Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

13. Oktober 2017

Es war einmal...

Albert-Kammerkonzert mit Jörg Widmann in Freiburg.

  1. Komponist und Klarinettist in Personalunion: Jörg Widmann Foto: dpa

Multiphonics sind Mehrklänge auf einem Blasinstrument – erzeugt durch gleichzeitiges Singen und Blasen. Jörg Widmann beginnt seine Fantasie für Klarinette solo mit solch einem sperrigen, bedrohlichen Klang, der wie ein Alarmsignal die Sinne schärft und nach der Pause des ausverkauften Albert-Abends die Zuhörer im Konzertsaal der Freiburger Musikhochschule sofort unter Spannung setzt. Immer wieder kehrt die Klarinette bei ihren virtuosen, mit atemberaubenden Läufen, Glissandi und Sprüngen bestückten Melodien zu diesen Haltepunkten zurück, bevor die nächste spektakuläre Passage ihren Lauf nimmt: Neue Musik als sinnliches Hörvergnügen!

Ansonsten steht der dramaturgisch dichte Abend ganz im Zeichen von Robert Schumanns Märchen-Kompositionen, die auch etwas von der Spontaneität und Assoziationskraft der Widmann-Fantasie in sich tragen. Direkt mit Schumann auseinandergesetzt hat sich der beurlaubte, inzwischen nach Berlin gezogene Freiburger Kompositionsprofessor in seinem Trio "Es war einmal...". Die fünf Sätze klingen stellenweise wie eine Überschreibung einer Schumann’schen Partitur: mit tonalen Inseln und typischen melodischen Gesten. Die aus Lahr stammende Bratschistin Tabea Zimmermann ist ebenso fantasievoll im Erfinden von Klängen wie ihr Klarinettenkollege. Dénes Várjon fasst im dritten Satz "Die Eishöhle" in die Saiten des Klaviers, um die notwendigen schnarrenden, kalten Klänge zu erzeugen.

Werbung


In seinen eigenen Werken zeigt sich Widmann als Klarinettist, der über unbegrenzte Ausdrucksmöglichkeiten verfügt. Bei Schumann indes fehlt es seinem Klarinettenklang an Wärme und Geschmeidigkeit. Besonders im tiefen Chalumeau-Register, aber auch in der extremen Höhe hat sein direkter Ton in den Märchenerzählungen op. 132 eine herbe Note, die sich schlecht mischt mit Viola und Klavier. In den Fantasiestücken für Klarinette und Klavier op. 73 fehlt es den großen Bögen an Homogenität. Wie sensibel man mit Klangfarben, Dynamik und Schattierungen umgehen kann, zeigen Tabea Zimmermann und Várjon in den Märchenbildern op. 113 – und das nicht nur im geheimnisvollen, langsamen Schlusssatz, der wie ein Hauch verklingt.

Alle Schumann-Interpretationen verbindet die agogische Freiheit der Interpretation. Jede Phrase atmet, das Zusammenspiel der Ausnahmemusiker beglückt. Auch Mozarts Kegelstatt-Trio besticht durch einen gemeinsam gefühlten Puls. Der hochsensible Dénes Várjon am Klavier ist dabei der Kitt zwischen Klarinette und Viola. Várjon bereitet die Stimmungswechsel im Rondo vor und gestaltet behutsam die Überleitungen, ehe sich die Drei mit einer melancholischen Zugabe, Max Bruchs "Nachtgesang" aus op. 83, vom begeisterten Publikum verabschieden.

Autor: Georg Rudiger