Flugstück und Klangkaskaden

Elke Seifert

Von Elke Seifert

Di, 22. Januar 2019

Klassik

Freiburger Albert-Konzert mit Pianist Arcadi Volodos.

Der fast unerträglich schmerzende, obsessiv sich wiederholende absteigende kleine Sekundschritt! In Alexander Skrjabins 1914 geschriebenem Werk "Vers la flamme" bohrt er sich ins Innerste des Hörers, zwingt ihn hinein in die ekstatische, sich rhythmisch und dynamisch gewaltig steigernde Klangverdichtung. Mit mitreißender Ausdruckskraft und einem eminenten technischen Können entfaltete der russische Meisterpianist Arcadi Volodos im Konzerthaus im Rahmen der Albert-Sonderkonzerte Miniaturen der Klavierliteratur von der Frühromantik bis zur formzertrümmernden Moderne.

Die Mazurka op. 25/3 des exzentrischen Mystikers Skrjabin, die noch stark an Chopin erinnert, wirkte bezaubernd durch ihre feindifferenzierte Interpretation. Die zarten Klänge des luftigen Flugstücks "Enigme" flogen durch den Raum. In umgekehrter Reihenfolge erschienen die "Deux Danses" op. 73, der nach Skrjabins eigenen Worten erklingende Tanz der Gefallenen in den "Flammes sombres" erklang mit düsterer Gewalt, die Klangkaskaden der "Guirlandes" perlten. Auch die sechs ausgewählten Juwelen der Werke Rachmaninows durchglühte der Pianist, gab diesen opulenten Tondichtungen durch die starke Präsenz seines Spiels eine faszinierende Unmittelbarkeit. Die "Etude-Tableaux" op. 33/3 in c-Moll gelang grandios!

Den Werken Schuberts im ersten Teil des Programms fehlte dagegen zunächst diese Kraft. Fein ausgespielte kleine Figuren im ersten Satz der unvollendet gebliebenen ersten Klaviersonate Schuberts D 157 aus dem Jahr 1815 beglückten. Aber im berührenden Andante erstarb der Klang durch das nicht mehr tragende Pianissimo. Auch an der Leichtigkeit des Menuetts haftete eine eigenartige Erdenschwere. Gänzlich zum Erliegen kam der musikalische Fluss in den ersten drei Werken der "Moments musicaux" D 780. Im Andantino As-Dur zerbrach das Legato in der linken Hand durch manieriert wirkende eigenwillige Rubati. Mit dem Moderato in cis-Moll verwandelte sich der Pianist plötzlich, die Musik begann zu fließen. Herzbewegend gelangen die Schicksalsschläge im "Allegretto" und die ersterbenden letzten Akkorde dieses Schubert’schen Spätwerks.

Schuberts Menuett D 600, "Les jeunes filles au jardin" von Frédéric Mompou und das Intermezzo op. 118/6 von Johannes Brahms waren die brillant dargebotenen Zugaben. Das durch Erkältungen indisponierte Publikum dankte mit langem Applaus.