Die Freiburger Musiker bleiben für mich meine Lebensensembles.

Konzert: Sonntag, 4. Dezember, 18 Uhr, Konzerthaus Freiburg.
Thomas Hengelbrock (58) gründete 1991 den Balthasar-Neumann-Chor und 1995 das gleichnamige Orchester. Seit 2011 ist er Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie

Orchesters in Hamburg.