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22. Oktober 2012 02:54 Uhr

Donaueschinger Musiktage

Komponist zerstört Instrumente - Protest gegen Orchester-Fusion

Protest, Politik, Provokation: Die Donaueschinger Musiktage im Spannungsfeld von Mensch, Medien und Maschine. Die geplante Fusion der SWR-Orchester aus Freiburg und Stuttgart überschattet das Festival.

  1. Das Nadar Ensemble hinter Videowänden sitzend bei Proben für die Uraufführung „Generation Kill“ bei den Donaueschinger Musiktagen. Foto: dpa

Der Mann eilt entschlossen auf das Konzertpodium. Er hat sich ein Violoncello und eine Violine angeeignet und verknüpft die beiden mit ihren eigenen Saiten. Dann streckt er die zwangsvereinigten Instrumente in die Luft und ruft: "Das ist kein Kunstwerk. So sieht die Fusion zweier historisch gewachsener Klangkörper aus."

Wenig später wird Johannes Kreidler, der Komponist, der den Auftakt der Donaueschinger Musiktage 2012 im Handstreich gekidnappt hat, die beiden Instrumente mit seinen Füßen zertreten… Jeder weiß was gemeint ist. Und natürlich fühlt sich so mancher an Fluxus, die radikale, antielitäre Kunstbewegung der 1960er erinnert, bei der so manches alte Klavier unter der Klinge der Axt zersplitterte. Allein: Das ist kein Fluxus. Eher Antifluxus. Denn hier richtet sich die Protesthaltung gegen die geplante Fusion der beiden SWR-Referenzorchester in Freiburg und Stuttgart. Gegen Kultur- und Traditionsabbau. Tempora mutantur – auch beim berühmtesten Festival für zeitgenössische Musik.

Es kommt nicht ganz unerwartet, dass die Donaueschinger Musiktage in diesem Jahr wieder politischer sind. Die Einschläge gegen jene Kultur, die nicht unter der Maxime der Quote operiert, kommen in immer kürzeren zeitlichen Abständen. 42 Kreuze stehen vor den Donauhallen, einem der Hauptschauplätze des Festivals. Wer sie aufgestellt hat, will keiner so recht wissen. Sie tragen die Inschrift von 42 Orchestern, die in den vergangenen Jahren von Politik und Gesellschaft (!) vernichtet oder zwangsvereinigt wurden. Die beiden SWR-Klangkörper befinden sich gesondert darunter. Dass die Fusion noch vollzogen wird – dagegen formiert sich nun doch, endlich und spät genug, vermehrt Widerstand.

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Der Landesmusikrat will in Verhandlungen das Unmögliche doch noch möglich machen, will im Schulterschluss mit den beiden Orchestervorständen die kleine Tür zum Erhalt der Orchester offenhalten. "Es braucht jetzt eine breite Bewegung", formuliert es Musikratspräsident Hermann Wilske, die Politik habe sich bislang "in großer Koalition" weggeduckt. Klar ist auch: Die Fusion gilt als beschlossen, es sei denn, die Geschäftsgrundlage ändert sich. Daran will der Landesmusikrat arbeiten.

Festivalchef Armin Köhler bittet um Besonnenheit

Donaueschingen 2012 ist anders. Festivalchef Armin Köhler musste nach der umjubelten Überraschungsperformance in Anwesenheit des Rundfunkintendanten vor dem Auftaktkonzert mit dem SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg in seiner Eigenschaft als Rundfunkangestellter um Besonnenheit bitten. Wenn schon Aktionen, dann nur vor den Spielstätten, denn: "Wir befinden uns jetzt im Wahrnehmungsmodus." Der "Wahrnehmungsmodus" gilt auch für die Komponisten. So viel politische Intention war schon lange nicht mehr. Etwa gleich zur Eröffnung.

Da ist Martin Smolkas hochsensibles "My My Country", das im Titel weniger an den tschechischen Nationalmusikzyklus "Mein Vaterland" Bedrich Smetanas anspielt als viel mehr noch auf Smolkas Heimat, an seinen Vater, den Musikwissenschaftler Jaroslav Smolka, dessen Schreibmaschine diese lyrische, überaus poetische Musik mit ihren schwimmenden, mikrotonalen Intervallabständen bereichert: eine subtile und ebenso subtil unter der umsichtigen Leitung des kurzfristig eingesprungenen Rupert Huber interpretierte Musik. Auch Helmut Oehring betont den politischen Impetus. In "Der syrische Freund" kombiniert der Sohn gehörloser Eltern Heterogenes: David Moss’ Sprachakrobatik, unterstützt vom wunderbaren SWR-Vokalensemble, mit einer Gebärdensprachen-Übersetzerin und syrischen Volksmusikklängen. Agitatorische und plakative Wirkung bleiben nicht aus.

Wie auch in Stefan Prins’ "Generation Kill". In dieser gesampelten Reflexion mit Projektionen der Musiker und tonlosen Bombardierungs-Videos scheint vieles wie Momentaufnahme. Weit überzeugender bei diesem Konzert mit dem Ensemble Nadar wirkt Johannes Kreidlers "Der Weg der Verzweiflung ist der chromatische". Dem Schüler der Freiburger Professoren Mathias Spahlinger und Orm Finnendahl gelingt eine schlüssige akustische Spielform, eine perfekt gesampelte Erzählung, die zwischen – virtuell eingeblendetem – klassischem – Neue-Musik-Ensemble und einer weit mehr mit den Möglichkeiten der Elektronik operierendem Klangkörper switcht.

Es sind die jungen Ensembles, die Armin Köhler in den Mittelpunkt der Musiktage stellt, weil ihre unkonventionelle, auf Laptop & Co rekurrierende Besetzung der neuen Qualität der Vernetzung von Mensch, Medien und Maschine, dem zentralen Festivalthema, in besonderem Maße gerecht werden. Das norwegische Ensemble Asamisimasa macht da in seiner konventionell wirkenden Besetzung nur vordergründig eine Ausnahme. Mit Eliav Brands "Crowd of Ears: the lament of V. Pollard" präsentiert es eine eigenartige Collage zwischen Renaissance-Lamento und volkstümlicher Trivialkadenz. Die größte Resonanz indes erfährt Trond Reinholdtsen mit seiner Christoph Schlingensief gemahnenden Provokation "Musik", die die Usancen des zeitgenössischen Musikbetriebs und seiner Chefideologen ebenso bösartig wie trashig persifliert: "Danke, Armin Köhler, wir machen hier Karriere" terzeln die vielseitige Sopranistin Silje Aker Johnsen und der Komponist im Wencke-Myhre-Klang.

Und selbst wenn all das nicht grundlegend neu ist, wie schließlich auch die vom Ensemble Nikel fabelhaft interpretierten und ebenso fabelhaft von Clemens Gadenstätter komponierten "Mad Songs" – traurige Lieder, die die Trauerkonvention zu umgehen suchen: Für Nostalgie bleibt bei diesen so spannenden Musiktagen keine Zeit. Mit einer Ausnahme: "Die Jahreszeiten", die Klanginstallation der beiden Freiburger Komponisten Mia Schmidt und Wolfgang Motz am Ententeich und vor einem Café in der Innenstadt rezipiert Klänge aus dem fürstlichen Park von einem ganzen Jahr – und damit den guten alten John Cage. Dem echten Entengeschnatter gesellt sich das virtuelle hinzu, und eine Stimme aus dem Off: "Was machen Sie hier?" Das ist alljährlich die Kardinalsfrage in Donaueschingen…
Karl-Scuka-Preis

Die Preisträger des bei den Musiktagen verliehenen Karl-Sczuka-Preises 2012 sind am 22.10., 20 Uhr, zu Gast in der Hörbar im alten Wiehrebahnhof, Urachstraße 40, Freiburg.

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Autor: Alexander Dick