Himmlische Klänge

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Fr, 02. September 2016

Klassik

ORGELFEST I: Saisonauftakt des Basler Sinfonieorchesters und Beginn des Orgelfestes im Münster.

So viel Klangmystik gab es selten wie beim Saisonauftakt des Sinfonieorchesters Basel im Münster. Wenn in Oliviers Messiaens "L’Ascension" die Streicher zum Schluss in den höchsten Lagen in überirdische Klangsphären entschweben, dann werden die Zuhörer im Basler Münsters ebenfalls in andere Sphären entrückt. Und wenn sich im Sanctus von Bruckners e-Moll-Messe der Bläser- und Chorklang hymnisch steigert, wird das Publikum abermals von einem tiefen religiösen Klangerleben ergriffen.

Das Sinfonieorchester Basel hat aus der Raumnot eine Tugend gemacht und bespielt in der Zeit, in der das Stadtcasino wegen Umbaus nicht zur Verfügung steht, andere Orte in der Stadt. So wurde nun das Münster zum Konzertraum, akustisch verbessert. Unter Leitung des Gastdirigenten Marek Janowski, entfalteten Messiaens vier sinfonische Meditationen über Christi Himmelfahrt eindrücklich ihre spirituelle Aura. Im ersten Satz dieser Orchesterfassung der "Himmelfahrt" verbreiten die Bläser eine erhabene Stimmung voller Wärme. Im zweiten Satz, einem Halleluja der gen Himmel aufsteigenden Seele, schwingen sich die Holzbläser über den dichten Streicherklang auf und erzeugen die pastorale Stimmung. Ins Transzendente führt der Schlusssatz, der ganz den Streichern vorbehalten ist. Immer höher schrauben sie sich hinauf in einem sinnlichen und von aller Schwere entrückten Klang.

Das Konzert war der Auftakt einer Bruckner-Reihe des Orchesters, in der neben den Sinfonien auch die Kirchenmusik dieses tiefreligiösen Komponisten im Fokus steht. Für Bruckners e-Moll-Messe für achtstimmigen Chor und Bläser konnten ganz große Interpreten aufgeboten werden. In Marek Janowski stand einer der profiliertesten Bruckner-Spezialisten am Pult, und mit dem MDR Rundfunkchor Leipzig einer der besten Chöre Europas auf dem Podium. So erfuhr Bruckners in der Harmonik so kühnes geistliches Vokalwerk mit seinen Verweisen auf den Palestrina-Stil und den Geist der Gregorianik eine großartige Darstellung.

Unter Janowski klang die Messe klar durchgeformt und transparent in der Klangarchitektur, auch in den mächtigen Klangballungen nie zu schwer oder zu wuchtig, sondern stets atmend im Klang und fein differenziert in der Dynamik.

Glänzend in Intonation und Textdeutlichkeit und exzellent in den dynamischen Abstufungen meistert der Spitzenchor die weite Spanne vom hauchzarten, kaum wahrnehmbaren Pianissimo bis zum mächtigen dreifachen Forte. Zart und geheimnisvoll entrückt in den Stimmen hebt das Kyrie an. Eindringlich gestaltet war das Gloria mit der kunstvollen "Amen"-Fuge in glanzvollem Blech und prachtvollem Chor. Grandios in der vokalen Klangentfaltung und in den Bläserakzenten war das Sanctus mit mächtigem Crescendo und aufstrahlender Leuchtkraft von Chor- und Bläserklang. Auch in der lyrischen Kontemplation des Benedictus mit schönen Holzbläserfarben und dem Agnus Dei mit der starken Verdichtung an der Stelle "miserere nobis" sowie dem ruhigen Ausklang beeindruckten Chor und Bläser durch einen Bruckner-Klang von archaischer Wirkungskraft und sakraler Intensität.

Da dieses Konzert zugleich den Start des Basler Orgelfestivals zum Reger-Jahr markierte, eröffnete Münsterorganist Andreas Liebig das Programm an der Mathis-Orgel mit Regers gewaltiger Phantasie und Fuge über B-A-C-H. Sehr virtuos, klangmächtig, dynamisch packend und klar im klangarchitektonischen Aufbau interpretierte Liebig Regers grandiose Hommage an den "fünften Evangelisten" Bach. Bruckner, Messiaen, Reger: ein spannender Dreiklang.