Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Georg Rudiger

Von Georg Rudiger

Mo, 03. Dezember 2018

Klassik

Herbstfestspiele im Festspielhaus Baden-Baden: Anna Netrebko begeistert bei einer umjubelten Verdi-Gala.

Schon nach wenigen Schritten auf der Bühne des Festspielhauses winkt Anna Netrebko dem Baden-Badener Publikum zu, das schon begeistert ist, bevor die russische Primadonna in der ausverkauften Verdi-Gala den ersten Ton gesungen hat. Hier trat sie schon als Ensemblemitglied des Mariinsky-Theaters Sankt Petersburg auf, als ihr Ruhm noch nicht weltweit strahlte. Es ist kein Zufall, dass es Intendant Andreas Mölich-Zebhauser gelungen ist, den russischen Superstar in seiner letzten Saison erneut in die Kurstadt zu holen. Zu seinem endgültigen Abschied im Sommer 2019 – danach übernimmt Benedikt Stampa die Intendanz – kehrt sie nochmals für einen Liederabend ins Festspielhaus zurück (14.7.). Mölich-Zebhausers letzte Herbstfestspiele präsentierten ein dramaturgisch locker verbundenes Programm, das von konzertanter Oper bis zur Kammermusik, von Solokonzerten bis zur Geistlichen Musik reichte.

Das von Jan Caeyers gegründete Ensemble "Le Concert Olympique", das bis auf Pauken, Trompeten und Posaunen in Baden-Baden auf modernen Instrumenten spielt, ist laut Programmheft einem zugleich historischen informierten und modernen Aufführungsstil verpflichtet. Das Konzert mit Beethovens "Missa solemnis" hinterlässt aber einen zwiespältigen Eindruck – und das nicht nur, weil das Solistenensemble (Laura Aikin/Sopran, Sarah Connolly/Mezzo, Steve Davislim/Tenor, Hanno Müller-Brachmann/Bassbariton) so gar nicht historisch informiert singt, sondern wie auch der Konzertmeister mit größtem Vibrato und romantisch geprägtem Duktus agiert. Auch der Wiener Arnold Schoenberg Chor zeigt in der extremen Höhe, die Beethoven im Chorsopran und -tenor fordert, erstaunliche Schwächen. Man hört die Anstrengung in diesen eisigen Gefilden und auch die eine oder andere Intonationstrübung. Dirigent Jan Caeyers kitzelt die Extreme heraus und lässt die Kontraste effektvoll aufeinanderprallen – der große Spannungsbogen aber fehlt.

Chorgesang hört man auch beim Konzert des Budapest Festival Orchestra. Hier sind es die Orchestermusikerinnen- und musiker selbst, die ihre Instrumente beiseite legen, um unter der Leitung ihres Dirigenten Ivan Fischer Dvoráks mährisches Volkslied "Opusteny" zu singen. Zur Zugabe von Pianist András Schiff versammelt sich das Orchester für Haydns Chorsatz "Der Greis" dann erneut ohne Instrumente um den Flügel. Der Konzertpianist wird zum Liedbegleiter – und hat an seiner neuen Rolle sichtlich Freude.

Zuvor hatte der hochsensible Pianist Beethovens erstes Klavierkonzert poetisiert – tiefgründig und natürlich zugleich! In Dvoráks selten gespielter sechster Sinfonie in D-Dur op. 60 kann der Streicherklang der Ungarn griffig, aber auch süß werden, um folkloristische Passagen mit Sehnsucht aufzuladen. Die prägnante Rhythmik wird mit Verve zum Leben erweckt – der Tanzboden ist nicht weit. Im Finale legen die Blechbläser noch eine Schippe drauf, damit das virtuose, mit einer Fuge gespickten Allegro con spirito noch mehr Schubkraft gewinnt.

Zum absoluten Höhepunkt wird die mit stehenden Ovationen bejubelte Verdi-Gala mit der großartigen Anna Netrebko. Ihre Desdemona beim Duett "Già nella notte densa" aus "Otello" setzt aus dem Nichts ein und dosiert die Emotionen. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, den die Russin mit großem Atem und wunderbarem Legato weiterträgt. Ihre Aida geht in der Arie "Qui Radamès verrà!...O patria mia" angesichts des bevorstehenden Todes immer wieder ins Mezzavoce, um den inneren Schmerz zu zeigen. Was Anna Netrebko vor allem auszeichnet, ist ihr großes Differenzierungsvermögen. In jede Phrase arbeitet sie Nuancen hinein, was Klangfarbe und Dynamik betrifft.

Aber die Verdi-Gala ist keine One-Woman-Show. Die gesamte Solistenbesetzung kann sich hören lassen. Netrebkos Gatte Yusif Eyvazov hat nicht nur bei Rodolfos Arie "Oh! fede negar potessi… Quando le sere al placido" aus "Luisa Miller" eine enorme Durchschlagskraft, mit der er gerade die Spitzentöne dramatisieren kann. Sein heller Tenor klingt nur ein wenig zu flach. Eyvazovs Landsmann Elchin Azizov verfügt über einen markanten Bassbariton, der genügend Schärfe besitzt, um dem teuflischen Glaubensbekenntnis von Jago in "Credo in un Dio crudel" die notwendige Dämonie zu verleihen. Dolora Zajicks Tiefe in "Stride la vampa!", der Arie der Azucena aus "Il Trovatore", ist beängstigend. Dirigent Michelangelo Mazza führt die Philharmonie Baden-Baden mit großer Metiersicherheit durch den Verdi-Abend. Ganz am Ende kommen alle nochmals für "Brindisi" aus "La Traviata" mit einem Glas Wein in der Hand auf die Bühne und prosten dem Publikum zu. Das haben sie sich redlich verdient.